Expeditionsreise-Training: Trockenübung

Reisen ist Abenteuer. Wer sich fahrerisch und technisch auf eine Offroad-Reise vorbereiten will, ist in einem mehrtägigen Seminar gut aufgehoben. Wir stiegen beim Expeditions-Master-Training mit auf den Beifahrersitz

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Fiese Witterung verleiht dem einwöchigen Training an der richtigen Stelle die nötige Spur Realität. Wer fährt sich schon bei Sonnenschein fest?

Expedition. Lateinisch: expedire, „losmachen“. Heute verstanden als Entdeckungs- oder Forschungsreise in eine entlegene oder unerschlossene Region. Wer das in der heutigen Zeit genau so umsetzen will, der muss sich schon in sehr ferne Ecken des Globus bewegen. Dorthin, wo es bis zum Horizont weder Strom- noch Funkmasten gibt. Immer mehr Overlander trauen sich das zu, legen sich Landkarten der Mongolei oder der Wüsten dieser Welt auf den Nachttisch und gehen gedanklich auf Reisen.

Was aber ist mit der wirklichen, praxisnahen Vorbereitung? Selbst bei der besten Planung einer Expedition gibt es viele Variablen, vom Wetter bis zu diplomatischen Stolpersteinen kann einem bei einer echten Expedition alles die Reisepläne durchkreuzen. Drei große Unbekannte begleiten aber jeden Reisenden -garantiert: der Zustand des Weges, die Frage, ob das Auto den Beanspruchungen standhält und die Sorge, ob die eigenen Fertigkeiten ausreichen – egal, ob fahrerischer Natur oder in der Eigenschaft als Mechaniker, Sanitäter, Psychologe, Navigator, Klempner oder Tischler –, um das Ziel ohne größere Blessuren zu erreichen.

Auf den Zustand der Wege hat man wenig Einfluss und das eigene Fahrzeug ist hoffentlich gut ausgerüstet, hat sich womöglich auf vorherigen Touren schon -bewährt. Wie aber wäre es mit einem Check seiner selbst? Damit, an der Fahrpraxis zu feilen und mehr Durchblick bei eventuell anstehenden Reparaturen zu bekommen – nicht in lauschigem Spielplatz-Ambiente, sondern unter Realbedingungen, tagelang am Stück? Verschiedene Trainer und Veranstalter wagen sich auf dieses komplexe Terrain und schulen ihre Teilnehmer in möglichst anspruchsvoller Umgebung, damit es auf echter Entdeckungsreise keine böse Überraschung gibt.

Einer dieser Kursanbieter ist TC-Offroad-Trekking. Dessen einwöchiges „Expeditions-Master-Training“ verspricht zumindest dem Namen zufolge einiges. „Wenn Sie die Reise Ihres Lebens planen, über Urwaldpisten durch Südamerika bis nach Feuerland, im -Alleingang bis zur Südspitze Afrikas, und Ihr Geländewagen dort irgendwo bis zu den Scheinwerfern im -Morast versunken ist, dann haben Sie da draußen nur eines, was Ihnen weiterhilft – Ihren Erfahrungsschatz!“, heißt es in der Veranstaltungsbeschreibung – und die legt zudem nahe, dass es auf einer Expedition vor allem auf fahrerisches Talent ankommt. Sechs Tage lang soll dieses vertieft werden, auf unterschiedlichstem Terrain, ergänzt um Workshops zur Navigation und Mechanik. Ein sattes Programm, zu dem sich in diesem Frühling zwölf Teilnehmer mit acht Autos angemeldet haben.

 

Offroad Fahr Training
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Mit dabei sind Solveig Minde und Rüdiger Weinaug aus Norddeutschland. Beide sind mit ihrem Land Cruiser schon länger unterwegs, aber ohne größere -Erfahrungen auf unbefestigten Wegen. Auch Reiner Rosenfeld aus dem Allgäu ist mit einem Toyota vor Ort, sein gerade fertiggestelltes Hochdach-Buschtaxi hat noch nicht viel von der Welt gesehen. Die beiden Schweizer Dagmar und Tobias Fässler runden das Land-Cruiser-Triumvirat ab. Die beiden wollen bereits zwei Wochen nach dem Training auf eine zweijährige Weltreise starten und nutzen das Seminar, um ihren roten „Fidel“ besser kennenzulernen.

Mehr Erfahrung bringt Bengt Hass mit, sein 110er- Defender ist perfekt ausgerüstet – im nächsten Winter soll es in die Karpaten gehen. Auch Jürgen und Monika Jakoby sind in ihrem Mercedes G schon weite Strecken gereist; bislang steigt Monika Jakoby lieber aus, wenn es im Gelände zu bunt wird, das soll sich unbedingt ändern, so das persönliche Ziel dieses Trainings. Für Martin Möhrmann und Michael Wöhr steht dagegen der Spaß am Offroaden im Vordergrund, wann kann man sich schon durch den Lausitz-Tagebau kämpfen?

 

Der Veranstalter stellt die Teilnehmer vor anspruchsvolle Aufgaben, nicht alles wird man auf Reisen erleben. Doch es stärkt im Ernstfall das Selbstvertrauen, schon Schlimmeres erfolgreich gemeistert zu haben. Egal, ob in weichem Sand oder tiefem Schlamm. Was oft zu kurz kommt: reisespezifische Softskills

 

 

Sonntagmorgen, 10 Uhr, Motorsportgelände Jänschwalde. Trainer Stefan Gärtner steigt ohne große -Umschweife ins Thema ein und begutachtet zusammen mit den Teilnehmern deren Autos. Technische Unterschiede werden aufgezeigt, besprochen und erklärt, dann sind die Reifen Thema. Als Vorbereitung für die anschließende Ausfahrt wird der Reifendruck bei allen Fahrzeugen abgesenkt und dazu passend „explosiv“ vorgeführt, wie man zur Not mittels bewusst entzündetem Bremsenreiniger einen von der Felge gesprungenen Reifen montiert und aufgepumpt bekommt. Klingt heikel, doch die praktische Vorführung nimmt den Schrecken. Der Tag hat gerade angefangen, schon sind erste Lektionen gelernt. Übungsinhalte hautnah zu erleben und Lösungswege zu finden, statt Internet-Videos anzuschauen – das funktioniert noch immer am besten.

Als Team lernt es sich leichter

Die erste Ausfahrt ins Gelände führt über eine „rote Strecke“ – wie auf der Skipiste also eigentlich nur etwas für Könner. So kommen die Fahrzeugmotoren und auch die Fahrer schnell auf Temperatur. Über Funk werden von den Instruktoren schon kleine Fahrfehler korrigiert oder Fahrtipps gegeben – und schon bald hängt der Erste fest. „Fidel“ wurde im Sand versenkt und muss befreit werden. Dem  Trainingskonzept folgend, werden die Teilnehmer von Beginn an in sämtliche Aktionen integriert, und so kommt der Wagen per Winde und Engagement aller Beteiligten schnell wieder frei. Anfassen statt Zugucken. Bergen mit der eigenen Winde, das Anlegen von Baumgurten und die Verwendung von Umlenkrollen, bereits am ersten Tag greifen die Trainer tief in die Technikkiste. „Der Bolzen eines Schäkels wird nie fest angezogen, eher lässt man einen halben oder ganzen Gewindegang frei!“ Hätten Sie es gewusst? Für die nötige Portion Realitätsnähe sorgt das Wetter: Regen und Kälte bestimmen den Tag – wer fährt sich schon bei schönstem Sonnenschein fest? Später kommt Dunkelheit dazu, bis 22 Uhr wird gewinscht, geschäkelt und gezogen. Nein, Schonprogramm ist die Seminarwoche sicher nicht, das ist schnell allen klar – und in den Hütten der Anlage fallen alle Teilnehmer bald erschöpft ins Bett.

 

 

Der Reiseveranstalter TC-Off­road-Trekking ist seit rund 20 Jahren spezialisiert auf Reisen durch unwegsames Gelände und veranstaltet jährlich mindestens ein sogenanntes „Expeditions-Master-Training“. Ziel dieser speziellen Veranstaltung ist das Vermitteln von Wissen rund um Situationen, die man eigentlich lieber nicht erleben möchte: das Stecken­bleiben mit dem Fahrzeug auf einem einsamen Track, Abbruch mitten in einem steilen Anstieg oder auch das Fahren in extremer Schräglage. Das ist aber nur ein Bruchteil der Übungen, die das vierköpfige Team rund um Sven Tegen (g.r.) beim einwöchigen Lehrgang durchführt. tc-offroad-trekking.de

 

Auch der Montag steht ganz im Zeichen unangenehmer Fahrsituationen: dem Aufrichten und Sichern eines umgekippten Fahrzeuges und der Rettung einer verletzten Person. „Vor dem Aufrichten des Fahrzeuges immer die Handbremse anziehen und einen Gang einlegen“, lernen die Teilnehmer, lernen aber auch technische Hintergründe wie den „Ölschlag“ kennen, einen Motorschaden durch Öl im Brennraum. Sich daraus ergebende Fragen werden ausführlich diskutiert. Am Nachmittag ist dann freies Festfahren und Retten angesagt, was alle Teams ausgiebig nutzen. Die vier Trainer sind dabei mit ihren Fahrzeugen immer in Bewegung und helfen den „Verunglückten“ bei der Befreiung aus den Sand-bergen. Es wird deutlich, warum echte Expeditionen meist in Teamstärke angegangen werden, gemeinsam ist man stärker. Doch spiegelt das den Reisealltag -wider? Meist ist man ja doch mit nur einem Fahrzeug unterwegs und auf sich allein gestellt.

Darüber grübelten auch Dagmar und Tobias Fässler: „Wir haben viel gelernt und fühlen uns für die Reise gut gerüstet, aber das Training ist stärker auf die klassischen Hardcore-Offroader ausgerichtet.“

 

Leichtes Missverhältnis – Fahrtraining XXL statt Tourvorbereitung: Der Kurs von TC-Offroad fokussiert auf den sicheren Umgang mit dem Wagen. Overlander-spezifische Reisethemen werden nur am Rande berücksichtigt, dabei würden sie das Angebot sinnvoll abrunden

 

Doch „Hardcore“ hat einen guten Grund, der am folgenden Tag nachvollziehbarer wird, als es zur Exkursion in den Tagebau geht. Hier wird keiner geschont, bereits nach kurzer Fahrt bleiben die ersten Autos im Schlamm stecken. Die Situationen sind sehr realistisch, wer auf seiner Reise wirklich intensiv ins Gelände vordringt, wird sich vergleichbaren Aufgaben gegenübersehen. Bengt Hass bleibt mit seinem Defender an einer Stelle tief im Schlamm stecken, die bereits von zwei anderen Autos problemlos passiert wurde. Die Überraschung ist groß, aber das passiert auf Expeditionen nicht selten – mit jeder Durchfahrt hat sich der Untergrund verändert, den letzten beißen die Hunde. Der Vorteil des Trainings: Diese Erfahrung machen die Teilnehmer in einer sicheren Umgebung. Solch eine Situation würde man allein vermutlich nicht üben, in der Gruppe ist die Lernkurve steil. Schon nach wenigen Tagen ist der Zusammenhalt spürbar, die Teams bewähren sich souverän im Troublemanagement, stets von den Trainern angeleitet und -unterstützt. So dauert es keine fünf Minuten, bis der Defender wieder rollt. Und beim nächsten Mal? „Einfach etwas mehr Schwung!“

Nach einer eintägigen Roadbook-Tour, die von -einem Fahrgelände in das nächste führt – und die Teilnehmer an den Umgang mit dem GPS-Gerät heranführen soll, steht in Stadtoldendorf ein handwerklicher Programmpunkt an: ein halbtägiger Schrauberlehrgang. Ein defektes Kühlsystem oder einen Keilriemen instand setzen, Reifen und Schläuche reparieren, -verschiedene kleine Reparaturen und Problemchen werden besprochen und Lösungen für unterwegs aufgezeigt. Von diesen Inhalten dürfte es gern mehr geben, auch die Überführungsfahrt bot kaum Möglichkeiten, die GPS-Navigation wirklich kennenzulernen und auszutesten. In diesem Bereich steckt großes Potential.

Fahr-Fokus – Das Auto ist Hauptinhalt

 

Am siebten Tage sollst du ruhen. Ein Ratschlag, den die Teilnehmer des Master-Trainings mit Sicherheit befolgen werden, als eine ereignisreiche Woche zu Ende geht. Eine Woche, in der Fehler gemacht werden durften, in der man ohne Gefahr sich und sein Mobil austesten konnte, um zu sehen, wie weit man auf seiner persönlichen Expedition wohl wird gehen können.

Diese Grenze hat sich, soviel ist klar, bei allen Teilnehmern in kurzer Zeit ein weites Stück verschoben. Ob das die Teilnahmegebühr von mehr als 1500 Euro wert war? Da ist man sich einig. Allerdings wird sich nicht immer jeder Trainingsinhalt auf das eigene Reiseverhalten anwenden lassen, schließlich hat nicht jeder eine Seilwinde dabei oder einen Kumpel im zweiten Fahrzeug im Rückspiegel. Als Tipp für Interessierte gilt deshalb: Den Trainingsanbieter nicht in erster Linie nach der Entfernung zum Wohnort aussuchen, sondern anhand der vorrangig betreuten Fahrzeugart – vom Pickup bis zum Lkw haben sich manche Anbieter mitunter im Laufe der Zeit spezialisiert. Und dann muss fortan die Landkarte auch nicht mehr auf dem Nachttisch liegen und zum Träumen einladen, sondern kann griffbereit  in der Mittelkonsole stecken. 

 

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