Herz für Stahl – In der Schrauberscheune mit Alex Enes

Alex Enes ist gelernter Kfz-Mechaniker und war anschließend sieben Jahre als Service- techniker tätig. Fahrzeuge und Elektrik sind sein Steckenpferd

Schrauberscheune
Seit einem Jahr schraubt Alex Enes an ­seinem Iveco Magirus. In vier Jahren will er mit ihm auf Reisen gehen

Dicke Reifen, ein gewaltiges Fahrerhaus und ein mächtiger Stahlrahmen auf einem 12-Tonnen-Fahrgestell – das ist etwas für richtige Kerle. Für solche, die den ganzen Tag in Arbeitsmontur herumlaufen, bei denen der Dreck einfach unter die Fingernägel gehört. Für solche, die so grimmig gucken, dass man freiwillig auf Abstand geht.
Nun, so einer ist Alex Enes eigentlich nicht. Zwar hat sein Laster 14er-Räder und einen V8 – und grimmig gucken kann er auch. Doch das war nicht immer so, zumindest die Sache mit dem Auto. Früher war Enes mit ­einem gewöhnlichen Wohnmobil unterwegs, doch der Boom in der Camping­szene ging auch an ihm nicht vorbei. Ausgebuchte Campingplätze und überfüllte Stellplätze sollen der Vergangenheit angehören, Autarkie ist nun angesagt – Untersetzung und Sperren sind doch schon mal eine gute Voraussetzung, oder nicht?
Für Enes stand sehr schnell fest, dass sein neues Fahrzeug ein Iveco Magirus 120-25 sein soll. Warum? Seit zwölf Jahren ist der Meppener beim ADAC angestellt. Dabei ist sein Team nicht nur für Pkw, sondern auch für Lkw zuständig. In all den Jahren, in denen das Team zu Pannen ausrücken musste, stand nie ein 120-25 am Straßenrand. Das liege daran, dass der Lkw luftgekühlt ist und somit weniger anfällig für typische Pannen sei, ist der Mechaniker überzeugt. Doch das ist nicht das einzige Argument für seine Wahl. „Die Motoren gibt es heute noch neu zu kaufen. Sie werden in Mähdrescher eingebaut und in Krankenhäusern als Notstromaggregat verwendet. Jede Dichtung, jedes Bauteil kann man heute auch noch als Neuteil bekommen”, erklärt Enes. Durch seinen Job hat er ideale Bedingungen, um den Einsatz­wagen zum Reisemobil umzubauen. Der reiht sich in einer warmen, beheizten Halle wie selbstverständlich neben einem MAN KAT mit Kran und anderen Bergefahrzeugen ein. Grube, Kompressor, Platz – alles da.

 

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Wer rastet, der rostet

Zwar wusste Alex Enes von Beginn an, welches Fahrgestell er möchte, doch das brachte ihm noch längst nicht das perfekte Modell in die Werkstatt. Der Selbstausbauer musste lange suchen, denn es sollte ­eine möglichst rostfreie Basis sein. Bei einem früheren Projekt, einem Jeep Wrangler, hatte das Entrosten und Schweißen sehr viel Zeit in Anspruch genommen, das musste nicht noch einmal sein. Im Dezember 2018 dann der Glücksgriff: Ein niederländischer Händler konnte mit dem Einsatzwagen einer Feuerwehr nicht allzu viel anfangen. Der Magirus, Baujahr 1987, war erst 38.000 Kilometer gelaufen und die restliche Zeit seines Daseins in einer trockenen, beheizten Halle gestanden. Kein ­Wunder, dass er nur an den wenigen Stellen, an denen der vorherige Kofferaufbau des 256 PS starken Löschfahrzeuges montiert war, leichte Spuren von Rost zeigte, alles nicht der Rede wert.

 

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Über 20 Jahre ist es her, dass der Selbstausbauer den Umgang mit dem Schweißgerät gelernt hat. Da muss er sich nun erst einmal wieder herantasten – auch beim Rahmen seiner Kabine

 

Um sicherzugehen, zerlegte Enes dennoch das komplette Fahrerhaus bis auf das Armaturenbrett, baute die Türen und die Scheiben aus. Rost unter den Gummidichtungen? Keine Spur. Auch die Sitze mussten weichen und gaben den Platz für ihre beheizten und luft­gefederten Nachfolger frei. Doch es gab einen weiteren Grund, weshalb Enes alles ausbaute, denn eines mag er genauso wenig wie Rost: Wenn die rote Originalfarbe im Innenraum der Kabine sichtbar ist, obwohl das Äußere schon den neuen, grauen Lack trägt. Das ausgeräumte Fahrerhaus erleichterte es ungemein, den alten Einsatzwagen zu lackieren – die ­einzige Arbeit am gesamten Projekt, die der Schrauber einem weiteren Fachmann überließ.

Er setzte die Flex an. „Und dann gab es kein zurück. Das war ein mieses Gefühl“

Dabei ist dem 42-Jährigen der Umgang mit der Materie nicht fremd. Als gelernter Kfz-Mechaniker, der anschließend sieben Jahre als Servicetechniker in einer VW-Werkstatt tätig war, bringt er ein breites Wissen für den Umbau mit. Eine Aufgabe aber ließ ihn kurzzeitig zurückschrecken: das Kürzen des Fahrerhauses. Doch frei nach dem Motto „Was andere können, kann ich auch”, informierte er sich mit Hilfe von Videos, legte dann am Fahrerhaus eine Maurerschnur an, zeichnete die Schnittlinie und setzte die Flex an. „Und dann gab es kein Zurück mehr. Das war ein mieses Gefühl.” Das Kürzen klappte jedoch so gut, dass Enes das auch gleich beim Fahrerhaus vom Lkw seines Kumpels tun durfte.

 

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Keine halben Sachen

Das Thema ist mittlerweile abgehakt, weiter geht es zum nächsten Schritt: „Wovor ich wirklich Respekt hatte, war der Zwischenrahmen.” Dieser Teil des Projektes erforderte einen deutlich höheren Aufwand, nicht nur beim Bau selbst. „Die Recherche beansprucht viel Zeit, was viele Selbstausbauer unterschätzen. Vor allem ein solches Bauteil wie der Zwischenrahmen. Das verzeiht keine Fehler. Wenn der Rahmen nachgibt, ist der Koffer kaputt, egal wie stark er gebaut ist”, ist Enes überzeugt. Deshalb sei ihm auch die Qualität des Stahls so wichtig. Und so wählte er nicht die Stahl­sorte, die in der Aufbaurichtlinie vorgegeben ist, sondern eine, deren Festigkeit zwei Grade stärker ist: ­ST-355.
Weil auch das tragende Gerüst der Kabine aus Stahlrohr entstehen sollte, zog schon zu Beginn des Projektes ­eine professionelle Bandsäge in der Werkstatt ein.

 

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Alex Enes möchte beim Umbau seines Lösch­fahrzeuges zum Reisemobil möglichst alle Arbeiten selbst durchführen. Deshalb kaufte er sich eine Bandsäge, um die Stahlträger für seinen Rahmen anzupassen. Ein Glück, dass in den Hallen seines Arbeitgebers so viel Platz ist, dass er solch riesige Maschinen unterstellen kann.

 

Wenn schon so viel Zeit, Geld und Fleiß in dem Zwischenrahmen steckt, dann darf er natürlich keinesfalls anfangen zu rosten. Konservierung in jeglicher Form stand für Enes in den folgenden Tagen auf dem Programm. „Ich will nicht, dass der Lkw anfängt zu gammeln!”, ist er besorgt und trägt immer wieder eine Schicht Wachs auf den Rahmen auf. Selbst von innen ist der Stahlkoloss konserviert. Die Gelegenheit ist gut, jetzt all diese Arbeiten im Vorfeld durchzuführen, ehe die Kabine auf dem Zwischenrahmen befestigt wird. Das weiß auch Alex Enes. Er mag keine halben Sachen: Fahrerhaus, Rahmen, Kabine – lieber stellt er Schritt für Schritt alles fertig, dafür aber dann richtig. Eine Matratze in einen halbfertigen Wohn­koffer schmeißen? Dafür ist er ganz ­bestimmt nicht der Typ.
Wofür aber Zeit bleibt, ist YouTube. Dort gibt er sein Wissen an seine interessierten Zuschauer weiter. Er erklärt ­jeden Schritt seines Umbaus so genau, dass auch Laien ihn nachvollziehen können. Sein Publikum goutiert das, überhäuft seine Arbeit und Erläuterungen mit Lob. Gleichzeitig wird er im ­Video-Portal mit Fragen über seinen Ausbau überrannt: „Wie viel wiegt dein Zwischenrahmen?” „Kannst du uns ­etwas zeigen, wenn du nicht weiterkommst?” „Nicht weiterkommen ist keine Option”, antwortet er darauf. ­Natürlich. Aber auch im realen Leben nimmt er sich Zeit für die Fragen, ­bekommt fast jedes Wochenende in seiner Werkstatt Besuch von anderen Selbstausbauern.

 

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Auch die Konsolen der Federlagerung fertigt der Selbstausbauer in Eigenregie

 

Dass Alex Enes solch ein sympathischer und offener Mensch ist, wagt man im ersten Moment noch zu bezweifeln. Sein Blick ist ernst, konzentriert. Doch er ist nicht der Typ Mensch, vor dem man zurückschreckt. Je länger sich das Gespräch um den Lkw dreht, desto mehr merkt man, wie sehr Enes für dieses Projekt lebt. Er beginnt zu lächeln. Er gibt dem Zuhörer ein Gefühl dafür, wie wichtig es ihm ist, jeden Schritt zu hinterfragen und am Ende perfekt durchzuführen. „Die besten Ideen bekomme ich nachts vor dem Einschlafen. Es gab auch schon Situationen, da bin ich nachts um ein Uhr aufgestanden, mit einem Zollstock in die Halle gegangen und das nur, um etwas nachzumessen.” Ob er mit dem Magirus für längere Zeit verreisen will? „Ich will darin leben.” Während andere Menschen sich also ein Haus bauen, erfüllt sich Alex Enes ­seinen Traum vom ewigen Vagabundenleben auf knapp 14 Quadratmetern.

„Wo ich wirklich Respekt vor hatte, war der Zwischenrahmen“

Harte Schale, weicher Kern

 

 

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Viel ist von dem Dasein als Feuerwehr mittlerweile nicht mehr zu erkennen, denn einiges hat Enes verschrottet oder verschenkt. Den Original-Koffer hat er einem Kumpel überlassen, der unter anderem die Jalousien für eine Bar in ­seinem Partykeller nutzen will. Allzu viel Zeit mit dem Verkauf des Interieurs der ehemaligen Feuerwehr wollte der Selbstausbauer nämlich nicht vergeuden, sondern sich lieber mit dem Schweißgerät an der Wohnkabine probieren. Den Stahlrahmen hat er zunächst mit Schweißpunkten fixiert und die Fenster angepasst, bevor er den Rahmen schluss- endlich komplett zusammenfügte. Etwa 20 Jahre ist es nun her, dass Enes in seiner Ausbildung das Handwerk gelernt hat – an den Umgang mit den Stahlrohren musste er sich bei seinem Projekt erst einmal wieder herantasten. Ist der Rahmen fertig, will er die Kabine mit Alublech beplanken und mit XPS-Hartschaum dämmen. Von innen soll der Camper durch Holz eine angenehme Atmosphäre bekommen. So, dass er sich mit seinem Hannoverschen Schweißhund auch dauerhaft in dem neuen Zuhause wohlfühlt. Die gesamte Konstruktion hat der Kfz-Profi über die kostenlose CAD-Software SketchUp angelegt und auch die Möbel will er selbst tischlern.

 

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Bevor die Stahlrohre des Kabinen-Gitterrahmens verschweißt werden, passt Alex Enes mit der Wasserwaage die Fenster an. Die Kabine hat er lotrecht auf dem Hallenboden ausgerichtet

 

Mit dem fertig ausgebauten Fahrzeug will Alex Enes in ein paar Jahren in Richtung Russland und die Mongolei aufbrechen. Sein Vorteil: Bis zu seinem 13. Lebensjahr lebte er in Russland. Vor allem an Grenzübergängen erhofft er sich, diesen Bonus nutzen zu können. Verständigungsprobleme wird er auf der Route gen Osten jedenfalls nicht haben. Bevor die große Tour aber losgehen kann, will er zunächst einmal testweise Europa bereisen. Er möchte seinem Magirus und sich Zeit geben, sich besser kennenzulernen. Direkt nach Marokko hetzen, um den Lkw in den Dünen bis an seine Grenzen zu bringen – das muss einfach nicht sein. Und bei so viel Fürsorge für sein Projekt, kann das Bastler-Herz doch gar nicht so stählern sein.