Vorsicht, giftig! Schlangenbisse behandeln

Schlangenbisse gehören zu den meist vernachlässigten Tropenkrankheiten. Wie man im Fall eines Bisses vorgeht und wie man ihm am besten vorbeugt

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Die ägyptische Sandrasselotter gehört zu den Schlangen, die am gefährlichsten für den Menschen sind

Heimtückisch und gefährlich – Giftschlangen sind bei den meisten Menschen nicht sehr beliebt. Viele haben richtige Angst vor ihnen. Dabei schützen Schlangen ihre Heimatgebiete vor Rattenplagen und auch in der Medizin ist ihr Gift durchaus von Nutzen: derzeit werden Schlangengifte in den Bereichen der Neurobiologie, Blutgerinnung und sogar in der Krebsforschung eingesetzt.

 

Unterschätzte Krankheit

Zugegeben, das macht einen Biss nicht angenehmer. Und die Anzahl an Schlangenbissen ist hoch: Rund fünf Millionen Menschen werden jährlich von einer Giftschlange gebissen, 400.000 tragen dauerhafte Behinderungen davon, zwischen 81.000 und 138.000 Menschen sterben am tödlichen Gift – so zumindest die offiziellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Dunkelziffer der tödlichen -Bisse wird als höher eingestuft, da viele der Opfer keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben und nicht gemeldet werden. Schlangenbisse gehören laut WHO zu den am meisten unterschätzten Tropenkrankheiten.

 

Die gefährlichsten Schlangen

Rund 250 der 3.000 Schlangenarten zählt die WHO zu den medizinisch relevanten, da ihre Giftstoffe Schäden anrichten können. Die meisten Giftschlangen finden sich in den Tropen und Subtropen wieder. Südlich der Sahara und in den tropischen Gebieten Süd- und Südostasiens ist die Sterberate durch Schlangenbisse am höchsten. Betroffen sind meist Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind. Zentral- und Südamerika bilden das Mittelfeld. Hier leben zwar viele Giftschlangen, doch Gesundheitsministerien investieren mehr in die Produktion von Gegengift. Europa, Nordamerika und Australien verzeichnen nur wenige Todesopfer.

Die Zahl der Todesfälle aufgrund von Schlangenbissen liegt in Indien bei etwa 46.900

Das mag im Fall von Australien überraschen. Immer-hin leben dort die drei wahrscheinlich giftigsten Schlangen der Welt. Der rund zwei Meter lange Inlandtaipan führt die Liste an. Das toxische Gift eines Bisses des Tieres soll genügen, um mindestens 200 Menschen zu töten. Ohne Gegengift würde ein Gebissener innerhalb von 45 Minuten sterben. Doch glücklicherweise ist der Inlandtaipan sehr scheu und lebt in kaum besiedelten Regionen des Outbacks. Trotz der vielen gefährlichen Reptilien sterben in Australien jährlich nur ein bis zwei Menschen an dem tödlichen Biss. Im Gegensatz dazu, liegt die geschätzte Zahl der Todesfälle in Indien, wo ähnlich viele giftige „Bewohner“ leben, bei jährlich 46.900 Menschen. Warum der Unterschied so groß ist? Weil sich in Australien mehr Einwohner das teure Gegengift leisten können. In ärmeren Ländern, zudem stärker besiedelt, haben viele Opfer keinen Zugang dazu, schaffen es aufgrund der schlechten Infrastruktur nicht rechtzeitig ins Krankenhaus oder setzen auf traditionelle Behandlungsmethoden für Bisse anstatt auf Schulmedizin. Armut gilt als eine weitere Hürde, denn laut WHO müssen manche der Opfer sogar Besitztümer verkaufen oder sich verschulden, um die teure rettende Dosis zu finanzieren. Ein weiteres Problem liegt in der Bereitstellung des Serums: es gibt nicht genügend Schlangengift in guter Qualität, aus dem Gegengift gewonnen werden könnte.

In Indien und weiten Teilen des Mittleren Ostens ist eine der für den Menschen gefährlichsten Schlangen beheimatet: die Gemeine Sandrasselotter. Keine andere Schlange verzeichnet so viele Todesopfer, wie sie, was nicht zuletzt an ihrer Nähe zum Menschen liegt. Die unscheinbare, maximal 80 Zentimeter lange Schlange lebt oft in der Umgebung von Häusern und landwirtschaftlichen Flächen. Fühlt sich die reizbare Gemeine Sandrasselotter bedroht, zögert sie nur selten und geht direkt zum Angriff über. Ähnlich gefährlich ist die Ägyptische Sandrasselotter, die vor allem in Nord- und Westafrika zu Hause ist.

 

 

Was passiert im Körper?

Die Reaktion des Körpers ist abhängig von der Menge und der Zusammensetzung des Gifts sowie davon, ob die Schlange Muskeln oder Blutgefäße getroffen hat. Über das Blut können sich die Toxine schneller im Körper verteilen und entsprechend zügig zum Herz und Gehirn transportiert werden. Handelt es sich um Hämotoxine (Blut- und Plasmagift), beginnt das Blut innerhalb kurzer Zeit zu gerinnen, was einen Schlaganfall oder Herzversagen zur Folge haben kann. Neurotoxine, Nervengifte können Nervenzentren lähmen und einen Atemstillstand hervorrufen, auch eine Kombination beider Gifte ist nicht selten –  zu dieser Gruppe gehören auch die zwei in Deutschland lebenden Giftschlangen, die Aspisviper im süddeutschen Raum und die Kreuzotter, die vorrangig im Norden verbreitet ist.

 

Gegengift – Rettung mit Nebenwirkung

Ganz so unproblematisch wie in Filmen ist der Einsatz von Gegengift nicht. Da sich das Toxin der Schlange unter anderem auf das Blut des Opfers auswirkt, ist ein Serum aus Antikörpern erforderlich. Für das Serum wird das Gift der jeweiligen Schlangenart oder einer ihr nahe verwandten Art genutzt. Da man meist nicht zu 100 Prozent weiß, von welchem Tier das Opfer gebissen wurde, kommt ein Cocktail der in dem Gebiet häufig vorkommenden Schlangen zum Einsatz. Der Giftcocktail wird Pferden oder anderen großen Säugetieren gespritzt, die daraufhin neue Antikörper bilden. Diese Antikörper werden aus dem Blut extrahiert, gereinigt und zum Antiserum verarbeitet.

Nach einem Biss sollte die Wunde nicht ausgeschnitten, ausgebrannt oder ausgesaugt werden

Nun wurde das Gegengift zwar aufwändig produziert, doch gerettet ist das Opfer somit immer noch nicht. Viele Patienten reagieren allergisch auf das Serum, da es aus tierischem Eiweiß besteht. Manche Patienten leiden einige Tage später an Fieber, Gelenkschmerzen bis hin zum Kreislaufschock oder Nierenversagen. Aus diesem Grund wird das Serum dem -Opfer nur verabreicht, wenn es eindeutige Vergiftungssymptome zeigt.

 

Die Schwarze Mamba verdankt ihren Namen nicht ihrem Äußeren, sondern der Farbe ihres Mauls

 

 

Die positive Nachricht

Etwa die Hälfte der Giftschlangenbisse gilt als Trockenbiss. Der Trockenbiss dient dem Tier zur Verteidigung: Es gibt dabei gar kein oder maximal zehn Prozent der Giftreserve ab und will sein Opfer durch den Beißangiff lediglich in die Flucht schlagen. Ein Trockenbiss lässt sich als solcher zunächst nicht zuordnen. Ist jedoch nach einer halben Stunde keine eindeutige Schwellung erkennbar, hat das Reptil kein Gift injiziert. So lange warten sollte man allerdings nicht, sondern schnell zum Arzt. Bei einem offensiven Biss gibt die Schlange einen deutlich höheren Anteil des Toxins ab, um ihre Beute zu lähmen. Der Trockenbiss einer Giftschlange unterscheidet sich übrigens vom Biss einer ungiftigen Schlange – schon rein optisch: die ungiftige Schlange hinterlässt einen halbkreisförmigen Abdruck, giftige Artgenossen jedoch nur einen oder zwei Einstichpunkte.

 

Spätfolgen

Wurde ein Schlangenbiss erfolgreich behandelt, trägt das Opfer außer eventuell Gewebeschäden oder einer Amputation meist keine Beeinträchtigungen davon. Die vollständige Genesung kann mehrere Wochen oder Monate dauern.

 

Schlangenbissen vorbeugen

Nur selten werden Reisende Opfer von toxischen Bissen – meist sind es Einheimische, die während der Arbeit auf dem Feld von einer Schlange überrascht werden. Häufig beißt sie auf Höhe des Knöchels zu, weshalb man festes (und knöchelbedeckendes) Schuhwerk sowie lange Hosen zu einer Wanderung im Gelände tragen sollte. Als Ausnahme gilt die Schwarze Mamba: Die zweitlängste Giftschlange der Welt zielt eher auf den Kopf oder Hals und beißt dann häufiger zu.

Schlangen können sich in Gebüschen, hohem Gras und auf größeren Bäumen verstecken. Die meisten von ihnen gelten als scheue Tiere, die sich eher zurückziehen, sobald sie einen Menschen bemerken. Die beißen nur, wenn sie sich bedroht fühlen, was bereits bei schnellen Bewegungen der Fall sein kann. Entdeckt man eine vermeintlich tote Schlange, sollte man sie unter keinen Umständen anfassen – ihr Nervensystem kann selbst nach dem Tod noch intakt sein, weshalb sie zubeißen und Gift absondern könnte.

Begegnet man einer Schlange, sollte man keinesfalls versuchen, sie zu -verscheuchen oder sie gar bewusst reizen. Still stehenbleiben oder ein langsamer Rückzug sind in dem Moment die -sicherste Lösung. Im Dunkeln sollte man stets den Weg sorgfältig mit einer Taschenlampe ausleuchten und regelmäßig seine Küchenabfälle beseitigen. Denn die ziehen Mäuse und Ratten an, die wiederum Schlangen anlocken.      

 

 

Erste Hilfe beim Schlangenbiss

Zu spät – die Schlange hat zugebissen. Was tun? Die Bisswunde abbinden oder versuchen, das Gift auszusaugen? Alles veraltet! Was man im Fall eines Schlangenbisses machen– und lassen– sollte:

 

Was man tun sollte

  • Ruhe bewahren. Durch Panik schlägt das Herz schneller, das Gift breitet sich noch zügiger im Körper aus.
  • Die Schlange identifizieren, sich ihr Aussehen einprägen oder das Tier fotografieren. So kann der Arzt schneller die richtige Behandlung einleiten.
  • Die Bisswunde möglichst in Ruhe lassen, maximal mit einem sauberen Verband abdecken, jedoch nicht fest verbinden.
  • Bei einer Bisswunde am Arm oder an der Hand, möglichst vorsichtig, aber zügig Uhren, Ringe und anderen Schmuck abnehmen, bevor eine Schwellung entsteht.
  • Den Verletzten in möglichst ruhender (gegebenenfalls liegender) Position zum Arzt transportieren, damit sich das Gift nur langsam verteilt.
  • Setzen das Herz oder die Atmung aus, möglichst lange versuchen, das Opfer wiederzubeleben.

Was man niemals tun sollte

  • Die Wunde ausschneiden oder ausbrennen. Die Giftmenge wird dadurch nicht reduziert, sondern die Ausbreitung eher beschleunigt. Wird das Gewebe durch das Gift zerstört, können große Wunden zu starken Blutverlusten führen.
  • Aussaugen der Wunde. Der erzeugte Unterdruck wird nicht stark genug sein, um ausreichend Gift aus dem Körper zu ziehen.
  • Abbinden. Das Gift staut sich dadurch in einem Körperbereich und verstärkt dort die Wirkung. Im schlimmsten Fall ist anschließend eine Amputation unvermeidbar. Gefährlich wird es zudem beim Öffnen des Druckverbandes, da sich das Gift dann schneller ausbreiten könnte. Einzige Ausnahme: handelte es sich bei der Schlange um eine hochgiftige und kann das nächste Krankenhaus nicht innerhalb von 30 Minuten erreicht werden, sollte die Bisswunde abgebunden werden.