Offroad-Abenteuer Australien: Kontinent-Durchquerung von Ost nach West

Eine waghalsige Route quer durch einen ganzen Kontinent: Chris Collard durchquerte Australien von Ost nach West auf einer historischen Route: 5.000 Kilometer durch Wüste und Einsamkeit

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Bis zum Horizont erstreckt sich die rote Simpson-Wüste im Herzen Australiens

Die aufgehende Sonne steht über dem Grat einer Sanddüne, die dicken Büschel der Spinifex-Gräser werfen lange Schatten in Richtung Westen. In jede Richtung reiht sich Düne an Düne, bis die letzte von ihnen am Horizont in der Morgendämmerung verschwindet. 300 Kilometer entfernt von hier liegt die Old Andado Station am Rande der Simpson-Wüste, eine Spur dorthin ist nicht zu erkennen. Und die, die einst existierte, wurde von den Winden verweht, nachdem das letzte Fahrzeug diese Region vor 50 Jahren durchquerte.

Friedliche Ozeane und wilde Wüstenschlangen

2.500 Kilometer östlich von hier liegt das Cape Byron: An Australiens östlichstem Punkt begannen Ian ­McDonald und sein Team im Jahr 1969 eine Reise, mit der sie Geschichte schreiben würden: die Durchquerung Australiens von Ost nach West. Vor ihnen lagen fast 5.000 Kilometer, einmal quer durch den Kontinent. Heute, gut 50 Jahre später, ist es an der Zeit, diese Pioniertat noch einmal aufleben zu lassen – ­gemeinsam mit McDonald und seinem damaligen Kameramann John Eggleston. Der Plan ist, die exakte Route erneut zu fahren – die nun bevorstehende Reise wird eine Hommage an vergangene Zeiten sein.

„Kudamuckra!”, ruft Eggleston und erzählt von der Regenbogenschlange

Vor der Abreise ist McDonald überzeugt, man müsse unbedingt etwas von dem pazifischen Meerwasser mitnehmen und – nach erfolgreicher Ankunft auf der ­anderen Seite des Kontinents – dieses Wasser in den Indischen Ozean gießen. Also waten wir in die Brandung und bitten Neptun demütig um die Erlaubnis, ­etwas von der Güte des Pazifiks abfüllen zu dürfen.

Ian McDonald und John Eggleston, beide rüstige 80-Jährige, kennen die Natur und die kulturelle Geschichte der Region wie ihre Westentasche. Am ersten Abend am Lagerfeuer kommt die Frage nach einem Tagebuchhinweis Egglestons auf, in dem er über eine riesige Schlange schreibt. „Kudamuckra!”, ruft der Rentner und seine Augen werden größer. „Damals bekamen wir Besuch von einem älteren Stammesmitglied von den regionalen Aborigines, er versuchte uns davon abzubringen, die Wüste zu durchqueren. Er erklärte, sie würde von der Regenbogenschlange bewohnt und sobald wir die Wüste betreten, würde sie uns töten. Also riet er uns, wir sollten Blätter vom Eukalyptus-­Baum Coolabah sammeln und in unserem letzten ­Lagerfeuer verbrennen, bevor wir die Wüste betreten würden. Anschließend sollten wir die Asche mitnehmen, dann würde die Kudamuckra uns eventuell in Ruhe lassen.” Schweigen macht sich rund um das Lagerfeuer breit, am nächsten Morgen sammeln alle sofort ein paar Coolabah-Blätter zusammen.

 

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Rotes Meer aus 1.000 Dünen

Birdsville, 140 Einwohner, liegt mitten im Nirgendwo. Im 19. Jahrhundert als Mautstation für die sogenann­ten „Stock-Routes”, Pfade für den Viehtrieb errichtet, verschwand der Ort fast komplett, als die Eisenbahn fertig­gestellt wurde. Birdsville ist der Startpunkt in die Simpson-­Wüste und damit die vorerst letzte Möglichkeit, die Kraftstoffreserven aufzufüllen. Obwohl die meisten der Geländewagen mit großen Zusatztanks ausgerüstet sind, wäre es nicht schlau, die kommende Etappe mit halbvollen Tanks zu beginnen: 800 Kilometer durch tiefen Sand gilt es in den kommenden Tagen zu bewältigen. Während die meisten Touristen der QAA Line und der French Line folgen, alten Pisten aus Zeiten der Gas- und Ölerkundung in den 1960ern, führt unsere Route auch durch Gebiete der Aborigines, die man nur mit Genehmigung betreten darf. Der Australier Ben Davidson hatte die Genehmigungen organisiert und so machen wir uns auf den Weg nach Big Red, der ersten von über 1.000 Dünen, die vor uns liegen.

 

Die Karte zeigt die Route durch die Simpson-Wüste, die die Australier Ian McDonald und John -Eggleston mit ihrem Team bereits 1969 gefahren sind. Heute, gut 50 Jahre später, fahren sie die Route mit einem jungen Team ein weiteres Mal. Am abendlichen Lagerfeuer berichten die beiden Rentner von ihren Abenteuern, zur Freude ihrer Zuhörer

 

Dann, einige Tage später, ist es so weit: Ein rotes Meer liegt vor uns, aber eine Reihe von Spuren führt über die erste Düne und schnell drängt sich der Gedanke auf, dass uns jemand bei der Durchquerung zuvor­gekommen ist. Doch die Spuren verlieren sich kurze Zeit später, und von dort an ist kein Zeichen menschlichen Lebens mehr auszumachen. Gen Westen schlängelt sich der Pfad durch dicke Büschel aus Spinifex und reifenzerfetzenden Mulga-Stümpfen, führt immer tiefer in die Simpson-Wüste hinein, bis ihr geografisches Zentrum erreicht ist. Was diese Fahrt im Jahr 1969 für eine Strapaze gewesen sein muss, wird in ­einem Moment überdeutlich: Eine Zeitlang erkundet John Eggleston die ersten Dünenkämme zu Fuß, so, wie er es auch 1969 tat. Aber nachdem unsere Flotte an Jeeps die Dünen zügig überwunden hat, sagt er verblüfft: „Ich kann einfach nicht glauben, wie fähig diese Wagen sind. Früher mussten wir uns beinahe jeden Grat mit Sandblechen erkämpfen. Und diese modernen Reifen rollen einfach so über den Sand, der uns damals unter sich begraben hätte.”

Mit der Zeit entsteht eine Art Wettbewerb darum, wen die beiden alten Herren als nächstes im Fahrzeug begleiten würden, jeder will ihren unterhaltsamen Geschichten lauschen. Auf die Frage, wie viel Kraftstoff sie damals mitgenommen hätten, antwortet Ian McDonald: „So viel wir tragen konnten.”

 

 

Das geografische Zentrum ist erreicht, doch die Tage sind lang und die Strecke bis zum Ziel weit. Noch vor dem ersten Sonnenstrahl laufen die Motoren, die Dünenkämme, von Ost nach West steiler als von West nach Ost, vermitteln das Gefühl, als würde man in einem kleinen Paddelboot gegen unzählige Wellen ankämpfen. Je weiter es nach Westen geht, desto steiler ragen die Sandberge vor uns auf. Nach dem Erklimmen einer jeden Düne hält das Team an, um die nächste nach dem sinnvollsten Weg abzusuchen. Eines Nachmittags ruft Rick Péwé über Funk: „Ich brauche ein Windenseil, und zwar sofort!” Wir eilen die Düne hinauf und spähen über den Kamm. Er hat sich mit seinem Wagen in einem Büschel Spinifex verfangen und sich so festgefahren, dass er dort ohne Hilfe nicht mehr herauskommt. Ben Davidson löst die Leine von seiner Winsch und pickt sie am ­Havaristen ein, während ich eine seitliche Sicherheitsleine führe. Es war eine ganz einfache Bergung, aber der Vorfall hätte auch deutlich schlimmer ausfallen können.

„Ich brauche ein Windenseil, und zwar sofort!”

Nachdem die gefühlt millionste Sanddüne überwunden ist – die Simpson bietet die weltweit längsten parallel liegenden Dünenkämme – kommt endlich die Andado-Station in Sichtweite. Nach einer Woche abgeschottet von der Außenwelt ist das Team müde, aber begeistert. Am Lagerfeuer erzählen McDonald und ­Eggleston von ihrer Begegnung mit Molly Clark, der Mitbegründerin der Old Andado Station. Sie war eine herzliche Persönlichkeit, eine Pionierin des Outbacks, die auch lange nach dem Tod ihres Mannes und ihrer Söhne weiterhin das Geschäft leitete. Beim Besuch ­ihres Grabes bedanken wir uns dafür, dass sie diese Oase in der Wüste hinterlassen hat – ein Überbleibsel des australischen Pioniergeistes.

Wie verordnet, hatten wir die Coolabah-Blätter in unserem ersten Camp verbrannt und die Asche dicht bei uns getragen. Die Opfergabe hatte Kudamuckra anscheinend besänftigt, da die Schlange uns ohne größeren Vorfall passieren ließ. Das Team versammelt sich um John Eggleston, der unter ein paar Bäumen steht und die Asche feierlich zu Boden rieseln lässt. Eine Brise treibt sie davon. Es ist an der Zeit, die Simpson-­Wüste zu verabschieden.

 

Asche im Wind

In Alice Springs werden die Vorräte aufgefüllt, dann bahnt sich das Team seinen Weg durch die grüne Schlucht des Palm Valley – ein erstaunlicher Kontrast zu der trockenen Wüstenlandschaft der Simpson. Die Tage verschmelzen, als wir uns auf den Weg zum ­Boggy Hole Track zum bekannten Berg Uluru, der Berggruppe Kata Tjuta und zur Great Central Road (GCR) machen. Obwohl diese Straße zwar die Wörter „groß” und „zentral” im Namen trägt, bestehen die nächsten 2.000 Kilometer trotzdem nur aus Schotterpisten.

 

 

Nur wenige Menschen wissen, dass in Australien die größte Kamelpopulation der Welt lebt – etwa 1,2 Millionen Dromedare ziehen im Outback umher. Im 19. Jahrhundert wurden sie von afghanischen Hirten als Lasttiere hergebracht und freigelassen, als die ­Eisenbahnen ihre Dienste überflüssig machten. Sie tauchen in der Abenddämmerung auf, fügen sich wie Sandkörner in die Umgebung ein – und sorgen während der Tour für diverse Notbremsmanöver.

„Auf dem Weg wird mir bewusst, dass wir nichts anderes als Asche im Wind sind”

 

 

Anders als während der Durchquerung der Simpson, ist Kraftstoffmangel nun kein Grund mehr zu Sorge. Vorbei an den Raststätten Warakurna und Tjukayirla – letztere die abgeschiedenste des Landes  – geht es weiter nach Leonora. Die Stadt trifft einen wie ein Schlag: Man ist zurück in der Zivilisation, sieht wieder Bürgersteige und der Verkehr steigt auf mehr als ein Auto pro Stunde an. Am Overlander Roadhouse biegen wir ab und folgen einem sandigen, zweispurigen Weg zur felsigen Böschung am Lands End. John Eggleston und Ian McDonald haben während der Reise von den sandigen Pisten und steilen Klippen dieser Gegend berichtet. Wenn man die Umgebung so betrachtet, muss man zugeben, dass sich hier, genauso wie in der Simpson-­Wüste, in den letzten 50 Jahren nicht viel verändert hat.

 

Nach 6.500 Kilometern erreicht das Team um Chris Collard den Steep Point, den westlichsten Punkt Australiens. Sie haben das Abenteuer bestanden

 

Angekommen am Steep Point, dem westlichsten Punkt Australiens, ist nun der richtige Moment, die Flaschen mit dem Wasser des Pazifischen Ozeans zu nehmen und zum Rand des Indischen Ozeans zu gehen. Als wir den Schluck Pazifik ins Meer gießen, wird er von der anlandigen Brise davongetragen wie unsere Coolabah-Asche über den Sand der Simpson-Wüste.

Über 6.500 Kilometer ist das Team durch die vergessensten Weiten des Landes gereist und hat es geschafft, die „Sieben-Slot-Linie” der Simpson zu durchqueren. Auf dem Rückweg gen Osten wird mir bewusst, dass auch wir nichts anderes als Asche im Wind sind: ein kurzer Abschnitt in der 50.000-jährigen Siedlungsgeschichte Australiens.

 

 

Reiseinformationen Australien

Der Kontinent Australien hat eine Fläche von etwa 7,7 Millionen Quadratkilometern und eine Küstenlinie mit einer Länge von rund 26.000 Kilometern. Von West nach Ost sind es circa 4.000 Kilometer. Australien hat rund 25 Millionen Einwohner. Rund 90 Prozent der Einwohner konzentrieren sich dabei auf die Ostseite des Landes. Weit über die Hälfte von ihnen wohnt in den Großstädten.

 

Anreise

Australien mit dem eigenen Wagen zu erreichen, gelingt nur im Container oder per RoRo-Verschiffung. Die Einfuhrbestimmungen sind jedoch recht rigoros (so wird eine penible Reinigung erwartet, um das Einschleppen von Keimen zu verhindern) und eine Einfuhr damit auch nicht günstig. Touristen können ihr Fahrzeug für zwölf Monate zollfrei nach Australien einführen, bei der Einreise muss nur ein TÜV–ähnlicher Test die Fahrtauglichkeit bestätigen. Ein Carnet de Passages ist erforderlich. Wer sich den Aufwand ersparen will, greift auf die sehr gute Miet-Infrastruktur für Geländewagen zurück.

Unterwegs in Australien

Es herrscht Linksverkehr. Der Reisende muss sich bewusst sein, dass Australien ein Kontinent mit entsprechenden Entfernungen ist. Als Europäer verschätzt man sich leicht mit der Zeitplanung. Das Straßennetz ist, gemessen an der Größe des Landes, gut ausgebaut. Im Outback herrschen nicht asphaltierte Nebenstraßen und Wege vor. Tankstellen sind in Ballungsgebieten ausreichend vorhanden, im Outback sollte man jede Gelegenheit nutzen, um den Tank aufzufüllen. Dies gilt auch für Wasser. Unterschieden wird zwischen verschiedenen Qualitäten. Brunnenwasser („Bore water”) ist mitunter salzig und Regenwasser nicht in ausreichender Menge in Trinkwasserqualität verfügbar. Im Zweifel abgefülltes Trinkwasser kaufen.

Übernachten & Campen

Campingplätze sind weitverbreitet – von äußerst einfacher Ausstattung bis zum Luxus-Campground ist alles vorhanden. In den einsameren Gegenden ist freies Stehen zumeist unproblematisch. Befindet man sich auf Farmgebiet, sollte aus Achtung und zur Sicherheit gefragt werden, ob Campen erlaubt ist. Sucht man ein festes Dach, gibt es auf vielen Campingplätzen „Cabins”, auch in dünn besiedelten Gebieten gibt es Pubs, die Zimmer vermieten oder Truckstops mit Motel.

Beste Reisezeit

Der Norden ist tropisch, im mittleren Bereich herrscht subtropisches und im südlichen Bereich gemäßigtes Klima. Das Sommerhalbjahr dauert von November bis April, das Winterhalbjahr von Mai bis Oktober. Im Sommerhalbjahr treten im Norden Nordwestmonsune und starke Regenfälle mit Wirbelsturmgefahr auf. Selbst die asphaltierten Highways sind dann unter Umständen tagelang nicht passierbar. Südaustralien bleibt dagegen weitgehend niederschlagsfrei. Im Winterhalbjahr ist es im Norden Australiens trocken. Im Süden und Südwesten muss mit Niederschlägen gerechnet werden. Im Sommer kann es tagsüber über 40 Grad Celsius warm, im Winter nachts -empfindlich und unerwartet kalt werden.

Sicherheit & Gesundheit

Das Gesundheitswesen in Australien ist gut ausgebaut. Ärztliche Hilfe wird in einsamen Gebieten vom Royal Flying Doctor Service geleistet. Will man sichergehen und plant, in sehr abgelegene Gebiete zu reisen, gehören ein Satellitentelefon und ein gut ausgestattetes Erste-Hilfe-Paket ins Gepäck, da bis zum Eintreffen ärztlicher Hilfe einige Zeit vergehen kann. Im ganzen Land gibt es Notlandebahnen, sogenannte emergency airstrips. Australien ist die Heimat einer Reihe giftiger Schlangen, bei Wanderungen empfiehlt sich daher festes Schuhwerk, auch wenn man immer wieder Australier trifft, die nur in Badelatschen unterwegs sind. An der Küste sollte man den Warnschildern vor Würfelquallen und Salzwasserkrokodilen (auch im Landesinneren) Glauben schenken. Vor allem was Naturgewalten betrifft, sollte man sich vorab informieren.

Infos für Hundehalter

Die Mitnahme von Hunden nach Australien ist mit einem sehr hohen Zeit- und Kostenaufwand verbunden. Neben der Tollwutimpfung, einem implantierten Mikrochip, einer Importerlaubnis, Behandlungen gegen Parasiten und weiteren Untersuchungen, muss man sich für den Hund unter anderem um einen (mindestens) zehntätigen Aufenthalt in der Quarantänestation nahe Melbourne kümmern.

Karten und Reiseführer

Die Auswahl an Reiseführern für Australien ist riesig, jedoch bezieht sich der Großteil der Literatur auf den Osten des Kontinents, ein kleinerer Teil auf den Westen. Eine Straßenkarte gibt es im Maßstab 1:4.000.000 vom Verlag  Reise Know-How (10,30 Euro, ISBN: 9783831773367).