Expedition zum Mars – Leser unterwegs in Utah

Susanna und Martin haben schon unzählige Orte besucht - doch kaum einer faszinierte sie so sehr wie Utah. Sie erzählen von ihrer Reise

Utah
Endlose Serpentinen schlängeln sich tief in den Green River Canyon hinab

Susanna Tarantino & Martin Good

Utah

 

Seit Mai 2018 bereisen Susanna Tarantino und Martin Good mit ihrem selbst ausgebauten Mercedes Sprinter die Amerikas von Alaska bis Feuerland. Unzählige Orte haben sie besucht, und fast keiner hat sie so beeindruckt, wie das feuerrote Utah.
Mit Mountainbike, Snowboard und all ­ihrem Outdoor-Equipment suchen sie nach dem ganz großen Abenteuer.

Alter:  36 & 37 Jahre
Wohnort:  Zürichsee-Region
Reiseregion:  Nord- & Südamerika
Reisebeginn:  Mai 2018
Reisestrecke:  circa 70.000 Kilometer
Website:  whaleontrail.ch

 

Mercedes Sprinter 4×4

 

Utah

Baujahr:  2004
Motor:  313 CDI, 130 PS
Verbrauch:  circa 12 Liter, Diesel
Aufbau:  Selbstausbau
Schlafplätze:  2
Leergewicht:  2.200 kg
Gesamtgewicht:  3.300 kg reisefertig

 

Befinden wir uns noch immer auf der Erde? Wüssten wir es nicht besser, hätten wir Zweifel, ob wir nicht doch auf ­einem fremden Planeten stehen. Die schroffe Landschaft, der rote Sandstein und die lebensfeindlichen Bedingungen – wie auf dem Mars eben. Ganz falsch liegen wir mit unserem Vergleich nicht, denn die Wüstenregionen Utahs werden von der NASA oft als Trainingsplatz für bevorstehende Marsmissionen genutzt. Außerdem wurden hier bereits Science-Fiction-Filme wie Star Trek ­gedreht. Etwas nervös blicken wir über einen Felsvorsprung in einen riesigen Canyon. Hunderte Meter tief hat sich der Green River über Jahrtausende ins ­Gestein gegraben. Die letzten Sonnenstrahlen treffen auf die obersten Fels­zacken – wunderschön.

Viel Zeit bleibt uns nicht, diesen Moment zu genießen, denn wir wollen noch vor Einbruch der Dunkelheit unseren Schlafplatz erreichen. Eine schmale Piste windet sich die steilen Serpentinen bis auf Flusshöhe hinab. „Sollen wir es wirklich wagen? Keiner wird uns hier helfen können.” Die Unsicherheit ist Susanna deutlich ins Gesicht geschrieben. Mit erwartungsvollem Blick schaut sie mich an und wartet auf meine Antwort. „Aber klar, deswegen sind wir ja auch hier”, antworte ich mit einem Lächeln. Susannas Frage ist berechtigt, denn immerhin sind wir mit keinem hochgezüchteten Offroadvehikel unterwegs, sondern mit einem dagegen fast schon langweiligen 4×4-Sprinter. Die Entscheidung ist gefallen. Perfekter könnte unser Stellplatz nicht sein. Angenehme Temperaturen, still und friedlich, keine Menschenseele weit und breit und uns stören keine lästigen ­Insekten. Uns umgibt die wohl spektakulärste Kulisse seit Alaska.

„Bei 40 Grad im Schatten werden Aktivitäten zur Qual“

Ein Highlight jagt das Nächste

Wir freuen uns auf ein paar Tage Ruhe und Erholung, die wir auch dringend nötig haben, denn Utah ist Adrenalin pur. Seit fast zwei Monaten sind wir hier nun unterwegs. Es fällt schwer, all die kleinen und großen Abenteuer einzuordnen, zu gliedern und jetzt sogar einen Bericht darüber zu schreiben. Utah ist nur ein Teil unserer Reise auf dem Weg nach Ushuaia, dem südlichsten Punkt Argentiniens. Wir planten, den Wüstenstaat im Frühjahr zu besuchen, denn später soll die Hitze mörderisch sein. Bei Temperaturen um die 40 Grad im Schatten werden Aktivitäten außerhalb klimatisierter Räume zur Qual oder ­können im schlimmsten Fall sogar tödlich enden.

Es war Ende April, als wir von Flagstaff in Richtung Utah aufbrachen. Unsere Route führte erst durch das Tal der Götter mit all seinen gigantischen Steinformationen. Schon die alten Navajo Indianer hielten diese Türme für versteinerte Krieger, die sie auf dem Weg in die Schlacht beschützen sollten. Eine gewisse Ähnlichkeit lässt sich nicht leugnen, denn die durch Wind und Erosion geformten Überbleibsel erinnern wirklich an Statuen einer längst vergangenen Zivilisation. Ein Highlight jagte das nächste. Nach dem weltbekannten Monument Valley, das für etliche Western als Kulisse diente, sahen wir den Mexican Hat, einem Hoodoo, dessen Kopf an einen Sombrero erinnert. Dann genossen wir die Aussicht vom Moki Dugway auf einen Sandsturm, der gerade über dem Monument Valley tobte. Kein Hotel hätte mehr Sterne haben können, um diese Aussicht zu überbieten. Schlussendlich erreichten wir ­Moab, unser erstes Ziel. Hatte es in Flagstaff noch geschneit, stiegen die Temperaturen hier auf sommerliche Werte. Moab diente uns für die nächsten Tage als Angelpunkt, denn es liegt zen­tral zwischen Arches- und Canyonlands-­Nationalpark, nahe der fast 4.000 Meter hohen La Sal Mountains. Ein Eldorado für Mountainbiker, so wie auch für uns. Selten fuhren wir Trails, auf denen wir nicht zur Erholung pausierten, sondern um die Landschaft mit einem leisen „Wow” zu kommentieren.

Pures Adrenalin

Mittlerweile waren wir nicht mehr ­allein unterwegs. Joe und Emilie, zwei Reisende, die wir in Alaska kennen­gelernt hatten, schlossen zu uns auf. „Habt ihr Lust auf Nervenkitzel?” Nur schwer verstanden wir Joes verzerrte Stimme. Ein stabiles Telefonsignal sucht man abseits der Städte und Hauptrouten von Utah meist vergeblich. Wir schauten uns verdutzt an. Unsere Kletterausrüstung sollten wir mitbringen. Mehr wussten wir nicht.

 

Utah

 

Canyoning war für uns Neuland. Wir sind eher gewohnt, auf einen Berg als in eine dunkle Felsspalte zu klettern. Glücklicherweise wussten die beiden, was sie taten. Schon der erste Canyon hatte es in sich. Eine Abseilstelle über 70 Meter, mit einem eingeklemmten Baum in der Mitte, den wir umklettern sollten. „Da fällst du gleich zweimal runter und bist doppelt tot”, witzelten wir beim Einstieg. Keine beruhigenden Worte. Doch wer A sagt, muss auch B sagen. Und so musste ich gleich als Erster ins Seil. Ein aufregendes Gefühl, ohne genau zu wissen, wie und ob es unten überhaupt noch weitergeht. Mehrere Canyons folgten. Wir hatten Blut geleckt. Wir wollten mehr.

Joe und Emilie leben schon seit Jahren in ihrem Fahrzeug und kennen jede Ecke in Utah. Und so schwärmte Joe von einem ganz besonderen Canyon, für den man nicht einmal Schuhe benötigt. ­Ohne zu zögern, notierten wir die GPS-Koordinaten, um den Einstieg zum Canyon auch wirklich zu finden. Wir waren gespannt. Über Hanksville fuhren wir Richtung Escalante, bis wir schließlich auf eine langweilige Schotterstraße abbogen. Es machte sich bezahlt, den Luftdruck unserer Reifen abzulassen, denn je weiter wir die 80 Kilometer ­lange Wellblechpiste fuhren, desto schlechter wurde ihr Zustand – bis wir schließlich nur noch mit 4×4 vorwärtskamen. Ein Defekt oder Unfall so weit draußen, wäre bei dieser Hitze wohl ein ernsthaftes Problem.

 

Utah

 

„Sollen wir es wagen? Keiner wird uns hier helfen können!“

„Wirklich spektakulär sieht es hier aber nicht aus”, bemerkte ich etwas enttäuscht, als wir an unserem Schlafplatz ankamen. Außer ein paar Felsen, die ­einen Canyon bestenfalls erahnen ließen, gab es nicht viel zu sehen. Hätten wir keine Wanderung geplant, wären wir wahrscheinlich weitergefahren, denn in Utah ist es nicht wirklich schwierig, einen postkartentauglichen Stellplatz zu finden.

Am Abgrund

Schon früh am Morgen schnürten wir unsere Wanderschuhe, denn wir wollten noch vor der erbarmungslosen ­Mittagssonne den Einstieg zum schatten­spendenden Canyon erreichen. Langsam öffnete sich die Landschaft, und plötzlich klaffte vor uns ein riesiger Abgrund. Unsere gestrigen Zweifel waren wie weggeblasen. Tief im Canyon glitzerte einladend der Escalante River wie eine unendlich lange Schlange, die langsam Richtung Lake Powell kriecht und nicht über die abgeschliffenen Felswände entkommen kann. So hatten wir uns das vorgestellt. Der Abstieg in den Canyon war bis auf eine kurze Kletterstelle wider Erwarten sehr einfach, wobei man nicht wirklich von Klettern sprechen konnte. Wir stemmten und zwängten uns eher einen engen Riss hinab, nachdem wir unsere Rucksäcke erst über eine Felskante abgeseilt hatten.
Endlich verstanden wir, warum uns Joe erklärt hatte, dass wir für diese Wanderung eigentlich keine Wanderstiefel bräuchten. Der Escalante River ist nur wenige Zentimeter tief und der Grund besteht aus feinem Sand. Das Flussbett kann so ohne Probleme als Pfad genutzt werden. Unsere Schuhe banden wir an die Rucksäcke und schlenderten langsam flussaufwärts, vorbei an natürlichen Steinbrücken, kleinen Baumoasen und riesigen Felsblöcken. Eine gigantische Alkove, die vom Fluss in den Sandstein gefressen wurde, erschien uns als der perfekte Platz, um unser Nachtlager aufzuschlagen.

 

Utah
Alte Navajo­ Indianer hielten die riesigen Felsstatuen im Tal der Götter für versteinerte Krieger

 

Trotz vorausgesagten Sonnenscheins begann es gegen Abend leicht zu regnen. Springfluten sind eine nicht zu unterschätzende Gefahr. Der Niederschlag entfernter Gewitter füllt die Canyons meterhoch mit Wasser. Sicherheits­halber verschoben wir unser Lager um einige Meter und waren froh um diese Entscheidung, als wir am nächsten Morgen auf das von Sediment getrübte ­Wasser blickten. Nochmal Glück gehabt.

Über Felskaskaden kraxelten wir bis zur Kante des Canyons und navigierten per GPS zurück zu unserem Fahrzeug. Ganz ohne Wanderschuhe ging’s dann doch nicht, aber wir pflichteten Joe bei, dass wir diesen Canyon so schnell nicht vergessen werden. Uns schmerzte der Gedanke, nun die 80 Kilometer Waschbrettpiste zurück nach Escalante zu fahren. Doch die ­Hitze und unsere schwindenden Wasser­reserven zwangen uns dazu. Lange blieben wir jedoch nicht. Noch am gleichen Tag zog es uns wieder in die Wüste. Nach all der Anstrengung der letzten Wochen hatten wir Erholung dringend nötig. Und so fuhren wir zum Rand des Canyons, die steilen Serpentinen hinab, bis wir schließlich unseren Stellplatz erreichten.

 

Utah
In knöcheltiefem Wasser geht es immer weiter flussaufwärts

 

 

Abenteuer Utah

Nun sitzen wir also hier, im Schatten der wohl einzigen Bäume in ganz Utah, und lassen die vergangenen zwei Monate Revue passieren. Utah hat unseren Puls in die Höhe getrieben. Adrenalin floss in Strömen und wir hatten irgendwie nie genug Zeit, um die atemberaubende Landschaft zu genießen. Langsam ziehen wir weiter Richtung Norden. Utah wird immer heißer und in den Rocky Mountains liegt noch genügend Schnee für Bergtouren mit Snowboard, Steig­eisen und Pickel. Eine willkommene Abkühlung.

Utah ist heiß, rot und unbeschreiblich schön. Ein Abenteuer. Sei es mit dem Mountainbike, zu Fuß oder auf ­einer der unzähligen Offroadstrecken. Wir hätten nie gedacht, dass uns eine Wüste so in ihren Bann ziehen könnte. Wir geben volle Punktzahl. Fürs Erste, denn wir planen einen zweiten Abstecher im Herbst, wenn die Temperaturen wieder fallen. Nun verlassen wir den staubigen, flirrenden Wüstenplaneten. Alle Systeme stehen auf Grün, die Besatzung ist angeschnallt und unser Space-­Sprinter bereit zum Start. Fünf, vier, drei, zwei, eins …