Im amerikanischen Burbank entsteht seit Jahren das wohl krasseste Expeditionsmobil der Welt. Schon 2014 berichtete der EXPLORER von dem ungewöhnlichen Bauprojekt von Bran Ferren. Jetzt verließ der massiv modifizierte Unimog erstmals sein Hangar, begleitet von einem britischen Kamerateam.

Entsprungen aus einer Fantasie, aus einem Traum, entstand in den USA jüngst das ultimative Offroad-Abenteuerfahrzeug. Sein Schöpfer ist der ehemalige Vorsitzende des Forschungs- und Entwicklungsprogramms von Walt Disney, Bran Ferren. Sein Motto und Berufsethos: „Wenn du es erträumen kannst, kannst du es verwirklichen.“
In den 1980er- und 1990er-Jahren suchte Ferren nach Drehorten für Hollywoodfilme und Dokumentationen, reiste durch Alaska oder das Death Valley. Gleichzeitig half er dem Sender ABC dabei, einen Film-Truck zu bauen, ein Baustein für seine Liebe zu Offroad-Expeditionsfahrzeugen. Sie sind in seinen Augen ideal für die nächste Generation der Entdecker – und auch für Ferrens Hobbys: Archäologie, Paläontologie, Geologie und Fotografie.
Schon 2001 baute der US-Amerikaner selbst ein Geländefahrzeug. Er nannte es den „Maximog“, basierend auf einem Unimog, unter anderem ausgestattet mit Videokonferenz-Equipment und Zwölf-Meter-Mast mit daran befestigter Kamera, die den Fahrer über die Straßenverhältnisse in der Ferne informiert.

Als Bran Ferren mit 57 Jahren zum ersten Mal Vater wurde, wollte er für seine Tochter Kira das beste Abenteuer- und Expeditionsfahrzeug aller Zeiten bauen. Es sollte sie überall hinbringen können – mit einem Mix aus leistungsstarken Maschinen, Autarkie, Sicherheit und Luxusausstattung. Noch bevor er die ersten Entwürfe zeichnete, hatte Ferren seinem Traum einen Namen gegeben: KiraVan. Es folgten Jahre intensiver Recherche und Bauarbeiten, vier Jahre später ist das Fahrzeug nun nahezu fertig. Zwar spricht Ferren nicht über den genauen Betrag, den ihn sein Traum gekostet hat, immerhin bestätigt er, dass es sich um mehrere Millionen Euro handelt.

Kiravan - extremes Expeditionsmobil
Glaubt man Bran Ferren, so ist der KiraVan das beste All-Terrain-Fahrzeug, das je gebaut wurde – ein irdisches Raumschiff auf sechs Rädern, das in der Lage ist, nahezu jeden Untergrund zu überqueren. Selbst Abhänge bis 45 Grad soll das Gespann meistern können – eine Steigung, die man selbst zu Fuß schwer bewältigt. Ohne Tankstopp kommt das Expeditionsfahrzeug bis zu 3200 Kilometer weit und trägt dabei viele außergewöhnliche Extras mit sich: Kevlar-verstärkte Reifen und mehr als ein Dutzend Kommunikationssysteme sind nur Teil einer langen Liste. Herzstück des KiraVan ist der fast zehn Meter lange und über drei Meter hohe Auflieger, ausgestattet mit Bad, hochwertiger Küche und Kiras eigenem Loft unter dem Dach, das die Tochter mitentworfen hat.

Bran Ferren ist aber nicht nur Fahrzeug-Designer, sondern auch Techniker, Künstler, Architektur-Designer, Ingenieur, Licht- und Sound-Designer, Wissenschaftler, Lektor, Fotograf und Erfinder. Ferren konnte sich nie mit einer Sache zufrieden geben. So fand er zwischen seinen Filmen die Zeit, gleichzeitig andere Projekte zu verfolgen: robotergesteuerte TV-Kameras oder visuelle Effekte für eine Tour von Paul McCartney. „Es gibt Leute, denen macht es Spaß, das Gleiche immer wieder zu tun. Für mich geht es darum, mit Ideen anzukommen, die noch nie jemand gesehen hat, sie zu verwirklichen und dann mit der nächsten Idee weiterzumachen“, beschreibt Ferren seine Arbeit. „Er ist so bewandert und sachkundig in so vielen Dingen, dass jeder, der ihn trifft, sich nach einer Weile fragt, ob der Typ einen eigentlich gerade auf die Schippe nimmt“, sagt sein ehemaliger Mitarbeiter Nathan Myhrvold. „Aber er ist wirklich so schlau.“ Ferren wuchs umgeben von Kunst und Technik auf. Die Eltern, selbst Künstler, unterstützten seine Begeisterung für Technik und ließen ihn Maschinen auseinander bauen, weil er begreifen wollte, wie sie funktionieren. Der 61-Jährige möchte seiner Tochter nun ebenfalls ein Umfeld bieten, in dem sie ständig etwas dazulernen kann. Ein Umfeld, das Träume durch Kunst und Technik realisiert.

Wie schon der „Maximog“ hat auch der KiraVan den Mercedes-Benz Unimog als Basis. Ferren und sein Team haben das meiste der Originalausstattung entfernen lassen, nur das Lenkrad und ein paar kleine Komponenten durften bleiben. Eines der vielen Extras ist eine Reihe individuell angefertigter Touchscreen-Cockpit-Displays, die im Armaturenbrett und in der Dachkonsole angebracht wurden. Sie überwachen den Zustand des Fahrzeugs und dienen zur Navigation. Ein Joystick-gesteuertes System erlaubt den Passagieren den Blick durch eine von 22 montierten Video- sowie einer Wärmebildkamera. Außerdem hat das System einen Notfallsender, der automatisch auslöst, wenn das Fahrzeug in einen Unfall gerät.

Kiravan - extremes Expeditionsmobil
Auf Knopfdruck unterstützt die Achse des Anhängers den Vortrieb, ein hydraulischer Radantrieb macht aus dem KiraVan einen vollwertigen 6×6. Displays auf der Fahrerseite zeigen vom Luftdruck der Räder bis hin zu Batterieproblemen alles an. Außerdem befindet sich ein Kommunikationssystem an Bord, das das Fahrzeug zu einer mobilen Kommandozentrale macht, die Ferren befähigt, bei Bedarf sogar mit Flugzeugen Kontakt aufzunehmen. „Eigentlich ist es so, als wären wir ein Flugzeug, nur dass wir uns auf der Erde befinden“, sagt der Erfinder. Jegliche Kommunikationsform ist auf dem Truck vorhanden, vom KiraVan aus lassen sich E-Mails sogar unter einem dicken Regenwalddach versenden.

Ursprünglich wollte Bran Ferren ein besonders ausgestattetes, neues Fahrgestell aus Europa importieren lassen. Doch als sich das als ein bürokratischer Albtraum entpuppte, entschied er kurzerhand, einen Standard-Unimog zu modifizieren. Über Monate hinweg wurde das Fahrgestell verlängert und verstärkt. Zwei Kraftstofftanks wurden am Fahrgestell befestigt, die – wie sollte es auch anders sein – vom Fahrersitz aus per Knopfdruck bedienbar sind. So kann Ferren Diesel von einem Tank zum anderen pumpen, falls ein Tank beschädigt ist oder das Gewicht ausbalanciert werden muss.

Während das Zugfahrzeug annähernd fahrbereit ist, steckt im Trailer noch viel Arbeit. Bisher befinden sich darin ein Bad mit Waschbecken, Dusche und eine ausfahrbare Toilette. Es gibt kein Abwassersystem, Abfälle werden verbrannt. Die Küche bietet genügend Stauraum, sodass eine Familie zwei bis drei Wochen damit auskommt, ohne zwischendurch einkaufen zu müssen. Man könne bei Bedarf zusätzlich einige der reichlich vorhandenen Haushaltsgeräte entfernen, um Vorräte für bis zu sechs Wochen Reisedauer unterzubekommen, so Ferren.

Am Heck des Trailers ist das von Ferren bereits vor einigen Jahren entwickelte Diesel-Motorrad abgestellt. Auf den ersten Blick erscheint es wie ein weiterer Luxusgegenstand. Doch auch hier zeigt sich, wie wichtig Ferren die Sicherheit seiner Tochter ist. „Ich sehe das Motorrad als so etwas wie ein Beiboot“, sagt er. „Wenn ich in die Stadt fahren möchte, um Milch und Eier zu besorgen, will ich nicht das 24 Tonnen schwere Expeditionsfahrzeug nehmen müssen. Außerdem dient es in Notfällen als Transportmittel, um jemanden zum Arzt zu fahren.“

Kiravan - extremes Expeditionsmobil
Im Büro von Applied Minds, der Firma, die Ferren im Jahr 2000 gegründet hat, hängen die Arbeitsfortschritte des Unternehmens an mehreren großen Status-Tafeln. Dazu zeichnet Ferren verschiedene Cartoon-Gesichter, die zeigen, wie die Projekte voranschreiten: Manche lächeln, manche schneiden Grimassen. Dem Gesicht neben Ferrens Fahrzeug steigt Feuer aus dem Kopf, und es hat einen panischen Ausdruck. Sämtliche Deadlines wurden überschritten, und wenn man Ferren fragt, wann der KiraVan endlich fertig sein wird, antwortet er: „Es könnte im Spätsommer dieses Jahres so weit sein.“

Doch irgendwie stellt sich die Frage: Ist das alles nötig? Man könnte einfach einen Jeep fürs Wochenende mieten und damit ungefährliche Gegenden erkunden, statt über das Ausbalancieren von Kraftstofftanks nachzudenken. Aber diese Überlegung ist für Ferren irrelevant. Sein Ziel ist es, das perfekte Expeditionsfahrzeug zu realisieren. Während der KiraVan einzig und allein seiner Tochter gehören wird, möchte Ferren seine Ideen und das darin enthaltene Wissen lizenzieren und mit dem Rest der Welt teilen. Man könnte behaupten, Ferren habe seiner Tochter eine ganz persönliche Disney-Fahrt geschaffen: Ein Fahrzeug mit ausgefallenem Design und überbordender Technik, das sie transportiert, schützt und lehrt, wenn er es nicht mehr kann.
Jetzt hat Ferren erst einmal nur noch einen Wunsch: „Gott, ich hoffe, Kira mag Trucks.“

F: Applied Minds

EXPLORER - Winter 2016/2017
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