Karenjy Mazana II: Das Madagas-Car

Durch Zufall entdeckt Luc Ronssin auf Madagaskar eine verlassene Auto-Produktion, und ohne jegliche Ahnung vom Fahrzeugbau erweckt er Karenjy aus einem jahrelangen Dornröschenschlaf

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Staub hängt in der Luft, metallisches Hämmern hier, die Funken eines Schweißgerätes dort. In der Ecke einer großen Halle steht Joseph, 32, und arbeitet an der Sonderausstattung für den Wagen eines ganz besonderen Kunden: Papst Franziskus. Der wahre Star dieser Geschichte aber sind nicht der Papa und sein Mobil, sondern die Basis, auf der es entsteht: der ­Karenjy Mazana II, ein Geländewagen, so madagassisch wie Lemur und Giraffenhalskäfer. Und er existiert nur, weil ein umtriebiger Franzose nach ­einem Platz fürs Altkleider-Recycling war.

„Als ich vor elf Jahren auf der Suche nach einem geeigneten Ort war, habe ich das Gebäude auf Google Earth entdeckt“, erzählt Luc Ronssin, Mitarbeiter von Le Relais, ­einem sozioökonomischen Unternehmen. Dessen Ziel ist es nicht, möglichst hohe Gewinne zu erwirtschaften, sondern langfristig sichere Arbeitsplätze zu schaffen. 25.000 Altkleidercontainer von Le Relais stehen in Frankreich, mit denen das Unternehmen jährlich mehr als 120.000 Tonnen gebrauchte Mode sammelt und sortiert. 2.200 Angestellte finden dadurch einen Arbeitsplatz, viele in Form von Wiedereingliederungshilfe für schwer vermittelbare Arbeitnehmer. Die Gewinne, die durch den Weiterverkauf der Kleidung erwirtschaftet werden, fließen in andere Projekte, unter anderem in die Förderung von Kleingärten in Senegal. Und nun auch nach Madagaskar.

 

Mazanas der ersten Baureihe sieht man nur selten auf den Straßen. Für die dort herrschenden rauen Verhältnisse wurde der GFK-4×4 geschaffen

 

Die Halle, die Ronssin in Fianarantsoa, der zweitgrößten Stadt des Inselstaates, ausfindig machte, war eine ehemalige Produktionsstätte des Institut Malagache d’Innovation, einem Vorzeigeprojekt des damaligen Präsidenten Didier Ratsiraka. Unter dem Marken­namen Karenjy (madagassisch für „Bummeln“ oder „Spazierengehen“) stellte man Autos her, darunter ein Allradfahrzeug mit dem Namen Mazana, angetrieben von einem 66 PS starken 2-Liter-Dieselmotor von ­Renault – 1989 war eben dieser Mazana sogar schon einmal Papamobil, für Johannes Paul II. Vier Jahre später dann das plötzliche Aus für die Firma, das unrentable Unternehmen wurde kurzerhand zugesperrt – und blieb 15 Jahre unangetastet. Der Hof ein Dschungel, das Dach zum Teil eingestürzt. Im Eingang, unter einer dicken Staubschicht, stand noch das alte Papamobil, dahinter 20 fertige Autos, daneben 20 halb­fertige, in den Regalen Bauteile für 50 weitere.

Was macht man, wenn man unverhofft in einer verlassenen Autofabrik steht? Ein Foto schießen und der Halle dann wieder den Rücken kehren? Luc ­Ronssin, damals Anfang 30, hatte eine andere Idee: ­Einen Teil der Halle könnte man für die Kleidersortierung nutzen, im anderen wird Karenjy wiederbelebt. „Ich hatte nicht die geringste Ahnung von Autos und wurde von den allermeisten für verrückt erklärt“, erinnert er sich schmunzelnd.

 

Zweite Chance für ein Vorzeigeprojekt

Der mutige Franzose fand zwei ehemalige Mitarbeiter des Werkes, die sich zu dem ehrgeizigen Vorhaben bereit­erklärten, die Produktion wieder in Gang zu bringen. Die unfertigen Fahrzeuge wurden fertig gebaut, die fahrbereiten verkauft, die alten Maschinen wieder­belebt und aus den vorhandenen Lagerbeständen entstanden einige weitere Fahrzeuge nach den alten ­Vorlagen. Doch was sollte folgen? Die verwendeten Motoren und Bauteile der Zulieferbetriebe wurden schon lange nicht mehr hergestellt, eine Fortführung war nicht möglich. Also gab es nur eine Lösung: „Du machst Scherze! Ein Auto in Afrika zu entwickeln und zu bauen ist unmöglich!“ – Es ließen sich keine Ingenieure finden, die sich auf dieses Experiment einlassen wollten. Also brachte Ronssin eine Gruppe madagassischer Studenten mit einer Gruppe französischer Studenten zusammen, es war die Geburtsstunde des ­Mazana II. Ähnlich schwer gestaltete sich die Suche nach Zulieferbetrieben, keiner traute dem Team zu, in Mada­gaskar ein Auto zu bauen. Erst als sie mit einem Prototypen beim Direktor der Peugeot-Motoren­abteilung in Frankreich vorfuhren, erhielten sie die ­Zusage für die Lieferung der nötigen Motoren.

 

Luc Ronssin, Direktor der Automobilproduktion, hatte die verlassene Fabrik nur durch einen Zufall gefunden. Immer wieder musste er sich anhören, es sei unmöglich, auf Madagaskar Autos herzustellen. Heute haben 65 Mitarbeiter hier einen Arbeitsplatz

 

Mittagspause. Die Mitarbeiter von Autoproduktion, Kleidersortierung und Näherei treffen sich bei der Kantine auf der anderen Seite des Hofes. Heute dauert die Pause eine Stunde länger als sonst, einmal in der Woche machen alle gemeinsam Sport. Fußball, Boule, Zumba, Tischkicker. Nicht die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dienen der Firma, sondern umgekehrt: Das Unternehmen solle den Angestellten dienen, so das Credo. Das motiviert – jeder weiß: Es ist nicht nur ein Auto, an dem man baut. Es ist ein Symbol für ein neues, innovatives Madagaskar. Nicht zuletzt trägt jeder Mazana II das Bild eines Zebus auf dem Kühlergrill. Das Buckelrind mit den gewaltigen Hörnern ist Firmenlogo und Nationalsymbol, es steht für Ruhe und Kraft.

Nach dem Sport wirft sich Joseph wieder die lederne Schweißerschürze um. Neben seiner Werkbank stehen die Maschinen, mit denen auch schon der alte ­Mazana gebaut wurde. Stahlplatten werden in Form gesägt und aus den einzelnen Teilen entstehen mit Zwingen und Abstandshaltern die Profile des Rahmens. Buchstäblich Stück für Stück wird so aus 680 Einzel­teilen der Rahmen geschweißt. Die Achsen und das Getriebe für den Mazana II kommen aus Frankreich, der elsässische 4×4-Spezialist Dangel, in Europa für seine Renault- und Fiat-Umbauten bekannt, liefert die Allradtechnik. Ein 112 PS starker, ladeluftgekühlter 1,6-Liter-Turbodiesel, der auch in aktuellen Peugeot und Citroën verbaut wird, treibt das Madagas-­Car an. Bevor der Vierzylinder seinen Weg in den Karenjy findet, wird die Elektronik auf das notwendige Minimum rückgebaut und der Motor an die schlechte Dieselqualität in Madagaskar angepasst. Der Partikelfilter wandert
also aus dem Abgastrakt in die Dieselzuleitung, bildlich gesprochen.

„Nicht die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dienen der Firma, sondern umgekehrt“

Handarbeit auch im Rest der Halle. Hinter einer halbhohen Trennwand wird die Karosserie gefertigt, nicht aus Blech, sondern aus glasfaserverstärktem Kunststoff. 85 Formteile, und alle sind sie besonders leicht. Die Rohkarosserie kann von zwei Personen per Hand auf den Rahmen gesetzt werden. Die Schalldämmung zum Motorraum besteht aus recyceltem Jeansstoff und kommt direkt aus der Altkleiderverwertung nebenan. Auf einer Empore sitzt der 55-jährige Augustin Razafimahafanjaka an ­einer Nähmaschine, er hat schon vor 30 Jahren die Sitze für den ersten Mazana gepolstert und ist mit viel Liebe zum Detail am Werk. Hinter ihm hängen vier Karten mit aufgedruckten Zahlen an einer Pinnwand. Seit 1.482 Tagen ist das Werk ohne Arbeitsunfall. ­Neben der Polsterei entsteht der Kabelbaum. Klemmen, Stecker und Kabel werden zusammengefügt und auf ein Holzbrett mit Nägeln gehängt. Ist alles an seinem Platz und fertig überprüft, kommt das elektrische Grundgerüst nach unten in die Halle, dort wird alles zusammengesetzt.

 

Von Madagassen, für Madagassen

Übersichtlichkeit. Geländegängigkeit. Robustheit. Das waren die Grundsätze bei der Entwicklung. Sechs Sitzplätze, drei vorn, drei hinten. Zuschaltbarer Allradantrieb und eine Differentialsperre an der Hinterachse sind optional. Auf 225 Millimeter Bodenfreiheit bringt es das Fahrgestell mit Einzelradaufhängung und der robusten AT-Bereifung auf 15-Zoll-Felgen. Die Instrumententafel ist mit rotbraunem Holz eingefasst, auch die Haltegriffe sind aus der auf Madagaskar wachsenden Silbereiche gefertigt. Mit 520 Litern Kofferraum­volumen liegt der Mazana II auf dem Niveau eines A8. Mit dem Unterschied, dass man das Gepäckfach des Oberklassen-Audi nicht mit einem Wasserschlauch auswaschen kann. Neben der optionalen Klimaanlage und einem Radio finden sich am Armaturenbrett des  Mazana genau zwei Bedienelemente: Ein Drehknopf für den Allrad und ein Schalter für die Warnblink­anlage. Fertig.

 

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Die theoretische Höchstgeschwindigkeit von 163 Stundenkilometern oder die Beschleunigung von 0 auf 100 in 12,5 Sekunden sind auf Madagaskar so irrelevant wie die Wattiefe eines Land Rover in der Münchner Innenstadt. Ein zweischaliges Safari-Dach und eine steile Front- und Heckscheibe sollen verhindern, dass sich der Innenraum in der sengenden Sonne zu sehr aufheizt. Das Fahrzeug ist wendig und die Lenkung leichtgängig, um den zahllosen Hindernissen auszuweichen. Wahlweise können sich die Kunden ab Werk auf die Kofferraumklappe und das Dach einen Gepäckträger montieren lassen. 250 Kilogramm Dachlast? Kein Problem. „Der Mazana II ist nicht für die schwierigsten Pisten des Landes gedacht. Das Ziel war es, ein Auto zu bauen, das auf die Anforderungen der normalen Wege des Landes ausgelegt ist“, erklärt Luc Ronssin – und dafür braucht es hier eben steile Böschungswinkel (30/40 Grad) und 60 Zentimeter Wattiefe.

 

Den Innenraum prägen Kunststoff und Holz. Funktionalität steht auch hier an erster Stelle. Die Handgriffe im Innenraum sind aus dem Holz der Silbereiche gefertigt

 

„Das Fahrzeug ist leicht – man kann es gut schieben.“ Klingt absurd als Verkaufsargument. Doch wer die Insel kennt, versteht. Zur Regenzeit versinken die Autos im Schlamm, oft bleibt nur eines: Graben und Schieben. Durch das geringe Leergewicht von nur 1.320 Kilogramm ist der reale Verbrauch für einen ausgewachsenen 4×4 mit sechs bis acht Litern Diesel je 100 Kilometer sehr moderat. Ein großer Vorteil im Gelände: Für ein 1,86 Meter hohes Fahrzeug sitzt der Schwerpunkt durch die extrem leichte Karosserie sehr tief. Selbst in schnell gefahrenen Kurven liegt der Karenjy wie ein Gokart auf der Straße und der drehmoment­starke Turbodiesel beschleunigt den Wagen überraschend zügig. Alles, was es gibt, ist da, wo man es erwartet, und wenn eine Tür des Mazanas ins Schloss fällt, klingt es wie eine Tür, die ins Schloss fällt. Der handgeschnitzte Holzhebel zum Verstellen der Rücken­lehne ist ein liebenswertes Detail.

 

Teurer als ein Land Cruiser

Noch sind die Landsleute von Joseph und Augustin etwas misstrauisch, was Produkte aus ihrem eigenen Land betrifft, dabei gibt es auf einen Karenjy Garantie für drei Jahre oder 100.000 Kilometer. Für Autokäufer in Europa normal, aber in einem Land, in dem nur die Hauptverbindungsachsen asphaltiert und weite Teile nur über Sand- und Schotterpisten zu erreichen sind, wo in manchen Regionen der Ostküste regelmäßig selbst die extremsten Geländefahrzeuge versagen, sind drei Jahre Garantie beinahe unglaublich. Das Problem sitzt an anderer Stelle: der Preis eines Mazana II mit Allradantrieb liegt bei rund 18.000 Euro, einen gebraucht importierten Land Cruiser bekommt man auf Madagaskar für die Hälfte. 70 Prozent der Kosten entfallen auf den Import nötiger Bauteile von insgesamt 50 Zulieferern, vom Motor bis zur Fensterkurbel. Staatliche Unterstützung für Karenjy oder günstigere Zoll­bedingungen für den Teileimport gibt es bisher nicht. Eine Herausforderung für den Verkauf, doch die Kundschaft wächst. Lokale Unternehmen, Botschafter, Hotels, Reiseunternehmen und zunehmend auch private Kunden melden Interesse an. Alle erkennen, dass sie mit einem Karenjy nicht nur ein Auto kaufen, sondern auch ein Zeichen setzen für ein neues Madagaskar.

 

Karenjy Mazana II

Motor: 1,6 l TDI

Leistung: 112 PS

Leergewicht: 1.320 kg

Gesamtgewicht: 2.170 kg

Verbrauch: 6 bis 8 Liter

Preis: 18.000 Euro

Kontakt: karenjy.mg

 

Sechzig Mitarbeiter sind derzeit bei Karenjy angestellt. Die Löhne für die Entwicklung des Mazana II wurden durch Gewinne aus dem Verkauf der Alt­kleider finanziert, mittlerweile trägt sich die per Zufall entstandene Automobilsparte selbst. Das neue Papamobil an dem Joseph gerade schraubt, trägt die Seriennummer 50 und ist eines von drei Fahrzeugen, die derzeit monatlich hergestellt werden. Ein Ferrari Enzo ist mit 399 gebauten Exemplaren im Vergleich dazu quasi Massenware. „Wir waren naiv, ja, vielleicht tatsächlich ein wenig verrückt. Aber mit Herz und methodischem Vorgehen kann man sehr viel schaffen“, blickt Luc Ronssin auf die vergangenen zehn Jahre zurück.

„Das Auto ist leicht, man kann es gut schieben.“ – klingt absurd als Verkaufsargument

Das Auto „Made in Madagascar“ ist Realität geworden. Es ist erst der Anfang des Weges, den Karenjy vor sich hat. Die ersten Exemplare des neuen Mazana II Fourgon stehen in der Halle. Mit Hardtop und somit mehr Laderaum, ein Wunsch vieler Kunden. Sogar das Papamobil ist eine neue Baunummer 0 – es wird ein Cabrio. Auch beim Material wird geforscht: Jute statt Glasfaser (siehe auch EXPLORER 2019-06), ein Prototyp ist im Bau. Der Mazana II sieht anders aus als viele Autos, die wir kennen. Nicht entworfen mit dem Ziel, bestehende Fahrzeug-Marken so gut wie möglich zu imitieren, sondern entworfen für ein besonderes Land mit außergewöhnlichen Straßenbedingungen, hergestellt unter ungewöhnlichen Produktionsbedingungen. Ein Auto von Madagassen, für Madagassen. 

 

 

Kontakte

Wer in Madagaskar selbst einmal mit einem Karenjy Mazana II unterwegs sein möchte, kann folgende Adressen kontaktieren:

  HOTEL MORINGA: moringa@lerelais.mg

  HOTEL LA RIZIERE: info@lariziere.org

  KARENJY: info@lerelais.mg

 

 

Mit diesem Mazana II haben Sabine Hoppe und Thomas Rahn versucht, Madagaskar komplett zu durchqueren. Ob ihnen das gelungen ist? Lesen Sie hier.