Havel-Floß-Expedition

Wenn man Deutschland abseits der Straßen erkunden will, muss man kreativ werden. Mit dem auf einem Floß geparkten Camper die Havel entlangzuschippern, ist sicherlich die ungewöhnlichste Idee.

Floß-Expedition in Havel
Floß-Expedition in Havel

Langsam, Zentimeter für Zentimeter, erklimmt der Pickup die Anhöhe vor Bredereiche. Immer mehr Natur erscheint am Horizont. 2,2 Meter Höhenunterschied gilt es zu bewältigen, Brandenburg ist eben ein anderes Kaliber als Friesland. Hier muss man sich jeden Meter hart erarbeiten. Dann öffnet sich das Schleusentor und die Fahrt kann weitergehen. Langsam tuckert Freeda aus der Kammer heraus gen Norden. Das Tagesziel ist noch viele Stunden entfernt, von den fünf Kilometern auf dem Tacho muss noch der Gegenstrom abgezogen werden, die vielen Windungen und Kurven, die die Havel schlägt. Was mit dem Fahrrad eine kleine Runde am Nachmittag wäre, wird mit Freeda zur ausgedehnten Tagestour. Offroad entlang der Havel, das ist in vielerlei Hinsicht eine ganz neue Erfahrung.

und Mark Twain ist auch dabei

Mit 334 Kilometern Länge ist die Havel zwar ziemlich genau zehnmal kürzer als der Mississippi, aber um sich einmal wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn zu fühlen, reicht das problemlos aus: Schließlich würde man mit fünf Stundenkilometern trotzdem über zwei Monate von der Quelle bis zur Mündung brauchen, und schneller ist Freeda nicht unterwegs. Freeda (und ihre acht Schwestern) ist ein motorisiertes Floß, gerade groß genug, um einem Camper bis vier Tonnen Gesamtgewicht Platz zu bieten. Am Heck ein Außenbordmotor, dazu ein Steuerstand, ein Tank und zwei Anker, fertig ist das Offroad-Abenteuer der anderen Art. Gut, Huck und Jim hatten es nicht ganz so kommod auf ihrer Fahrt, auch die Strömung der Havel (103 Kubikmeter Wasser pro Sekunde sind es an der Havelmündung in die Elbe, 18.400 Kubikmeter fließen pro Sekunde in den Golf von Mexiko) ist eine andere. Der Sternenhimmel, die Freiheit und die Natur, die hätten aber sicher auch Mark Twain gefallen. Der ist allerdings bei seiner Europareise im Jahr 1878 lieber mit dem Floß über den Neckar getrieben.

Für Teilzeit-Flößer startet der Törn an der alten Ziegelei von Zehdenick. Hier, wo Anfang des 20. Jahrhunderts die Ziegel gebrannt wurden, mit denen große Teile Berlins aufgebaut wurden, hat sich Markus Frielinghaus einem skurrilen Projekt verschrieben: Er lässt Reisemobile zu Hausbooten werden. Über eine kleine Rampe rollen sie auf den mit Holz belegten Ponton, Spanngurte an den Rädern halten die Camper dann an Ort und Stelle. Strich der Mitsubishi zuvor bei 80 Zentimeter Wassertiefe die Segel, gibt es fortan keine Grenzen mehr. Freeda, so der Name des Pontons, eröffnet auf einmal den Zugang zu hunderten Kilometern neuer „Offroad”-Abenteuer, schließlich ist die Havel Teil des europaweit größten zusammenhängenden Gebietes von Binnenwasserstraßen und Seen.

EXPLORER - Ausgabe 2020-05
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