ON TOUR. OFF ROAD: REISEN. AUTOS. TECHNIK.

ON TOUR. OFF ROAD: REISEN. AUTOS. TECHNIK.

Liebe Großserienhersteller …

…nehmt eure Zielgruppe doch einmal ernst! Immer mehr Allrad-Camper kommen auf den Markt, aber an die Bedürfnisse der Zielgruppe scheint keiner zu denken. Ein paar Gedanken zum Thema von Martin Kreplin

Liebe Produktentwickler, Marketingteams und Geschäftsführungen von Adria bis Weinsberg,

ihr habt es erkannt: freiheitsliebende Camper, die sich ein Allrad-Reisemobil wünschen, sind wirtschaftlich solvent. Während ein Großteil der herkömmlichen Reisemobile finanziert werden, wird der 4×4-Camper üblicherweise bar bezahlt. Kein Wunder also, dass ihr dieses Segment nicht unbearbeitet lassen wollt. Und weil Hymer mit dem ML-T seit Jahren vormacht, dass es eine stabile Nachfrage gibt, ist es nur nachvollziehbar, dass ihr den Wunsch der Kunden nach größerem Abenteuer und mehr Unabhängigkeit vom Reisemobilstellplatz gern erfüllen und mitspielen wollt. 

Das Interesse an diesen Fahrzeugen gibt euch recht, das hat zuletzt die Messe CMT in Stuttgart eindrucksvoll bewiesen: Gab es auf dem Messestand einen Menschenauflauf, stand dahinter meist ein Reisemobil mit vier angetriebenen Rädern. 

Als Chefredakteur des führenden Magazins in diesem Segment kann ich mich darüber nur freuen, weiß ich doch, dass bei diesen Menschen der Erkundungsdrang nicht an der Hecke des nächsten Campingplatzes aufhört, sondern man sich, ganz typisch deutsch, sorgfältig und verlässlich für etwas größere Touren wappnen möchte. Und je größer die Vielfalt an Fahrzeugen ist, je stabiler der Wettbewerb, desto besser sollten eigentlich die Produkte werden, bei zeitgleich attraktiver werdenden Preisen. Ja, ich gehe sogar so weit zu sagen, dass Einsteiger und Menschen mit geringerem Budget derzeit ausschließlich noch in der Großserie ein passendes Fahrzeug finden können, weil sich etablierte Hersteller der 4×4-Reisemobilszene zu weit von ihrem ursprünglichen Segment entfernt und mitunter in einer Aufwärtsspirale an vermeintlich nötigem Perfektionismus die Bodenhaftung verloren haben. 

Es wäre also die perfekte Chance, nachhaltig Marktanteile zu gewinnen. Während sich potentielle Kunden bei etablierten 4×4-Reisemobilmarken in jahrelanger Wartezeit die Beine in den Bauch stehen – oder aufgrund der Preislisten direkt abwinken, könnt ihr mit kurzen Lieferzeiten und günstigeren Preisen punkten. Schaue ich mir die Prospekte und Werbebilder an, sieht das erträumte Reiseabenteuer bei euch nicht viel anders aus, warum also nicht ein Allrad-Mobil von der Stange kaufen?

Weil ihr noch immer denkt, dass es mit ein bisschen Dekoration getan ist. 

Dekoration am Messestand (üblicherweise etwas Schotter rund um die Reifen) und Dekoration am Auto: große Felgen, kombiniert mit AT-Bereifung, ein paar Fernscheinwerfer, ein Rammbügel, markige Folierung. 

Natürlich ist mir bewusst, dass ihr damit vor allem eine Zielgruppe ansprechen wollt, die sich auf dem Campingplatz vom Nachbarn abheben möchte. Weil raubeiniger Abenteu(r)erlook derzeit angesagt ist (mehr dazu übrigens auch im explorer 06/2025). Der Allrad-Camper ist die Entsprechung des SUV- und Crossover-Markts im Pkw-Segment. Er ist die automobile Funktionsjacke für den Sonntagsspaziergang. So weit ok für mich. Aber dann erlaubt euch diese Ehrlichkeit und verzichtet auf entsprechende Bilder. Und auf den Allradantrieb. Wenn es selbst Land Rover gelingt, seine zweifelsohne geländetauglichen Fahrzeuge auf Pressebildern vorrangig auf Asphalt zu zeigen, dann sollte das doch auch bei euch funktionieren! Hört auf, den Menschen Versprechungen zu machen, die weder die Infrastruktur noch eure Fahrzeuge halten können. 

Oder ihr macht es richtig gut: Ihr nehmt die Globetrotter als für euch neue Zielgruppe ernst. Ich weiß, dass ihr das könnt, wenn ihr wollt. Gern denke ich etwa an die hervorragende Pickup-Kabine mit Aufstelldach zurück, die Knaus einst baute. Aber das könnte auch am Modellnamen liegen. 

Manchmal seid ihr schon auf der Zielgeraden: Wenn ihr uns die Einladung aussprecht, extra an den Rhein zu kommen, um unsere Einschätzung zum neuen Teilintegrierten abzugeben – dann aber beim eleganten Xtura doch lieber alles so belasst, wie es schon von Beginn an geplant war. Oder wenn ihr allen Mut zusammennehmt und einen Wagen mit Blick auf Gewicht und Hecküberhang so vorbildlich stark einkürzt, dass sogar nur noch das bei eurer Kernzielgruppe so unbeliebte Querbett hineinpasst – ihr dann aber beim Rest des Globebus T16 keinen weiteren Gedanken an die Wünsche und Bedürfnisse der Allrad-Reisenden verschwendet, die eben dieses Querbett in Kauf zu nehmen bereit wären. 

Vielleicht denkt ihr, dass die Kunden schon nicht so unterwegs sein werden, wie ihr es ihnen auf den schlammig-staubigen Prospektfotos und den blumigen Beschreibungen ans Herz legt. Vielleicht hofft ihr, dass ihnen das „Ich könnte wenn ich wollte“-Gefühl genügen wird. 

Vielleicht sind diese ganzen Offroad-Optik-Wohnmobile aber auch einfach nur eine ganz billige Masche von euch.

Vielleicht – und das hoffe ich an diese Stelle – seid ihr nur einfach nicht sicher, wie es besser ginge.

Und da möchte ich euch beruhigen: Es wäre gar nicht kompliziert.

  1. Lasst einfach erst einmal alles das weg, was die Marketingabteilung gern am Auto sehen möchte. Das geht nämlich sowieso als erstes kaputt. Bullfänger und so. Braucht keiner. Ist nur unnötiges Gewicht – und gefährdet im schlimmsten Fall noch andere Verkehrsteilnehmer. Wenn ihr dann doch mal eine Afrika- oder Australien-Edition plant, können wir ja noch einmal drüber sprechen. Und Tipps zu Herstellern geben, bei denen das Auto dann auch hält, was der Bügel verspricht.
  2. Fahrt mit euren Fahrzeugen mal über eine Schlagloch- oder Schotterpiste. Beladen. Im Dunklen. Wenn ihr danach erkennt, dass Schränke bessere Verschlüsse brauchen und gerade in Vans und Teilintegrierten das Geklapper des Mobiliars euch den letzten Nerv geraubt hat, wisst ihr, was zu tun ist. Eine echte „Offroad-Edition“ mit angepassten Möbelverschlüssen und vielleicht einer oder zwei Verstärkungen an neuralgischen Punkten, würden die Kunden in jedem Fall honorieren. Und was man so hört, gilt das auch für eure aktuelle Kundschaft.
  3. Fernseher raus, Solarzelle rauf. Schnürt ein kluges Paket an technischer Ausstattung, die in der Szene seit Jahrzehnten Standard ist: ein PV-Modul auf dem Dach, ein kleiner Spannungswandler, ein Druckwassersystem statt einer Tauchpumpe. Ein portabler Kompressor mit einer passenden, belastbaren Gleichstrom-Steckdose. Zum Beispiel. Das ist nicht einmal teuer einzukaufen, zeigt aber, dass ihr den echten Bedarf kennt.
  4. Folgt beim Fahrwerk dem Verstand, nicht der Optik. Das kommt sogar ganz direkt der Lebensdauer eurer Produkte zugute, reduziert Reklamationen und stärkt eure Marke. Das heißt: Lasst das mit den 18-Zoll-Felgen. Je mehr Gummi über der Felge ist, desto komfortabler dämpft der Wagen auf den Straßen, wo es darauf ankommt. Es sieht sogar noch martialischer aus, nebenbei bemerkt, sollte also auch das Marketing freuen. Wenn ihr richtig punkten wollt: Entwickelt doch endlich einmal eine Austausch-Parabelfeder für den Sprinter, die gut federt UND nicht hinten durchhängt. Alle Lösungen, die sich aktuell an Serien-4×4-Wohnmobilen finden, verbessern ausschließlich die Optik und nicht die Fahreigenschaften. Und übrigens: Delta 4×4 ist nicht der einzige Anbieter für passendes Zubehör …

Es sind noch fünf Monate bis zum Caravan Salon in Düsseldorf. Wer weiß, vielleicht gelingt es euch ja, die Szene zu überraschen. Seid gewiss, es dürfte sich für euch auszahlen.