Reisepraxis: Umgang mit Straßensperren in Lateinamerika

Immer wieder kommt es in Südamerika zu Demonstrationen und Straßensperrungen. Da wundert es nicht, dass auch Reisende ­ungeplant in einen Streik geraten können. Ein Rückblick

blank

Wie verhält man sich als Reisender, wenn man plötzlich vor einer unüberwindbaren Straßenblockade steht? Wenn ein Umweg unter Umständen gar nicht möglich ist? Mit dieser Frage sahen sich zwischen dem 13. März und dem 6. April diesen Jahres einige Overlander konfrontiert, die in Südkolumbien ­festsaßen. In diesen Tagen war dort kein Durchkommen mehr. Etwa 15.000 indigene Protestierende hatten sich organisiert und zunächst die Hauptverbindungsstraße bei Cali blockiert. Sie forderten die Erfüllung von mehr als tausend nicht eingehaltenen Vereinbarungen zwischen der indigenen Bewegung und der Regierung. Als nichts passierte, fingen sie an, auch die wenigen verfüg­baren Alternativrouten zu besetzen. In diesem extrem zerklüfteten Gebiet leben die
Indigenen weitgehend selbst­bestimmt, haben ihre eigene Polizei sowie ein eigenes Schul- und Gesundheits­system.

Einige Dörfer kann man mit dem Auto gar nicht anfahren und nur mit einem Pferd oder zu Fuß erreichen. Selbst mit einem 4×4 kann man nicht querfeldein fahren. Lange war keine Entspannung der Lage in Sicht. Anstatt den von den Indigenen geforderten Dialog zu suchen, schoss die Regierung gewaltsam zurück, mit scharfer Munition und Tränengas. Mittlerweile sind die Straßen wieder frei, aber die Unzufriedenheit bleibt. Man spricht von mehr als 50 politisch motivierten Morden an indigenen Politikern, Aktivisten und einflussreichen Persönlichkeiten allein in diesem Jahr! Bleibt nur die Hoffnung, dass die recht junge Regierung von Präsident Iván Duque doch noch einen Richtungswechsel einschlägt, weg von Konfrontation und Repression, hin zu einer gemeinsamen, friedvollen Zukunft.

 

Zuflucht im Internet-Café

Die Bilder der Unruhen weckten bei mir Erinnerungen an unsere Erkundungstour, als wir 2005 eine Woche in Quito festhingen. Wir bummelten durch die Altstadt, als wir uns plötzlich völlig unerwartet in einer aufgebrachten Menschenmenge wiederfanden. Ehe wir die Situation überblicken konnten, reizte das Tränengas unsere Schleimhäute. Wir flüchteten in ein Internet-Café in einer kleinen Seitenstraße. Hier schien alles normal zu sein: Jugendliche saßen an altmodischen Bildschirmen und spielten Computerspiele. An der Wand lief ein Fernseher, der von den sozialen Demonstrationen live berichtete. Schüsse fielen. Sie waren nicht nur im Fernsehen zu hören, sondern auch draußen.  Noch nie war ich so nah an einer Schießerei dran. Aufregend und beängstigend zugleich. Für viele Stunden trauten wir uns nicht mehr raus. 

Die Situation war angespannt. Selten war mir so mulmig zumute

Der Betreiber des Cafés weihte uns in die Hintergründe ein. Der damals amtierende Präsident Lucio Gutierrez hatte kurz zuvor 27 von 31 Richtern am Obersten Gerichtshof ausgetauscht. Eine verfassungswidrige Handlung. Wenige Tage später ließ der Oberbefehlshaber des Militärs verkünden, dass die Armee dem Präsidenten nicht länger diente. Auch der Polizeichef trat zurück. Gutierrez hatte sich unterdessen im Präsidentenpalast verschanzt. Demonstranten blockierten die Rollfelder am Flughafen, da sie befürchteten, der Präsident wolle sich aus dem Staub machen. Was er letzten Endes auch tat. Per Hubschrauber setzte er sich nach Brasilien ab. Viele Tage herrschte Chaos. Als Gutierrez im Oktober zurückkam, wurde er umgehend festgenommen. Da er mit nicht gerechtfertigter Härte gegen die friedlichen Demonstranten vorgegangen war und es dabei auch Todesopfer gegeben hatte, lag ein Haftbefehl gegen ihn vor.

 

Bedrohliche Straßenblockade

Geschichten wie diese sind keine Seltenheit in Lateinamerika. Einige Wochen später waren wir auf dem Weg von Cusco an den Titicacasee. Ungewöhnlich viele Steine auf der Straße zwangen uns, Slalom zu fahren. Etwa 30 Kilometer vor ­Juliaca, an einer Brücke, war definitiv Schluss. Brennende Autoreifen hinderten uns und viele Lastwagen an der Weiterfahrt. Ich sprach mit einigen Lkw-­Fahrern. Wie lange das wohl noch dauern würde? Von wenigen Stunden bis Tagen waren alle Antworten dabei. Die Streiks waren Ausdruck der Unzufrieden­heit der Bevölkerung hinsichtlich der verhältnismäßig teuren Benzinpreise. Ein Fernfahrer empfahl uns einen 80 Kilometer langen Umweg. Da wir in Puno verabredet waren, hatten wir es ausnahms­weise eilig. So begaben wir uns auf einen holprigen Nebenweg.

Es dämmerte bereits, als wir die Hauptstraße verließen und mit unserem nicht gerade geländetauglichen amerikanischen Ford Jamboree über die Wiese hoppelten. Als wir Stunden später in der Ferne Lichter sahen, freuten wir uns zu früh. Die Lichter waren noch lange nicht Juliaca, sondern hunderte Menschen, die mit Fackeln den Weg blockierten. Plötzlich schmiss ein Mann ohne Vorwarnung einen Stein direkt vor unser Auto. Er brüllte laut: „Gringos! Kehrt um oder ich zünde eure Reifen an!“ Ich schrie auf vor Schreck. Alle starrten uns an. Die im Wind flackernden Flammen ließen ihre Gesichter bedrohlich erscheinen. Viele hielten Steine in der Hand. Ich nahm all meinen Mut zusammen, stieg aus und lächelte nervös in die Runde. Ich zeigte Verständnis für ihre Situation, erzählte aber auch, dass wir in Puno den Vater meines Lebensgefährten treffen wollten und es vielleicht seine letzte große Reise sein würde.

 

blank
Blockade auf der Straße. In ganz Lateinamerika gehören Straßensperren zur Demonstrationskultur, Reisende sollten sich hier entspannt verhalten und nicht auf vermeintliches Recht pochen

 

Peruaner sind Familienmenschen, die Geschichte stieß auf offene Ohren. Wenig später nannten sie mich nicht mehr Gringa sondern Amiga. Meine Gesprächspartnerinnen wollten uns helfen. Auf Aymara ­redeten zwei Frauen auf ein paar Männer ein, wohl die Anführer der Runde. Ich verstand kein Wort, lächelte und hoffte auf ein Wunder. Nach einigem Hin und Her nahmen mich die zwei Peruanerinnen entschieden an die Hände. So liefen wir zu dritt und teilten die skeptische Menschenmenge. Die Frauen wiederholten immer wieder in sehr bestimmtem Ton, dass keiner einen Stein werfen sollte, dass wir Freunde seien. Uwe fuhr im Schritttempo hinter uns her. Die Situation war angespannt, hätte  in nur einem Bruchteil einer Sekunde eskalieren können. Irgendwann war der Weg vor uns frei. Ich umarmte die beiden Frauen. Wir wünschten uns gegenseitig alles Gute. Ein ergreifender, unvergesslicher Moment. Am nächsten Tag tranken wir mit Manfred in Puno Coca Tee und erzählten von unserem Erlebnis.

Auch ich habe kein Patentrezept, wie man sich verhalten soll, wenn man mit Streiks und Demonstrationen in Berührung kommt. Spanischkenntnisse, die über das Touristen-Smalltalk-Niveau ­hinausgehen, sind sicherlich von unschätz­barem Wert. Sowohl, um sich in den lokalen Medien zu informieren als auch, um sich mit den Einheimischen zu unterhalten. Meine Erfahrung zeigt, dass die selten Groll gegen uns Besucher hegen und sich freuen, wenn man sich für ihre Belange interessiert. Eben Anteil nimmt an ihren Problemen. Auf gar keinen Fall sollte man schreien oder ausfallend werden. Das verschlimmert die Situation nur. Besser: zurückziehen und abwarten. Manchmal haben Straßenblockaden auch durchaus einen gewissen Volksfest- Charakter. Ich habe es in ­Argentinien schon mehrfach erlebt, dass neben den Blockaden Fleischstücke gegrillt und gekühltes Bier verkauft wurde. Irgendwann geht es immer weiter und lieber ein paar Tage verlieren, als am ­Ende eine kaputte Frontscheibe oder schlimmere Blessuren davonzutragen. 

Bestimmt hat jeder Overlander am Ende seine eigene Streik-Erfahrung. Auch wenn eine Panamericana-Reise heutzutage durch Apps, Foren und Navis deutlich einfacher geworden ist als noch vor 15 Jahren, so sollte man sich doch bewusst sein, dass nicht alles planbar ist und mit einem gewissen Abenteuergeist an die Sache herangehen. Und seien wir mal ehrlich: schlimm wäre es doch, wenn nichts Außerplanmäßiges passieren würde, denn dann hätte man ja gar nichts Spannendes zu erzählen!