Das Phantom-Protokoll: Von Baupfusch bis Erpressung

Der slowenische Hersteller Phantommobil beweist im Umgang mit Kunden augenscheinlich wenig Empathie und Rechtsbewusstsein

phantommobil
Phantom

Es ist eine Sache, bei der Herstellung eines Einzelbaus oder einer Kleinserie Fehler zu machen, ein Detail zu verbocken, sich bei der Installation einer technischen Komponente zu übernehmen. Wenn ein Hersteller aber auf der ganzen Linie versagt, liegt schon einiges im Argen – und dass so ein Betrieb mit dieser Art und Weise am Markt bestehen kann, lässt tief in die momentane Marktsituation blicken. Ein Protokoll des Scheiterns.

Schritt 1: „Leichtbau“-Vans mit viel zu viel Ausstattung

Wer zur Zeit ein Fahrzeug ausbauen lassen will, gleich ob Kabine oder Kastenwagen, hat keine große Auswahl an Herstellern, soll das Auto in weniger als zwei Jahren fertiggestellt sein. Alle etablierten Betriebe haben volle Bücher, umso einfacher ist es für Newcomer und Nischenanbieter, sich Aufträge zu sichern, ohne Referenzen bieten zu können. In dieser Hinsicht ist der slowenische Hersteller Phantommobil auf dem ersten Blick gar nicht einmal schlecht aufgestellt: 2019 präsentiert sich der Betrieb erstmals auf dem Caravan Salon in Düsseldorf und begeistert die Messebesucher mit einem kernigen Kastenwagen auf Basis des allradgetriebenen VW Crafter. Mit grobstolligen Reifen, großem Bullfänger, Abenteuerlook und dem Versprechen auf „Leichtbau“ trifft Phantommobil ins Schwarze, was den Geschmack der Van-Fans angeht. Fachkundigen Betrachtern wird schon 2019 in Düsseldorf klar, dass der Hersteller hier vor allem deutschen Kunden mehr verspricht, als haltbar wäre: zulassungskonform war am Messevorführer nicht besonders viel. Der explorer hält sich daher zum damaligen Zeitpunkt mit einer Vorstellung oder einer Testfahrt zurück, auch fehlt 2019 eine deutsche Vertretung. Noch heute, im November 2021, werden die Fahrzeuge im deutschsprachigen Katalog mit einem nicht eintragungsfähigen vorderen Rammschutz als „Serienausstattung“ angeboten, erst auf den letzten Katalogseiten ist zu lesen, dass dieser Bullfänger über keine Abnahme verfügt – und damit nur außerhalb der StVZO legal wäre.

Ein weiterer Kundenfänger: Phantommobil wirbt mit dem Einsatz von Carbon-Bauteilen, um Gewicht zu sparen, schließlich seien die Vans, der Website nach zu urteilen, besonders leicht: „Extrem leichte 4×4 Offroad Vans mit einem Gewicht von 2.980 Kilogramm“. Drei Tonnen Leergewicht sind für ein Fahrzeug dieser Klasse allerdings ein marktübliches Gewicht, was auch daran liegen mag, dass die einzige Carbonstruktur am Fahrzeug die zwei kleinen seitlichen Ohren sind, die im hinteren Querbett für ausreichend Fußfreiheit sorgen.

Screenshot der Phantom-Website
Screenshot der Phantom-Website, Dezember 2021

Schritt 2: Nicht nur Serienbau, auch individuelle Einzelbauten anbieten

Im April 2020 erhält der explorer Kenntnis von einer Anfrage zum Bau eines individualisierten Phantom-Vans (Typ „Shadow“) auf Basis des VW Crafter. In den Standard-Grundriss (Querbett im Heck, Mittelbad, Halbindette vorn) sollen auf Wunsch des Käufers erweiterte elektrische Komponenten verbaut werden, dazu andere Materialien bei den Textilien und ein größeres Maß an individueller Sonderausstattung. Schon diese Wunschliste ließ für Außenstehende klar werden, dass die verbleibende Nutzlast des VW dürftig, möglicherweise kaum noch vorhanden sein dürfte.

Im weiteren Austausch über die Bauausführung offenbarte der Betrieb einen technischen Sachverstand und eine Herangehensweise bei Konstruktion und Bauausführung, die deutlich sichtbar einem neu gegründeten Kleinunternehmen entsprach und schon Monate vor Fertigstellung des Fahrzeuges Baumängel erwarten ließ. Gefährlich war an dieser Stelle, dass Phantommobil keine Grenzen zu kennen schien. Auch technisch nicht umsetzbare Wünsche wurden zugesichert – der anfängliche Gedanke, manches könne dem Sprachwirrwarr geschuldet sein, zerstreute sich zunehmend.

Zeichnung Grundriss Phantom
Von Phantommobil übersandte Zeichnung

Schritt 3: Auslieferung eines vollständig verunglückten Fahrzeuges

Wenn ein Hersteller beinahe aggressiv damit wirbt, besonders leichte Vans aufzubauen, ist es mehr als naheliegend, dass Kunden auf ein maximales Gesamtgewicht von weniger als 3,5 Tonnen hohen Wert legen. Das gilt auch dann, wenn das Ziel durch eine lange Optionenliste torpediert wird – es ist an dieser Stelle Aufgabe des Anbieters, hier für Aufklärung zu sorgen. Vorbildlich ist hier beispielsweise Bimobil, dort finden sich bei den verfügbaren Optionen immer auch Infos zu den damit einhergehenden Mehrgewichten.

Im hier begleiteten Fall kam die Ernüchterung unerwarteter. Da die Käufer den Wagen direkt ab Werk in Slowenien bestellt hatten, oblag ihnen selbst die Vorführung zur Vollabnahme, um eine deutsche Zulassung als Wohnmobil zu erhalten. Und im Zuge dessen wurde nicht nur das Leergewicht auf stolze 3.640 Kilogramm taxiert, sondern auch festgestellt, dass (unter anderem):

  • für die Gurt-Sitzplätze in der Dinette das passende Gutachten nicht auf den VW Crafter abzielte, sondern auf den Fiat Ducato
  • der Bullfänger keine Zulassung besitzt und umgehend demontiert werden muss. Alles andere wäre überraschend gewesen, solche Anbauten sind heute nicht mehr zulassungsfähig.
  • die Reifen unzulässig weit aus den Radhäusern hervorstanden
  • die Gasanlage inklusive fest verbautem Gastank nicht der deutschen Norm entspricht

Fazit: Das Fahrzeug entspricht nicht den bestellten Spezifikationen und wäre nur mit umfangreichen Umbauten und Nachbesserungen zulassungsfähig. Ein Caravan-Händler springt an dieser Stelle ein und begleitet, gemeinsam mit den Fahrzeug-Eigentümern, die nachträglichen Umbauarbeiten und der nötigen Auflastung bis zur Abnahme zum Reisemobil.

Gutachten Sitzbank Phantommobil
Phantommobil montierte eine Sitzbank, die nur für den Fiat Ducato freigegeben ist

Schritt 4: Elektrik wie aus dem Schauermärchen

Als der Van einige Monate später zumindest legal auf der Straße bewegt werden kann, fällt auf, dass in der Elektro-Installation so sehr der Wurm zu stecken scheint, dass kaum eine Funktion so verfügbar ist, wie sie sein sollte. Den Besitzern zeigt sich dies zunächst nur durch eine dauerhaft leere Aufbaubatterie – bei einer verfügbaren Kapazität von 200 Amperestunden (als LiFePo-Akku), kombiniert mit Ladegerät, Photovoltaik und einem DC-DC-Wandler, der Strom von der Lichtmaschine an den Aufbau weiterleiten soll, eigentlich beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Erst eine Analyse der Installation brachte eine große Menge an Baufehlern zu Tage, darunter

  • fehlender FI-Schalter für 230-Volt-Steckdosen innerhalb des Fahrzeuges
  • massiv unterschrittene Mindest-Kabelquerschnitte in verschiedenen Bereichen des Aufbaus (darunter Heizung, Stromanschluss DC-DC-Wandler)
  • Inverter wurde nicht vom Mess-Shunt /Batteriemonitor erfasst
  • mangelnde oder fehlende Absicherung von Zuleitungen
  • Fehlen gängiger Mindeststandards von Elektro-Installationen (darunter: gleiche Kabelfarben für unterschiedliche Aufgaben, fehlende Aderendhülsen, erheblich unpassende Verbindungen bei Schraubanschlüssen, wechselnde Kabelfarben innerhalb einer Leitung)
  • DC-DC-Ladegerät vollständig außer Funktion
  • Leitungen und Leitungsplan nicht deckungsgleich
  • Gas-Hauptschalter im Elektrikfach und damit im Bereich von Zündquellen
  • Wasserfilter direkt neben dem Inverter verschraubt
  • Inverter nur eingehängt, nicht verschraubt

und vieles mehr.
Nur eine vollständige Neuinstallation konnte die erwarteten Funktionen annähernd herstellen.

Installation Elektrik Phantommobil
Dieses Bild zeigt die Elektrik eines weiteren Fahrzeuges, auch hier sind zahlreiche Mängel mit bloßem Auge sichtbar

 

Schaltplan Phantommobil
Dysfunktionale Elektroverteilung. Auch passt der Schaltplan nicht zur aufgefundenen Realität

Schritt 5: Nicht regulieren, sondern erpressen

Wären es normale Zeiten und könnte der Kunde sich vergleichsweise problemlos einen neuen Auftragnehmer suchen, wäre ein Fahrzeug wie dieses ein Fall für eine Wandlungsklage geworden. Die Besitzer jedoch entschieden sich für die Möglichkeit zu reisen statt zu klagen – und einen Versuch, einen Teil der entstandenen Kosten vom Hersteller einzufordern, worauf sich dieser erst nach mehr als einem Jahr Verhandlung schlussendlich einzulassen schien. Eine Summe wohlgemerkt, die – so die Auffassung der explorer-Redaktion – nicht ansatzweise den Aufwand und die Kosten deckt, die der Wagen verursacht hat. Zumal der entscheidende Punkt, eine Zulassung als 3,5-Tonner, schon grundsätzlich nicht mehr möglich ist.

Umso verblüffender ist es zu sehen, dass Phantommobil nicht in Anerkennung  der Mühen der Besitzer den ausstehenden Betrag ausgleicht – so wie angekündigt – sondern einen weiteren Schachzug findet und den explorer in die Verantwortung zieht. In einem Beitrag über die richtige Bordelektrik haben wir im zurückliegenden Sommer einige typische Fehler anhand der Phantom-Bordelektrik thematisiert – und erklärt, wie es beim DIY-Ausbau besser gelingen kann. Erst wenn dieser Beitrag nicht mehr öffentlich sichtbar sei, so heißt es in einer Email seitens der Phantom-Geschäftsführung, die dem explorer vorliegt, sei man zur Zahlung entstandener Kosten bereit.

Nach langem Abwägen hat sich die Redaktion dazu entschlossen, den Beitrag tatsächlich offline zu stellen, um der Reklamationsabwicklung nicht im Wege zu stehen, unabhängig von den weiterhin bestehenden Einschätzungen, die wir im Rahmen des Beitrages getroffen haben. Leider brachte dieses Entgegenkommen keinen Erfolg, Phantommobil sieht sich– entgegen vorheriger Aussagen – weiterhin nicht in der Lage, auf ihre Kunden zuzugehen. Wir haben den Beitrag daher nach Ablauf von drei gesetzten Fristen wieder öffentlich verfügbar gemacht.

Fazit: Glauben Sie nicht alles, was man Ihnen erzählt

Es ist momentan eine schwierige Zeit für Fahrzeugkäufer. Wer ungeduldig ist und keine jahrelange Wartezeit auf sein Fahrzeug in Kauf nehmen will, läuft Gefahr, bei Unternehmen zu landen, die nur vorgeben das zu können, von dem sie reden. Bleiben Sie wachsam und sparen Sie an Euphorie bis zu dem Tag, an dem der Wagen wunschgemäß ausgeliefert wurde und funktioniert. Hinterfragen Sie das Können des Wunsch-Betriebes, aber auch das eigene Anforderungsprofil. Nur weil alles möglich scheint, muss das noch lange nicht bedeuten, dass auch alles möglich ist. In dieser Hinsicht war es früher leichter: die Fahrzeuge waren weniger komplex, boten weniger Potential, wirklich kapitalen Mist zu bauen. Das ist heute anders – und kann viel Lehrgeld kosten. Auch wenn es zur Zeit schwer fällt: behalten Sie im Hinterkopf, dass Sie als Kunde König sein sollten. Und nicht der Bettelmann.

 

Hinweis: Die in diesem Beitrag veröffentlichten Informationen beziehen sich auf ein Fahrzeug, dass der explorer-Redaktion direkt zugänglich ist und dessen Beauftragung, Bau und Mängelabwicklung wir im privaten Umfeld seit April 2020 begleitet haben. Dieser Umstand war ab April 2020 auch dem Hersteller bekannt.