Ist Mexiko noch ein sicheres Reiseland?

Die organisierte Kriminalität ist in Mexiko nicht wegzudenken – Politiker haben keine Chance gegen sie. Welche Auswirkungen hat das auf Touristen?
Mexico
Am Strand bewacht die mexikanische Nationalgarde (ähnlich dem Militär) die Touristen, um sie vor Überfällen zu schützen

Seit 2004 fahre ich quasi jedes Jahr durch Mexiko. Und ich bin nicht die Einzige. Im Schnitt zählt Mexiko 20 Millionen Touristen pro Jahr, und selbst in der Pandemie bereisen noch relativ viele Besucher das Spanisch sprechende Land, welches 5,5-mal so groß ist wie Deutschland. Mexiko ist touristisch gesehen enorm attraktiv. 10.000 Kilometer Strände locken Sonnenanbeter. Cenotes, Karsthöhlen, sorgen für Abkühlung und Adrenalinkicks bei Tauchern. Badeorte wie Cancún oder Acapulco bieten Partyhungrigen genügend Möglichkeiten zum Abtanzen. Die Tolteken, Azteken und Maya haben so viele gigantische Zeugnisse hinterlassen, dass Kultursuchende sich hier monatelang einen Tempel nach dem anderen ansehen können. Und auch speziell für Overlander gibt es unzählige atem­beraubende Strecken und einsame Plätze fürs Nachtlager.

 

Organisierte Kriminalität

Doch trügt diese Idylle? Was ist mit den vielen Negativschlagzeilen? Kann man sich als Besucher in einem Land sicher fühlen, in dem täglich 100 Menschen getötet werden? Das sind über 36.000 Morde pro Jahr! Der Touristenstrom aus den USA und Kanada hat in den letzten Jahren deutlich nachgelassen. So sehr, dass sogar der mexikanische Präsident persönlich die Werbetrommel in den USA rührte. Als er sagte, den Urlaubern drohen höchstens Tequila-Shots, aber keine echten Schüsse, kam diese Verharmlosung ­allerdings gar nicht gut an. Über 60 Pro­zent aller Morde gehen auf das Konto der organisierten Kriminalität. Ab und zu befinden sich Besucher zur falschen Zeit am falschen Ort.
So erging es im März 2021 einer Schweizerin, der bei Streitigkeiten in einer Bar aus Versehen ins Bein geschossen wurde. Mitte Juni 2021 näherten sich zwei unbekannte Täter auf Jetski dem Strand von Cancún. Zwei Männer wurden erschossen, eine US-Amerikanerin verwundet. Im Juli 2021 wollte ich mit dem Wohnmobil auf den Nevado de Toluca fahren. Im Nationalpark führt eine Piste bis auf 4.200 Meter. Da ich mir nicht sicher war, ob die Strecke in der Regenzeit ohne Allradantrieb befahrbar war, rief ich dort an. Zu meiner Überraschung war zwar die Straße angeblich kein Problem, aber der Parkwächter am Telefon riet mir dennoch von einem Besuch ab. Es sei in letzter Zeit auf der Zufahrt mehrmals zu bewaffneten Raubüberfällen gekommen. Ich recherchierte und fand erschreckende Bilder. Motorradfahrer und Autofahrer, die am helllichten Tag mit vorgehaltener Waffe gezwungen wurden, ihre Wertsachen herauszurücken. Einer musste sogar sein Motorrad überlassen. Einer der Betroffenen hatte den Vorfall mit einer Helm­kamera gefilmt. Auch wenn mich die Landschaft am Vulkan sehr gereizt hätte, entschied ich mich am Ende gegen eine Fahrt dorthin.

Grausamer Wahltag

Dieses Ereignis brachte mich ins Grübeln. Nur wenige Wochen zuvor hatten in Mexiko Wahlen stattgefunden, sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene. 21.000 Ämter wurden neu besetzt. Die Wahlbeteiligung war mit 52 Prozent so hoch wie nur selten. Am 6. Juni 2021 war der große Wahltag und im ganzen Land nahmen die Menschen stundenlanges Anstehen und Warten in der prallen Sonne auf sich, um den Politikern ihre Stimme zu geben. Die Menschen standen dicht gedrängt vor den Wahllokalen, die zu Abstand mahnenden Plakate wurden ignoriert. Corona geriet an diesem Tag in den Hinter­grund. Leider war diese Wahl nicht nur eine der umfangreichsten in der Geschichte Mexikos, sondern auch eine der grausamsten und blutigsten.
Als die Helfer an jenem Sonntag das Wahllokal in Tijuana aufschlossen, fanden sie den abgetrennten Kopf eines Mitbürgers. Auch in anderen Wahllokalen wurden abgetrennte Gliedmaßen gefunden, Wahlunterlagen wurden verbrannt, Urnen zerstört. Während des Wahlkampfes wurden knapp hundert Menschen ermordet, darunter 36 Kandidaten für politische Ämter. Guerrero gilt als einer der gefährlichsten Bundesstaaten des Landes. Hier werden Marihuana und Schlafmohn angebaut, der zur Herstellung von Heroin benötigt wird. Verschiedene Kartelle beherrschen den Drogenhandel und bereichern sich unter anderem mit Schutzgelderpressungen.
Sagen Politiker der organisierten Kriminalität den Kampf an und kooperieren nicht, rollen Köpfe, und das ist in diesem Fall leider wörtlich zu nehmen. Will ein Politiker länger im Amt bleiben, ohne um sein oder das Leben seiner Familie zu fürchten, muss er mit den Verbrechern zusammenarbeiten. Der Staat hat längst die Kontrolle verloren.
In Mexiko führen insgesamt nur fünf Prozent aller angezeigten Straf­taten tatsächlich zur Verurteilung. So gut wie alle Ebenen sind unterlaufen, lokale Politiker, Sicherheitskräfte und Verwaltungs- und Justizbeamte. Polizisten müssten viel besser ausgebildet und vor allem auch besser bezahlt werden, um weniger anfällig für Korruption und Gefälligkeiten zu sein. Viele Menschen haben längst das Vertrauen in die staatlichen Sicherheitsorgane verloren, organisieren sich selbst in unzähligen Bürgerwehren und gerade auf dem Land, wo die Armut am größten ist, machen immer wieder Fälle von Lynchjustiz von sich reden. In Cancún haben mehrere Honorarkonsule die Casa Consular ins Leben gerufen, eine Anlaufstelle für Touristen, die Probleme mit der Polizei oder Behörden haben.

Die Wahlen waren 2021 die blutigsten in der Geschichte Mexikos

 

Touristen als Trinkgeld-quelle

Auch ich stehe der Polizei in Mexiko im Allgemeinen eher misstrauisch gegenüber. Vor allem Verkehrspolizisten versuchen gern, sich mit Touristen etwas dazuzuverdienen. Als ich im Juni durch Acapulco fuhr, wurde ich innerhalb einer Stunde viermal von der Polizei angehalten! Der erste Polizist behauptete, ich dürfe um diese Uhrzeit mit einem Fahrzeug über 3,5 Tonnen nicht durch die Stadt fahren. Meiner Meinung nach galt diese Regel nur für kommerzielle Lastwagen. Ich nahm das Telefon und rief die Polizei an, vor den Augen des Polizisten. Er gab mir sofort meine Papiere wieder und ließ mich ziehen. Der zweite Polizist warf mir vor, eine rote Ampel übersehen zu haben. Der Dritte erfand die Regel, dass ich mit dem Camper nur die äußere Spur nutzen dürfe und dem Vierten war ich zu schnell unterwegs. Sobald ein Polizist Bargeld verlangt, darf man sicher sein, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht. Sie dürfen nämlich keine Zahlungen entgegennehmen. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, diskutiere gern und frage sie zur Not auch mal etwas provokativ, ob sie sich nicht schämen würden, ihr Amt zu missbrauchen, um sich an den Touristen zu bereichern. Doch im Grunde genommen tun sie mir sogar etwas leid, denn das Gehalt eines Straßenpolizisten entspricht nur etwa dem Durchschnittslohn, mit dem man gerade so über die Runden kommt.
Nach all diesen negativen Fakten muss ich aber auch eine Lanze für Mexiko brechen. Denn wie überall auf der Welt gibt es in keinem Land per se nur schlechte Menschen. Ich habe weitaus mehr freundliche und hilfsbereite Menschen getroffen als Verbrecher! Dass sich durch die Wahlen etwas grund­legend im Land ändern wird, wage ich zu bezweifeln.
Aber die vielen tollen Menschen im Land verdienen es, dass wir uns von den Banden nicht einschüchtern lassen. So freue ich mich auch in Zukunft auf das Land mit dem leckersten Street Food Lateinamerikas, den besten Margaritas, den schnul­zigsten Mariachi-Sängern und den traumhaften Buchten der Baja California. Und hält man sich von bestimmten Regionen und Städten fern und informiert sich, so kann man seine Campertour durch ­Mexiko auch heute noch genießen.

 


Die Autorin

Janette Emerich kennt die Panamericana als Reiseleiterin wie ihre Westentasche. Im explorer berichtet sie regelmäßig über Wissenswertes zum Reisen in Süd- und Mittelamerika.

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