Die vielen Gesetze der Straße

Ob Hupe, Lichthupe oder individuell eingesetzte Blinker: In Argentinien nutzt man alle Signale am Fahrzeug, um sich zu unterhalten. In Bolivien schmückt man derweil lieber sein Fahrzeug, um es von einem Priester segnen zu lassen

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Am Straßenrand häufen sich Plastikflaschen – allerdings dienen die angehäuften Berge nicht als Müllkippe, sondern als Mahnmal

Wer die Panamericana von Süd nach Nord bereist, startet seinen Roadtrip meist in Montevideo, Uruguay oder auf der anderen Seite des Río de la Plata, in Buenos Aires, Argentinien. Viele Reisende sind überrascht, wie europäisch geprägt diese Städte und Länder sind. Die Geschäfte unterscheiden sich nicht wirklich von denen in unseren Gefilden, H&M, C&A reihen sich an Starbucks und McDonald’s. Wo bleibt die Exotik?

Tatsächlich ist man gerade in Argentinien stolz auf seine europäischen Wurzeln. Ein gern erzählter Witz besagt: Die Mexikaner stammen von den Azteken ab, die Peruaner von den Inka und die Argentinier von den Schiffen. Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass man doch weit weg von zuhause ist. Das -beginnt schon beim Autofahren. Ein Auto blinkt links, es will also links abbiegen. Oder? Das wäre zu einfach. In Lateinamerika blinkt man links, um dem hintendrein Fahrenden zu signalisieren, dass er überholen kann. Oder um links abzubiegen. Dieses Missverständnis kann durchaus zu gefährlichen Situationen führen. Daher bitte nicht sorglos sofort zum Überholen ansetzen, sondern erst überlegen, was der Fahrer vorn wirklich meinen könnte.

Doch damit nicht genug. Auch die Lichthupe ist ein sehr häufig eingesetztes Element in Lateinamerika. Diese kann vielerlei Bedeutungen haben, von „Hallo, wie geht’s?“, „Cooles Auto“ bis „Achtung, Kontrolle“. Meistens ist es tatsächlich nur ein freundlicher Gruß. Und da ein europäischer Camper auffällt, wird man entsprechend häufig gegrüßt.

 

Hupen ist nicht gleich hupen

Auch die Hupe wird gern verwendet. Will man auf den Straßen dazugehören, ist sie ein unverzichtbares Utensil. Auch dazu hat man vor Ort einen Witz parat:  Ein Bolivianer kommt in die Werkstatt und verlangt nach einer lauteren Hupe. Die Mechaniker fragen ihn, warum. Daraufhin der Bolivianer: „Meine Bremse funktioniert nicht mehr.“ Gehupt wird aus den verschiedensten Gründen. Man hupt, um sich anzukündigen. Fußgänger und Fahrradfahrer sind es gewohnt angehupt zu werden und reagieren ohne akustisches Signal kaum, machen erst nach dem Tonsignal den Weg frei – Hupen wird quasi erwartet. Auch Taxi- und Tuk-Tuk-Fahrer hupen die Passanten an. In diesem Fall heißt das so viel wie „Hey, brauchst du ein Taxi?“, meistens wird gleich darauf nochmal gehupt, nach dem Motto: „Brauchst du wirklich kein Taxi?“. Lastwagenfahrer hupen auch gern Frauen an und rufen noch ein Kompliment dazu. Ich erinnere mich an meine Anfangstage, als wir bei der Ausschiffung der Reisemobile den Papierkram noch ohne Agenten selbst im Hafen erledigten und ich damals von Pontius zu Pilatus lief. Einmal musste ich an einer langen Schlange wartender Lkw vorbei. Der erste begann zu hupen, der zweite stimmte ein. Mein Lauf wurde von einem lauten Hupkonzert begleitet. Jeder Frau mit geringem Selbstbewusstsein empfehle ich eine Reise nach Lateinamerika. Sie schmeichelt dem Ego ungemein.

Wenn man von einem langsameren Fahrzeug vorbeigelassen wird, bedankt man sich durch zweimaliges kurzes Hupen. Ich habe die Hupe lieben gelernt. Nach einer längeren Tour hupe ich auch in Deutschland gern Fahrradfahrer an. Dabei fallen manche vor Schreck fast vom E-Bike und ich ernte nur verständnisloses Kopfschütteln und böse Blicke.

Selbst der Begriff Autobahn wird nicht so streng genommen. Hier tummeln sich auch schon mal Fußgänger, Fahrradfahrer, Männer mit Ochsenkarren oder Pferdegespanne. In Bolivien stehen auf – nicht an – den Autobahnabfahrten sogar Marktfrauen mit ihren Ständen. Ohne Hupe wäre man verloren oder würde regelmäßig Marktfrauen anrempeln. Zum Glück sind die Mamitas gut gepolstert. Ich beziehe mich auf die vielen Schichten bunter Röcke und nicht etwa auf die Körperfülle. Wobei auch diese meistens vorhanden ist.

 

Plastik als Mahnmal

Recht schnell bemerken Overlander die Berge aus bunten Plastikflaschen am Straßenrand. Dabei handelt es sich um Schreine für die Difunta (spanisch für „Verstorbene“) Correa und keineswegs um nicht fachgerecht entsorgten Müll. Der Legende nach soll María Antonia Deolinda Correa 1841 ihrem Mann, der zu Zeiten des Bürgerkriegs von Soldaten verschleppt wurde, in die Wüste gefolgt sein. Sie wollte ihm das neugeborene Baby zeigen. Madame Correa hatte die Wüste unterschätzt, Gauchos fanden die verdurstete Frau. Das Neugeborene überlebte, da es durch die Brust mit Muttermilch versorgt wurde. Ein Wunder war geschehen.

Fußballidol Diego Maradona hat in Argentinien seine eigene Religionsgemeinschaft

In Vallecito in Nordargentinien wurde ihr zu Ehren ein Wallfahrtsort eingerichtet, Menschen bitten sie in allen Lebensbelangen um Hilfe. Verliebte Mädchen beten zur Difunta, um den Mann ihrer Träume für sich zu gewinnen. Kommt es zur Hochzeit, spenden sie im Anschluss ihr Hochzeitskleid. Die Difunta scheint eine erfolgreiche Kupplerin zu sein, denn die Kapellen sind voll mit weißen Mädchenträumen aus Tüll und Seide. Sie gilt auch als Schutzheilige der Fernfahrer, die ihr Ersatzteile und Kennzeichen spenden. Correa ist, nebenbei bemerkt, auch das spanische Wort für Keilriemen. Zufall? Der Wallfahrtsort ist eine skurrile Sammlung gespendeter Gegenstände, von ganzen Autos bis hin zu Kleidern, Kennzeichen, Fotos und selbstgebastelten Difunta-Darstellungen. Die Argentinier hatten schon immer einen Hang zu Kult und Heiligenverehrung, der teilweise absurde Dimensionen annimmt. So hat Diego Maradnna, auch „die Hand Gottes genannt“, seine eigene eingetragene Religionsgemeinschaft mit etwa 40.000 Mitgliedern.

Die Iglesia Maradoniana feiert statt Weihnachten den Geburtstag des Fußballidols. Von der Kirche wurde die Difunta nie heiliggesprochen (Diego Maradona übrigens auch nicht, aber der lebt ja auch noch), was die Argentinier und Chilenen nicht davon abhält, an bestimmten Feiertagen zu tausenden zur Difunta zu pilgern. Und was hat es mit den Plastikflaschen auf sich? Die sollen zum einen an die Difunta erinnern, zum anderen aber auch dafür sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt und niemand mehr unterwegs verdursten muss. Ich würde mich bei den Flaschen allerdings nicht bedienen. Bei gelblicher Flüssigkeit im Inneren sollte man die Finger von der Flasche lassen, denn da hat vermutlich ein Trucker seine Blase erleichtert und sich dann an ungeeigneter Steller der Flasche entledigt.

 

Das Auto als Heiligtum

Wem das Opfer für Correa noch nicht sicher genug erscheint, kann sich in Copacabana am Titicacasee von einem Priester persönlich sein Fahrzeug segnen lassen. Bolivianer, Peruaner und Chilenen nehmen gern die Reise ins bolivianische Hochland auf sich, schmücken ihre Wagen aufwändig mit frischen Blumen und Girlanden und fahren vor der großen Basilika im Ortskern vor.  Immer zur Mittagszeit stehen die geschmückten Wagen dort Schlange. Ein Priester weiht das Fahrzeug und den Fahrer, bespritzt beide mit Weihwasser und danach mit Bier oder Sekt. Meistens endet diese Zeremonie mit einem heftigen Trinkgelage, nach dem alle ihre Fahrt fortsetzen. Den göttlichen Beistand können sie dabei dann vermutlich direkt ganz gut gebrauchen.

Auch wir sind schon einmal mit geschmücktem Wohnmobil vorgefahren. Da wir allerdings spät dran waren, war der Priester nicht mehr verfügbar (oder vielleicht bereits zu betrunken?), sodass uns kurzerhand eine vorbeikommende Frau segnete. Unterm Strich war das mit Sicherheit eine gute Investition. Anstatt eine Kfz-Versicherung zu kaufen, fahren wir ab sofort mit göttlichem Beistand, wer braucht da überhaupt noch eine Versicherungspolice?

Es ist offensichtlich: Auf den Straßen Lateinamerikas ist der Unterhaltungswert durchaus hoch. Allen Overlandern allzeit gute Fahrt und etwas göttlichen Beistand am Steuer – dieser hat zumindest bis jetzt niemandem geschadet.