C – A B C D E – Das neue Alphabet für Lebensretter

Sie finden Ihren Reisepartner – anscheinend bewusstlos – auf dem Boden liegend. Was würden Sie als Erstes tun? Eine Hilfestellung

Medizin Rettungsschema

Während Sie noch ein paar Dinge für das Frühstück einkaufen, will Ihr Reisepartner schon einmal das Kajak vom Fahrzeugdach heben. Als Sie wieder kommen, sehen Sie ihn, anscheinend bewusstlos und verletzt, neben dem Fahrzeug liegen. Wie lange ist es her, seit Sie an einem ErsteHilfeKurs teilgenommen haben? In den meisten Fällen wohl mehr als ein paar Wochen. Doch wie reagiert man nun richtig, wenn in einer solch überraschenden Situation strukturiertes Nachdenken kaum möglich und in unmittelbarer Nähe keine Hilfe zu erwarten ist? Ein Versorgungsschema kann durch eine simple und strukturierte Reihenfolge dabei helfen, Leben zu retten.

ALPHABETISCHES VERSORGUNGSSCHEMA
Das wohl bekannteste Versorgungsschema ist das ABCDE. Es dient der strukturierten Beurteilung eines Notfallpatienten anhand von Faktoren wie Atmung oder Kreislauf (siehe Folgeseiten). Im Laufe der Jahre wurde dieses Schema jedoch weltweit um einen voran gestellten Buchstaben ergänzt, denn es fehlte ein entscheidender Punkt: die Behandlung lebensbedrohlicher Blutungen. Auch Carsten Graßhoff, Notfallsanitäter sowie examinierter Krankenpfleger und selbst Fahrzeug Reisender, wendet das neue Schema an und erklärt: „Wenn der Patient lebensbedrohliche Blutungen hat, würden sie dem ABCDESchema nach nicht direkt zu Beginn behandelt werden. Allein im Bereich von Stürzen, Verkehrsunfällen, (Waffen )Gewalt und anderen traumatischen Geschehnissen ließen sich viele Todesfälle vermeiden, wenn zuerst die Blutung gestillt werden würde.” Im Fall einer starken und sichtbaren massiven Extremitätenblutung beginnt das neue Schema immer mit dem Buchstaben C beziehungsweise X. Somit wird es zum C ABCDE Schema oder entsprechend X ABCDE Schema. Dabei steht das vorangestellte C für critical bleeding (kritische Blutung), beziehungsweise das X für eXtreme bleeding (extreme Blutung). Gerade wenn man abseits der Zivilisation unterwegs ist und professionelle medizinische Hilfe nicht so schnell eintreffen kann wie in der Heimat, ist Erste Hilfe umso wichtiger – nicht nur bei starken Blutungen. Schlaganfällen, Herz infarkten oder Schocksituationen ist es
egal, ob Sie auf Reisen fernab von Städten sind.

Medizin Rettungsschema

EIGENSCHUTZ GEHT VOR FREMDSCHUTZ
Sobald man am Unfallort eintrifft, gilt es, sich einen Überblick über die Situation zu verschaffen. Angenommen, der Reisepartner ist nicht vom Fahrzeugdach gefallen, besteht am Unfallort weiterhin Gefahr – etwa durch ein defektes Stromkabel, aggressive Tiere oder gewalttätige Menschen? Ist das Umfeld nicht sicher, muss erst die Gefahr beseitigt oder der Verletzte an einen sicheren Ort gebracht werden. Generell gilt: eigene Gesundheit geht vor Fremdrettung. Dann erst kann man mit der Umsetzung des Versorgungsschemas starten. Trotz des Rettungsschemas empfiehlt es sich, das Wissen zum Thema Erste Hilfe regelmäßig in einem Kurs aufzufrischen. Entsprechende Kurse bieten beispielsweise die Johanniter und das Deutsche Rote Kreuz an. Geeignet für Overlander sind OutdoorKurse, die Theorie und Praxis verbinden sowie Lösungsansätze vorstellen, wenn professionelle medizinische Hilfe nicht so schnell eintreffen kann wie zu Hause.

 

 

Starke Blutung an der Hand

CRITICAL BLEEDING | STARKE BLUTUNG

HANDLUNG BEI STARKEN BLUTUNGEN
Hat der Verletzte starke, sichtbare und als lebensbedrohlich eingeschätzte Extremitätenblutungen?
• frühestmöglich Notruf absetzen
• Infektionsrisiko beachten: zwei Paar Einmalhandschuhe übereinander tragen
• Verletzten flach hinlegen
• manuelle Kompression der Blutung mit der Hand (des Verletzten)
Ausnahme: offener Bruch oder Fremdkörper in der Wunde
• Druckverband/Spezialkompressionsverband anlegen
• starke, sichtbare und als lebensbedrohlich eingeschätzte Extremitätenblutungen an einer oder mehreren Extremitäten sofort mittels Tourniquet (spezielles Abbindesystem) abbinden

TIPP:
Zwei Paar Einmalhandschuhe übereinander tragen: Nach Versorgung der Blutung blutige Einmalhandschuhe wegwerfen – darunter befinden sich dann saubere Handschuhe für weitere Maßnahmen.

 

Die eigene Sicherheit an der Unfallstelle sowei die des Verletzten muss immer mit in die Entscheidung einbezogen werden.

 

 

Medizin Rettungsschema

AIRWAY | ATEMWEGE

KONTROLLE DES GEÖFFNETEN MUNDRAUMS VOR DER ÜBERSTRECKUNG
Ist der Betroffene ansprechbar?
Sind seine Atemwege frei?
• Bei Bewusstlosigkeit können die Zunge, Fremdkörper oder Mageninhalt die Atemwege blockieren.
• Um das auszuschließen, muss vor der Überstreckung des Kopfes der geöffnete Mundraum daraufhin kontrolliert werden.

HANDLUNG BEI BEWUSSTLOSIGKEIT
• bei Helmträgern immer den Helm abnehmen, da sonst ABCDE (insbesondere A und B) unmöglich ist
• Mundraum inspizieren und ggf. Fremdkörper entfernen, um Atemwege freizumachen – ohne Überstreckung des Kopfes
• bei Flüssigkeiten den Betroffenen sofort auf die Seite drehen, sodass diese ablaufen können
• Niemals in die Zahnreihen des Betroffenen fassen!

 

 

Medizin Rettungsschema

BREATHING | BEATMUNG/BELÜFTUNG

KONTROLLE
Kann der Betroffene in ganzen Sätzen sprechen?
• sind nur kurze, abgehackte Sätze möglich: Ursache der Atemnot erkennen
• Bei wachen Patienten: Kann die Position des Oberkörpers leicht erhöht werden, sodass er besser atmen kann?

HANDLUNG BEI BEWUSSTLOSIGKEIT
Atmet der Betroffene?
• über den Mund des Verletzten beugen und Belüftung der Lunge kontrollieren: sehen, hören, fühlen einer ggf. vorhandenen Brustkorbbewegung sowie Ein-/ Ausatmung bei Überstreckung des Kopfes
• Atmet er normal, in die stabile Seitenlage bringen.
• Atmet er nicht, Notruf absetzen und mit der Reanimation beginnen: pro Minute dreimal: 30 x Herzdruckmassage, 2 x beatmen („stayin‘ alive“).
• offene Verletzungen im Brust- oder Rückenbereich luftdicht verschließen

 

„Bei der Mehrheit der Gesellschaft herrschen Unwissenheit, Ängste und gefährliches Halbwissen, wenn ein Unfall passiert. Erst, wenn es einzelne Menschen persönlich betrifft, setzt ein Umdenken ein.“

 

 

Medinzin Rettungsschema

CIRCULATION | KREISLAUF

KONTROLLE
Befindet sich der Verletzte bereits in einer kritischen Kreislaufsituation?
Test: Druck über zwei Sekunden auf Handinnenseite oder Stirn
• Wird die Druckstelle weiß und füllt sich nach zwei Sekunden wieder, befindet sich der Patient noch nicht in einer lebensbedrohlichen Kreislaufsituation.
• Bleibt die Stelle für längere Zeit weiß, ist der Kreislauf instabil und der Verletzte in einem kritischen Zustand.

HANDLUNG BEI VERDACHT AUF SCHOCKZEICHEN
Eine psychisch auffällige Verfassung des Verletzten sowie Blässe und kalter Schweiß deuten auf einen Schock hin.
• Verletzten in eine Schocklagerung bringen: Oberkörper flach, Beine hochlegen
• Ausnahme: keine Schocklage bei größeren Wunden im unteren Körperbereich sowie bei Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt!
• gesamten Körper auf weitere Verletzungen untersuchen und gegebenenfalls Blutungen stoppen

 

 

Medizin Rettungsschema

DISABILITY | NEUROLOGISCHES DEFIZIT

KONTROLLE
Das Bewusstsein kann unter anderem durch einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma (stumpfe Gewalt gegen den Kopf) getrübt sein. Auch Hitze, Drogeneinfluss oder eine Entgleisung des Blutzuckers können solche Symptome auslösen.
• Ist der Patient ansprechbar und bei vollem Bewusstsein? Reagiert er vielleicht nur auf laute Ansprache oder auf einen Schmerzreiz? Oder ist er vielleicht bewusstlos?
• Bei Bewusstlosigkeit immer den Notarzt rufen!

MOTORISCHE FUNKTIONEN PRÜFEN
Hat der Betroffene Sprachstörungen, ist eine Körperseite gelähmt oder hängt ein Mundwinkel seitlich herunter, kann dies auf einen Schlaganfall hindeuten.
• Hand des Verletzten greifen und ihn auffordern, fest zuzudrücken. Gibt es Kraftunterschiede zwischen der linken und rechten Hand?
• Den Betroffenen bitten, seine Stirn zu runzeln und die Lippen zu spitzen. Sieht es auf der linken und rechten Seite unterschiedlich aus?
• Den Verletzten bitten, seine Extremitäten nacheinander auf Aufforderung zu bewegen. Gibt es hier Auffälligkeiten, Schwächen oder gar Ausfälle (Bewegungs-/Empfindungsunfähigkeit)?
• Taubheit in den Beinen in Verbindung mit Unvermögen der Bewegung können auf eine Verletzung der Wirbelsäule hinweisen und müssen im Notruf unbedingt erwähnt werden.
• Betroffenen befragen – kann er das Geschehen zeitlich, räumlich und örtlich einordnen? Stellen Sie ein paar Fragen: Wie heißt du, wo bist du, welcher Tag ist heute?

 

 

Medizin Rettungsschema

EXPOSURE | ENTKLEIDEN & ENTSCHEIDEN

KONTROLLE
• Betroffenen zur Suche nach weiteren Verletzungen teilentkleiden. Dabei versuchen, die Intimsphäre zu wahren, Gaffer gibt es auf der ganzen Welt
• ihn vor Umwelteinflüssen (wie Witterung) schützen, betreuen und je nach Situation Beistand leisten, insbesondere bei Kindern und älteren Patienten
• seine Körperwärme mit einer Isolier-Rettungsdecke erhalten (mehr zum Thema Unterkühlung im EXPLORER 01-2019)
• bei Schädel-Hirn- oder Wirbelsäulenverletzungen den Patienten nicht unnötig bewegen

ENTSCHEIDUNG TREFFEN
Ändert sich der Bewusstseinszustand des Verletzten/Patienten oder hat man den Betroffenen transportiert/bewegt, so gilt es, das ABCDE-Schema erneut abzuprüfen, um eventuell Ursachen für die Veränderungen herauszufinden.