Wassernutzung auf Reisen: Einige Gedanken

Noch vor Kraftstoff ist Wasser auf Reisen unsere Ressource Nummer 1. Doch ist unser Umgang damit immer korrekt? Oder richtig? Wir stellen einmal einige Thesen in den Raum

Wassernutzung auf Reisen: Einige Gedanken

Hätten Sie gedacht, dass auch im Jahr 2020 über 700 Millionen Menschen mehr als 30 Minuten laufen müssen, um sich an einer Quelle oder einem Brunnen mit trinkbarem Wasser zu versorgen? Hätten Sie geahnt, dass noch immer 80 Prozent des kommunalen Abwassers weltweit ungeklärt in die Natur geleitet wird? Und hätten Sie gewusst, dass Jahr für Jahr noch immer acht Millionen Menschen an den Folgen von verunreinigtem Trinkwasser sterben? Auch wenn ich auf meinen Reisen immer wieder Menschen sehe, die an Brunnen stehen und Wasser abfüllen, 159 Millionen Menschen beziehen ihr Wasser aus Quellen und offenen Gewässern, war mir diese Tragweite nicht in ihrer Gänze bewusst. Ein paar Gedanken zur Wassernutzung auf Reisen.

Im Kern lernte bisher jeder Camper sehr schnell den Wert von Wasser zu schätzen. Weil irgendwann der Kanister, der Tank, alle ist und es gilt, Nachschub zu finden. „Das Wasser reicht für eine Woche – egal wie groß der Tank ist”, sagte mir einmal ein Hersteller. Was er damit ausdrücken wollte: Sich einzuschränken, den Gegebenheiten anzupassen, das geht auf Reisen im Grunde ganz schnell. Auf einmal kommt das Wasser nicht mehr aus dem Hahn, sondern ist ganz sichtbar endlich, wenn die Tankuhr Tag für Tag unerbittlich herunterzählt. Wir werden bei der Morgentoilette ziemlich effizient, das T-Shirt vom Vortag tut es sowieso noch – und ordentliches Abtrocknen hat beim Spüldienst schon immer einen schlampigen Smut zu ersetzen vermocht.  

 

Ein Eimer mit Wasser, ein Becher zum Schöpfen. In vielen Ländern der Welt ergibt das eine komfortable Dusche

 

2 Milliarden Menschen ist, nach Angaben der UNICEF, der Zugang zu einer „sicheren Trinkwasserversorgung” verwehrt. Das heißt: Ihnen fehlt auf dem eigenen Grundstück oder in der eigenen Wohnung ein direkter und jederzeit verfügbarer Wasser­anschluss sowie ein WC, dessen Abwasser abgeführt und entsorgt wird. Jeder vierte Bürger dieser Erde also muss auf für uns Selbstverständliches verzichten, gleichzeitig führen wir als Camper unseren Wohlstand zunehmend ad ­absurdum. Anstatt uns weiterhin in Verzicht zu üben und den bescheidenen Wohlstand wertzuschätzen, den wir selbst im Camper 2.000.000.000 Menschen voraus haben, genügt uns dies nicht mehr. Die Wassertanks wachsen, gerade bei Lkw-Aufbauten, in mitunter obszöne Größen – aber wie es sich für Einheimische anfühlen mag, wenn sich ein Tourist am Dorfbrunnen 400, 500, 600 Liter Wasser in seinen Truck pumpt, anstatt, wie alle anderen, mit einem, zwei Kanistern anzustehen, spielt dabei keine Rolle.

15 bis 20 Liter empfiehlt die UNO-Flüchtlingshilfe pro Person und Tag als Mindestversorgung, sieben Liter gelten als das Minimum zum Überleben, wir Deutschen konsumieren pro Tag etwa die acht- bis zehnfache Menge. Ein durchschnittlicher Brunnen mit einer motorgetriebenen Pumpe kann bei guten Bedingungen pro Stunde etwa 4.000 bis 8.000 Liter Wasser fördern, damit ist pro Minute eine Familie mit dem Nötigsten versorgt, 1.440 Familien am Tag.  Und dass Wasser nicht umsonst sprudelt, wird ebenfalls gern vergessen. Ob nun der Kraftstoff für die Pumpe bezahlt werden muss oder pro Kubikmeter mit dem Versorger abgerechnet wird. So kostet beispielsweise in Chile der Kubikmeter Wasser etwa 40 Eurocent, bei einem durchschnittlichen Familieneinkommen von umgerechnet 1.200 Euro. Damit ist das Leitungswasser für den Chilenen etwa dreimal so teuer wie dieselbe Menge für einen Einwohner Deutschlands – das sollte beim Bunkern im Kopf bleiben.

Offenkundig schaffen sich Camper so noch ein weiteres Problem bei der Wassernutzung auf Reisen, denn nachdem das frische Wasser genutzt wurde, muss es auch wieder fort. Und je mehr zum Verbrauchen verfügbar ist, desto mehr muss auch in die Kanalisa­tion. Oder am besten direkt in die Natur, das WC-Abwasser gleich mit dazu?

Kaum ein Thema wird kontroverser, ja, hysterischer diskutiert, und je größer die Camperflotten werden, desto drängender wird es, aufgeklärt zu handeln – oder eben die Kläranlage ihre Arbeit machen zu lassen. Dabei sollte man nicht den Fehler machen und von mittel­europäischen Verhältnissen auf den Rest der Welt schließen: Schon in Norwegen (65 %), Kroatien (39 %), Albanien (28 %) oder Serbien (10 %) ist der Anteil der Kommunen und Städte, die an eine Wasseraufbereitung angeschlossen sind, spürbar geringer als im Herzen Europas, wo die Kanalisation beinahe flächendeckend ist. Gibt es also zwischen Ostsee und Adria kein Argument, sein Schmutzwasser wild zu entsorgen, fällt die Sachlage andernorts anders aus. Das beginnt schon bei der Frage, wann eigentlich Schmutzwasser zu Abwasser wird und hört bei der Reise-Ethik, seinen Stellplatz sauberer zu verlassen, als er zur Ankunft war, lange nicht auf. 

 

Woher kommt der Nachschub?

Sich eines Rohstoffes zu bedienen, der an vielen Orten der Welt eine begrenzte Ressource ist, bedeutet auch, ihn in Maßen zu verwenden – und sich seines Wertes bewusst zu sein. In touristisch stark frequentierten Regionen ist es mittlerweile üblich, für Wasser zu bezahlen, an öffentlichen oder privat betriebenen Zapfstellen. Für viele Camper ein Klassiker: das Auffüllen von Diesel- und Wassertanks an ein und demselben Ort. Es ist die wohl beste Lösung, schließlich verdient der Pächter bereits am Kraftstoff. Wer aber mehr als einen Kanister füllen möchte, sollte sich vom Tankwart zumindest das O. K. geben lassen. An abgelegenen Plätzen ist es nicht selbstverständlich, dass ein Leitungsnetzwerk bis in den nächsten Ort existiert, oft genug wird das Wasser aus dem eigenen Brunnen gezapft – und ist deshalb nicht unerschöpflich.

 

Dasselbe gilt für Stell- oder Campingplätze außerhalb Europas, auch hier impliziert die Anwesenheit von Dusche und Wasserhahn nicht automatisch eine grenzenlose Verfügbarkeit. Eine Regel, die in Zeiten immer größerer Tankkapazitäten in Vergessenheit gerät: Wer regelmäßiger kleine Mengen tankt, hat seltener Probleme, sich zu versorgen – und hat gleichzeitig deutlich frischeres Wasser zur Nutzung auf Reisen.

 

Wohin mit dem Abwasser, wenn es keine Kanalisation gibt?

Vielerorts, auch in Europa, gibt es Regionen ohne Kläranlagen, wird das Abwasser ungereinigt verklappt. Das ist nicht gleichbedeutend mit einem Freibrief für Camper, ebenfalls im großen Stil Grau- und Schwarzwasser in die Natur zu gießen – gerade in Ballungsräumen, wie beispielsweise an der Lagune von Dakhla, führt dies regelmäßig zu bizarren Szenen. Vielmehr soll es sensibilisieren, überhaupt erst so wenig Wasser wie möglich zu verschmutzen und dies, wann immer es möglich ist, an geeignetem Ort zu entsorgen.

 

 

Auf keinen Fall wird Wasser an Quellen, in Ufernähe oder gar direkt in Gewässer abgelassen. Gesunde Böden können geringe Mengen von Haushaltsschmutzwasser verkraften, schließlich ist der Boden ein natürlicher Filter, besonders Sand und kiesreicher Untergrund. Eine kleine Grube auszuheben und diese später wieder mit Boden zu bedecken, ist das Mindeste, was beim Entsorgen von Schwarzwasser zu tun ist, auch sollte das nur in minimalen Mengen erfolgen. Keine Diskussion: Wer Wasser in der Natur ablässt, verwendet keinerlei chemische Komponenten, Seifen oder andere Tenside.

 

Warum Wasser filtern, mit dem man sich wäscht?

In vielen Reisemobilen wird der gesamte Wasser-Kreislauf filtriert. Geschieht dies beim Befüllen, hilft es, die Anlage längere Zeit keimfreier zu halten. Wird hinter dem Tank gefiltert, kommt es der Qualität des gezapften Wassers zugute. Aber: Warum muss auch das Dusch- und Waschwasser aufbereitet und die Standzeit der Filterkartuschen damit unnötig reduziert werden? Wer gern keimfreies und geschmacksneutrales Wasser aus der Leitung trinken möchte, sollte überlegen, nur für einen entsprechenden Zapfhahn eine Filterkartusche einzusetzen: Dies reduziert die Betriebskosten deutlich.

 

 

 

Löst vielleicht eine Trocken-Toilette meine Probleme?

Weniger ist leer: Das Prinzip des Trenn-WCs reduziert die Menge an Schwarzwasser durch einfaches Auftrennen in die Bereiche fest und flüssig immens, spart im Umkehrschluss viel Frischwasser und ist deshalb – hat man sich einmal mit der Nutzung arrangiert – auf Reisen ein wahrer Segen. Im Optimalfall können die festen Rückstände nach einigen Wochen in trockener Form entsorgt werden – regelmäßig muss nur der Urintank geleert werden, nach Möglichkeit an geeigneter Stelle in die Kanalisation. Grundsätzlich ist aber auch ein Ablassen in die Natur unproblematisch. Zumindest dann, wenn der gewählte Platz dies gestattet. An Orten, wo offensichtlich ist, dass man nicht seit Tagen oder Wochen der einzige Tourist ist, verbittet sich eine solche Entsorgung.

 

 

 

Kann ich mein Abwasser im Fahrzeug aufbereiten?

Was in unserem häuslichen Alltag ganz normal ist, könnte auch im Camper eine Option sein: die Kläranlage für Abwasser. Als einziger Hersteller dieser Art ist derzeit Enteron auf dem deutschen Markt aktiv, dessen Geräte können pro Tag etwa 50 bis 80 Liter Abwasser so weit aufbereiten, dass man es bedenkenlos an jedem Ort ablassen kann. Das geschieht ganz ohne Chemie, nur über zugeführte Bakterien, für die Umwälzung des Wassers geht etwa eine Amperestunde Strom pro Stunde drauf. Mit einem Platzbedarf von etwa einem halben Kubikmeter nur etwas für große Lkw, auch der Preis ist mit 9.800 Euro im gehobenen Segment.

 

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Das Geschäft und die Natur

Was als Trinkwasser konsumiert wird, muss irgendwann auch wieder gelenzt werden. Doch Vorsicht: In Deutschland kann Wildpinkeln bis zu 5.000 Euro teuer werden, in Italien kostet es doppelt so viel, Österreich kann bis zu 3.300 Euro verhängen. Klingt drakonisch – hat aber in Regionen mit hoher Bevölkerungsdichte durchaus seine Berechtigung, in vielerlei Hinsicht. Global betrachtet, klagen wir hier jedoch auf einem hohen Niveau. So sollte es die Verhältnismäßigkeit sein, die über „No” oder „Go” entscheidet. Übrigens: Schaufel und Zündhölzer können dafür sorgen, geringstmögliche Spuren zu hinterlassen. Und das auch am vermeintlich einsamsten Platz auf dem Planeten.

 

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Trinkwasser – warum von Konzernen kaufen, wenn es auch regionale Anbieter gibt? oder Brunnen?

Wem gehört eigentlich das Wasser? Diese Frage wird weltweit diskutiert, mit zunehmender Schärfe. Und das nicht nur in wasserarmen Regionen, sondern auch vor der Haustür, egal ob in der Lüneburger Heide (Coca Cola) oder im Nachbarland Frankreich: Die Bewohner des Kurortes Vittel kämpfen dort seit Jahren mit dem Lebensmittelkonzern Nestlé um das Vorrecht, Zugriff auf das eigene Wasser zu erhalten. Weltweit kaufen große Lebensmittelkonzerne Brunnen und Wasserrechte auf, um das dort gewonnene Trinkwasser teuer in den Handel zu bringen – auf Kosten der lokalen Bevölkerung. Eine sehenswerte Dokumentation zu diesem Thema ist „Bottled Life” aus dem Jahr 2012. Wer sich auf Reisen mit Mineralwasser versorgen will, sollte deshalb darüber nachdenken, ob ihm Zeit für einen Blick auf das Etikett bleibt, um nach Möglichkeit lokale Wasserproduzenten zu unterstützen.

Oder gar komplett auf abgefülltes Wasser zu verzichten und sich aus öffentlichen Brunnen zu versorgen. Ein von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenes Vorgehen zum Desinfizieren von Trinkwasser ist SODIS, die solar desinfection. Wird in einer (PET-)Flasche abgefülltes Wasser mindestens sechs Stunden direktem Sonnenlicht ausgesetzt, gilt es als ausreichend keimfrei, um es bedenkenlos trinken zu können. Dafür die Flasche horizontal auf eine bestenfalls reflektierende Oberfläche legen. Je stärker sich das Wasser erwärmt, desto besser. Glasflaschen funktionieren auch, verlängern jedoch die nötige Bestrahlungsdauer.

 

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Am Brunnen zapfen

Der Brunnen in der Wüste ist die sprichwörtliche Oase – und zwar nicht nur für Globetrotter, sondern auch für die Menschen und Tiere der Umgebung. Wer dieses Reservoir mit seiner griffbereiten Tauchpumpe mühelos um ein paar hundert Liter erleichtert, sollte bedenken, dass auch Dritte noch von dieser Quelle schöpfen wollen. Ist also nicht klar, dass der Grundwasserstand auch für Nachkommende hoch genug ist, wird nur die Menge gebunkert, die wirklich nötig ist. Sind Tiere in der Umgebung sichtbar und ist eine Tränke vor Ort, kann man dort etwas Wasser hineingießen. Grundsätzlich sollte Wasser aus Brunnen oder Quellen beim Tanken immer zumindest grob gefiltert werden.

 

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Außendusche & Shampoo = Sauerei?

Schon allein aus Platzgründen sind außen angeschlossene Wasserhähne und Duschen von kompakten Campern nicht wegzudenken. Braust man sich nur mit klarem Wasser ab, ist das nicht weiter der Rede wert. Wer aber zu Seife und Shampoo greift, spült Seifenreste in den Boden. Das ist o. k., wenn das ablaufende Wasser nicht in Gewässer gelangt, und setzt man dann noch auf biologisch abbaubare Seifen auf Pflanzenöl-Basis, sollte keiner ein schlechtes Gewissen haben, wenn er sich kurz neben dem Wagen frisch macht. Fakt: Schon von Gesetz wegen müssen in Pflegeprodukten enthaltene Tenside biologisch abbaubar sein, nicht nur in gekennzeichneten Produkten, erklärt dazu das Umweltbundesamt.

 

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Wann wird Küchenwasser zu Abwasser?

Ein großer Teil des täglichen Abwassers entsteht beim Kochen und Abspülen. Aber egal ob Nudelwasser oder das Wasser zum Gemüse waschen – Schmutzwasser ist das vielleicht optisch, nicht aber für die Natur. Erst, wenn es im Grauwassertank landet, mit den Resten aus dem Bad und der Spüle, vielleicht noch mit dem Schmutzwasser der letzten Putzaktion, ist es verdorben. Es gibt also keinen Grund zur Scham, die Kartoffeln in die Natur abzugießen – es muss ja nicht direkt auf die Füße des Nachbarn sein. Ähnliches gilt für das Spülwasser. Wer einmal erkannt hat, wie gut Geschirr sich auch ohne Reinigungsmittel, nur mit heißem Wasser, abwaschen lässt, erkennt im zweiten Schritt, dass dieses Abwaschwasser die Natur nicht stresst, sondern nur den Stellplatznachbarn, der einen tropfenden Abwasserschlauch entdeckt, ohne zu wissen, was durch diesen hindurchlief. Aber auch hier gilt: Der Stellplatz wird sauber hinterlassen – herausgespülte Lebensmittel-reste bleiben natürlich nicht liegen, sondern werden entsorgt.

 

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