Tierische Beifahrer

Für viele Camper gehören auch auf Reisen Haustiere selbstverständlich mit dazu. Aber wer dabei nur an Hund und Katze denkt, hat sich getäuscht. Im Gespräch mit Globetrottern, die sich ihre Autos mit eher überraschenden Bewohnern teilen

Jonny und Lotta hat es in den Süden gezogen, in Portugal ist es auch im Winter warm genug zum Kitesurfen. Die Anreise zog sich aber über mehr als zwei Wochen

Mitten im Interview wird Jonny langweilig. Er fängt an zu schreien, die typischen Klagelaute dringen durch den Telefonhörer aus Portugal herüber. „Ich geb’ ihm mal ein bisschen Heu“, sagt seine Besitzerin Lotta Lubkoll. Denn Jonny ist ein Esel und Heufressen zählt zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.

Den Winter verbringt Jonny mit Lotta in einem umgebauten Ford-Transit- Transporter in Südeuropa. Die beiden sind ein ungewöhnliches Gespann, der graue Esel und die kleine, blonde Münchnerin, die sich ihr Zuhause auf Rädern freundschaftlich teilen. „Jonny ist mein bester Freund“, erklärt Lotta, „ein vollwertiges Familienmitglied.“ Normalerweise leben sie auf einem Aussiedlerhof in Bayern, Lotta in einer kleinen Wohnung, Jonny in einer Herde mit anderen Eseln.

 

Aber Jonny hatte mal wieder Lust auf ein Abenteuer. Die beiden sind bereits zusammen über die Alpen gewandert und für Lotta stand sofort fest, dass sie ihr Reisemobil eseltauglich ausbauen wird, als sie beschloss, drei Monate durch Spanien und Portugal zu reisen. „Ich hätte ihn unmöglich allein zu Hause lassen können.“ Basierend auf Richtlinien des Veterinäramtes konstruierte sie also einen Van, der eine Mischung aus Stall und Reisemobil darstellt: Ihr Bett lässt sich zur Seite klappen und gibt den Platz frei für Jonnys integrierte Reisebox. Über eine Rampe kann er einsteigen, vorn und hinten hat er eine Stange zum Anlehnen, die Wände sind mit Isomatten gepolstert – ähnlich einer Pferdebox. Durch das Fenster auf Kopfhöhe kann Jonny jederzeit rausschauen und vor seiner Nase baumelt ein Netz Heu für den kleinen Snack zwischendurch. „Er ist ein absolut entspannter Beifahrer“, be ndet Lotta. Länger als eineinhalb Stunden am Stück und drei Stunden am Tag fahren die beiden trotzdem nie, die Fahrt in den Süden hat daher über zwei Wochen gedauert.

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Henne Küki gibt seit Herbst 2020 im Van von Jamina den Ton an – da müssen sich auch die zwei Hunde anpassen

Davon, wie es ist, den Alltag nach seinem tierischen Beifahrer auszurichten, kann auch Jamina Silah ein Lied singen. Neben ihren beiden Hunden lebt sie seit Herbst 2020 mit Huhn „Küki“ in ihrem Citroën Jumper. „Man muss sich schon anpassen“, lacht sie. „Jeder von uns hat seine eigenen Bedürfnisse.“ In Kükis Fall ist das vor allem das Eierlegen. Auch wenn sie mit viereinhalb Jahren schon eine etwas ältere Hühnerdame ist, legt sie noch eißig jeden Tag. Dafür braucht sie Ruhe und Geborgenheit, weshalb Jamina ihr extra eine besonders ruhige Hühnerbox gebaut hat. Und auch ein bisschen, weil ein Huhn nicht wie ein Hund stubenrein wird und Jamina nicht immer hinter ihr herputzen möchte.

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Ein Huhn bekommt keinen Heimtierausweis – grenzüber- schreitendes Reisen ist mit einem Pferd deutlich leichter

Die Henne, die eigentlich „Chips“ heißt, ist unter dem Künstlernamen „Küki“ ein kleiner Star auf der App TikTok. Dort zeigt sie ihren 150.000 Followern, wie Huhn im Van so lebt. Oberste Priorität: das Ei. Bevor sie nicht gelegt hat, kommt Küki nicht aus dem Bus. „Das muss ich immer mit bedenken“, erklärt Jamina.

Wenn diese Notwendigkeit dann aber erledigt ist, ist Küki durchaus eine aktive Reisegefährtin. „Sie ist der Grund, warum wir so viel unterwegs sind und warum wir so leben, wie wir leben“, verrät Jamina. Denn der Henne wird schnell langweilig, sie mag es, neue Orte zu erkunden. Die größte Heraus- forderung beim Vanlife mit Huhn? „Aufpassen, dass sie nicht gefressen wird“, sagt ihre Besitzerin. Das erledigen unter anderem Jaminas Hunde, deren Rudel sich Küki als vollwertiges Mitglied angeschlossen hat. Aber auch das Huhn selbst hat Wachhundqualitäten: Nähert sich ein fremder Hund oder droht Gefahr, fängt es laut an zu gackern.

Obwohl Küki wie ein Hund geimpft und gechipt ist und außerdem ein Gesundheitszeugnis vom Tierarzt hat, bekommt sie als Nutztier keinen Reisepass. Deshalb sind Jamina und ihre Tiere hauptsächlich in Deutschland unterwegs.

Ganz anders dagegen Elmo. Das achtjährige Connemara-Pony lebt mit seiner Besitzerin Kathrin Zang und ihren beiden Hunden seit vergangenem Herbst in einem umgebauten Lkw und reist durch Spanien und Portugal. Eine Bescheinigung vom Veterinäramt und ein EU-Reisepass ermöglichen die Grenzübertritte.

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Wer wohnt bei wem? Der Pferdelaster wurde zum Wohnmobil

„Ein Pferd mitzunehmen, ist logistisch gesehen schon ein großer Aufwand“, erzählt Besitzerin Kathrin. Elmos Box im hinteren Teil des Lkw nimmt rund ein Drittel der Gesamt äche ein, und den verbleibenden Stauraum nutzt sie größtenteils für Reitausrüstung und Hundefutter. Um auch mit Elmo möglichst lange autark stehen zu können, hat Kathrin einen 600-Liter-Wassertank in ihrem Reisemobil verbaut und lagert Heu für ein bis zwei Monate. Die Reiseroute orientiert sich dennoch häu g an der Möglichkeit, Nachschub zu kaufen. Ebenso wie die Stellplatzsuche, denn „wir brauchen schon ein bisschen mehr Platz“, schmunzelt Kathrin. Damit Elmo nicht immer in seiner Box stehen muss, hat sie eine mobile Weide dabei, bestehend aus mehreren Stangen und einem Elektro- draht. Einfach mal an der Straße oder auf einem Parkplatz stehen ist für Kathrin nicht möglich.

Bevor die Henne nicht ihr tägliches Ei gelegt hat, ist Hektik oder gar abfahren keine Option

Ähnliche Erfahrungen macht auch Lotta mit ihrem Esel Jonny. Anders als Kathrin bei Pferd Elmo muss sie den tragbaren Weidezaun allerdings selten unter Strom setzen, Jonny steht und schläft meistens direkt vor dem Van und besteht seit Neuestem darauf, in Lottas Küche sein Heu zu fressen. Ein Anblick, der auf den Campingplätzen, die die beiden ansteuern, immer wieder für neugierige Blicke sorgt.

Campingplatzbesitzer und Personal glauben beim Einchecken meist nicht, dass sie tatsächlich einen Esel dabeihat. „Die meisten denken, dass ich die Vokabeln verwechsle und eigentlich ,Hund‘ sagen will“, erzählt Lotta lachend. Mittlerweile versucht sie nicht mehr jedes Mal, das Missverständnis klarzustellen, sondern bezahlt für einen Hund und freut sich am allgemeinen Erstaunen, wenn sie später mit Jonny über den Campingplatz läuft. Negative Reaktionen erntet das Gespann selten. Jonny sei ein kontaktfreudiger und sozialer Esel und freunde sich meist schnell mit den Campingplatzangestellten und den anderen Gästen an, berichtet die 27-Jährige.

Im Auto unterwegs:

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Esel Jonny reist neben dem Bett mit, der Umbau erfolgte in Absprache mit dem Veterinäramt. Henne Küki muss sich während der Fahrt in eine große Box unter dem Bett trollen, das wiederum wird tagsüber gern zum Aufenthaltsraum von Hunden und Huhn. Wallach Elmo hat sein eigenes Zimmer: Er reist in einem echten, alten Pferdetransporter

Diesen Effekt beobachtet auch Kathrin mit Elmo immer wieder. Der gepunktete Wallach, der so sehr an Pippi Langstrumpfs „Kleiner Onkel“ erinnert, sei ein echter Eisbrecher. Auf Ausritten lernen die beiden häufig die Nachbarschaft ihres mobilen Zuhauses kennen und landen auch schon mal in einer privaten Schnapsbrennerei – inklusive Verköstigung. Das Miss- trauen und die Ablehnung vonseiten der Bevölkerung, von denen viele Reisende in Portugal derzeit berichten, ist für Kathrin und ihre tierische Truppe kein Thema. „Das Problem habe ich überhaupt nicht“, erzählt sie. Im Gegenteil: Pferde seien in Portugal viel alltäglicher als in Deutschland und Elmo bekomme viel Aufmerksamkeit. Damit er auch Artgenossen zur Gesellschaft hat, steht Kathrin häufig in der Nähe von Bauernhöfen oder Pferdeweiden. Das entgegnet sie auch kritischen Stimmen aus dem Netz, die sie darauf hinweisen, dass die Haltung von Elmo für ein Herdentier nicht artgerecht sei. „In Deutschland stand er viel in einer zwölf Quadratmeter großen Box“, so Kathrin. „Hier ist er den ganzen Tag draußen an der frischen Luft und hat häu g Kontakt zu anderen Pferden.“

Auch Eselbesitzerin Lotta ist sicher, dass Jonny sein Leben on the road gefällt. Schon bevor sie ihn auf Ebay Kleinanzeigen entdeckt und zu ihrem Reisegefährten gemacht hat, sei er ein Einzelgänger gewesen, die Herde zu Hause vermisst er laut Lotta nicht. Außerdem kann er sich in Südeuropa voll und ganz seinem zweiten Lieblingshobby neben Heufressen hingeben: sich im Sand wälzen. Denn Esel lieben trockenen und sandigen Untergrund. Und davon gibt es Portugal, mit seinen langen Sandstränden, mehr als genug.

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Mit dem Esel über die Alpen Die Tour auf die Iberische Halbinsel ist nicht das erste Abenteuer von Lotta und Jonny. Von der Alpenwanderung kann man in „Wandern, Glück und lange Ohren“ lesen