Offroad Zirkus: Mit Go Happy um die Welt

Zwei Freunde, 20 Monate, ein Pinzgauer: Jan Stoll und David Finscher reisten um die Welt und machten dabei Zirkus

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Artisten-Frühsport: Den Handstand auf dem Dach nimmt der Pinzgauer gelassen. Dass er der eigentliche Star ist, weiß ohnehin jeder

Zirkus ist die Entführung in eine andere Welt.” Derjenige, der das sagt, hat den Zirkus selbst entführt: Von Deutschland über den Balkan, die Türkei, Iran, Indien, Georgien und viele Länder mehr. 20 Monate waren David Finscher und Jan Stoll gemeinsam unterwegs. In ihrem selbst ausgebauten Pinzgauer haben sie 32.000 Kilometer zurückgelegt – und sind tief in die jeweiligen Kulturen eingetaucht.

Dabei stand zunächst gar nicht das Zirkusmachen im Vordergrund. Mit ­einem Offroad-Camper durch die Welt zu reisen, diese Idee spukte dem Stuttgarter Sport- und Gymnastiklehrer Jan Stoll schon zu Schulzeiten im Kopf herum. Er sparte Geld, machte Pläne und ein Zufall brachte ihn dann zum Pinzgauer: „Ich war ziemlich grün hinter den Ohren, was Fahrzeuge angeht”, sagt Stoll. Eigentlich war er auf eine G-Klasse aus. Sein Vater aber brachte ihn mit einem Kollegen zusammen, der Pinzgauer fuhr – und der wiederum vermittelte kurze Zeit später den Kauf. Baujahr 1974, Zweiachser, 2,5-Liter-Benziner, 90 PS. Von der Schweizer Armee ausgemustert. „Die einfachste Art Pinzgauer, die es gibt.” Genau so etwas suchte Stoll, denn ihm war vor allem wichtig, dass das Fahrzeug möglichst alt und damit auch noch selbst zu reparieren ist. 5.000 Euro kostete das Gefährt, hinzu kamen noch einmal knapp 3.000 Euro, um durch den TÜV zu kommen.

 

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Als er seinen Schulfreund David Finscher fragte, ob er nicht Lust hätte mitzukommen, war der sofort dabei. Beide engagierten sich im Verein KuKuk Kultur e. V., der es sich zum Ziel gesetzt hat, die Zirkuskultur in die ganze Welt zu tragen. Dass sie nicht einfach nur reisen wollten, sondern dabei auch etwas Sinnvolles tun, lag damit auf der Hand.  „Wir haben ziemlich viel Glück gehabt. Nur zwei Monate vor der geplanten Abfahrt hatte der Pinzgauer TÜV, erst danach machten sich die beiden mit Freunden an den Ausbau – im heimischen Garten. Dort entstand eine Aluminiumkabine mit Holz­ausbau innen, alles selbst gefertigt. „Die letzten Wochen vor der Abfahrt waren schon eine sehr intensive Zeit.” Ganz fertig war der Pinzgauer dann immer noch nicht. Als sie aufbrachen, erst mal in Richtung Kroatien und Bosnien und Herzegowina, begleiteten sie einige Freunde mit ihren Autos und Bullis und halfen beim Fertigbauen der Kabine. Als die Freunde ihren Sommer­urlaub beendet hatten und nach Deutschland zurückkehrten, nahmen sie Werkzeug und überschüssige Teile praktischerweise mit zurück. Jan Stoll und David Finscher waren nun allein – für sie begann jetzt der Aufbruch ins Abenteuer.

 

Von Dorf zu Dorf

Für die ersten Stationen, vor allem auf dem Balkan, gab es Kontakte über ihren Verein. Sie fragten einfach an, ob es Interesse gebe für Zirkusvorstellungen – und fragten sich über die Familien vor Ort von Dorf zu Dorf, von Station zu Station weiter durch. Jan Stoll übernahm die Akrobatik, David Finscher, der als freischaffender Künstler arbeitet, das Jonglieren, die Pantomime und den Clown. Vor Ort gaben sie ihre Vorstellungen und boten auch Workshops für die Kinder an, mit abschließender Aufführung. Ein festes Programm hatten sie zu Anfang nicht, das entwickelten sie erst im Lauf der Reise. Mal schauten fünf Kinder zu, mal 100. „Es lief jedes Mal komplett anders, erzählt Stoll. In Albanien etwa kamen sie bei einem Mönch im Kloster unter und spielten durch seine Vermittlung in Kindergärten und auch Wohnheimen für behinderte Erwachsene – Mitmachen inklusive.

 

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Der Pinz wechselte auf der Tour häufiger seine Farbe, geschlafen wurde aber immer im Dachzelt. Und obwohl der kleine 4×4 im Gelände kaum an Grenzen kommt, muss er unterwegs vor einer Asphaltstraße kapitulieren

 

Auf Empfehlung ging es dann weiter in den nächsten Ort, überall dahin, wo es Interesse an den beiden Deutschen und ihren Zirkusvorstellungen gab. Aber auch Instagram wurde im Laufe der Reise ein zunehmend wichtiger Faktor: Manchmal fragten sie einfach dort, ob jemand jemanden kennt, der Interesse an Zirkus­shows und Workshops hätte. Im Iran etwa gerieten sie an einen Hostelbesitzer, der selbst auch Puppenspieler war. „Und da Hostelbesitzer untereinander meist ziemlich gut vernetzt sind, lief das dann darüber.” Auch hier schlossen sie überall schnell Kontakte zu Einheimischen, die sie zu sich nach Hause ein­luden, sie mit auf Feste nahmen oder auf Ausflügen die Schönheiten des Landes zeigten.

Oft erregten sie allein schon durch den Pinzgauer erste Aufmerksamkeit, sobald sie in ein neues Dorf ­kamen. „Das ominöse Fahrzeug, das viele nicht einordnen konnten, hat uns natürlich geholfen”, erzählt Stoll. Sie machten sich das meist freundliche Interesse der Leute zunutze und hängten einfach einen Zettel in den Pinzgauer, auf dem sie ihr Projekt beschrieben. „Sobald wir in ein neues Land kamen, haben wir uns erst mal jemanden gesucht, der uns den Zettel in die jeweilige Sprache übersetzen konnte.

Andere Reisende trafen sie zwar auch mal, an den typischen Hotspots und mit ganz unterschiedlichen Fahrzeugen: „Vom Passat über irgendeine Gammel­karre bis zum Lkw war da alles dabei, erinnert sich Jan Stoll. Meistens jedoch waren sie nicht auf den üblichen Routen und an beliebten Spots unterwegs.

 

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Der Türöffner

Im Iran begannen die beiden, auch Wüsten oder Geröllfelder zu durchfahren. Und auch in Armenien und Georgien suchten sie sich Wege abseits der Straßen. „Da haben wir zum ersten Mal gecheckt: Offroad ist ja gar nicht so übel. Ein Fahrtraining hatten die beiden vor der Reise nicht gemacht, zur Vorbereitung besuchten sie die Offroad-Messe in Bad Kissingen, lasen Fachzeitschriften und schauten Youtube-­Videos. „Wir haben es nie richtig getestet. Wir sind einfach losgefahren und haben unterwegs ausprobiert, was geht. Wenn die Schräglage zu heftig war, sind wir woanders langgefahren – wir hatten ja auch keine Winde, sagt Jan Stoll. Hinzu kam: „Wenn man das eigene Haus mit sich herumfährt, ist man vorsichtiger. Zwischendurch haben sie es trotzdem „richtig krachen lassen – aber gegen Ende waren wir wieder vorsichtig, damit die Karre auch heil nach Hause kommt, sagt David Finscher und lacht.

 

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Mal zum Mitmachen, mal zum Zuschauen: Wie oberflächlich oder intensiv der Kontakt mit den Gastgebern ausfiel, war von Ort zu Ort verschieden. Oft fragte sich das Duo durch und kam so von einem Gastspiel zum nächsten

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Geschlafen haben sie meist im Dachzelt, oft aber auch bei Menschen in den jeweiligen Dörfern oder Städten. „Der Zirkus hat uns einfach überall die Türen geöffnet, wir waren oft bei den Leuten zu Hause eingeladen und haben so das echte Leben vor Ort kennen­gelernt. Die Gastfreundschaft, die sie erfuhren, war enorm: Nur auf Empfehlung etwa überließ ihnen eine ihnen völlig unbekannte Familie ihre gerade ungenutzte Wohnung in Istanbul. Hier blieben sie eine Woche und konnten richtig auftanken: Endlich mal wieder für sich sein, nach Wochen auf Standby, immer im Wohnzimmer irgendwelcher Menschen, die so freundlich waren, sie aufzunehmen – auch das kann bei aller Gastfreundschaft auf die Dauer anstrengend sein. In Istanbul konnten sie deshalb „einmal komplett runterfahren und abschalten, wie Jan Stoll sagt.

 

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Zum Lachen und zum Weinen: Bei ihren Vorführungen schauten Stoll und Finscher meist in freudige Gesichter, ein Unfall in der Türkei hätte hingegen die Reise auf einen Schlag beenden können. Hier zauberten dann Mechaniker den beiden ein Lächeln ins Gesicht

 

20 Monate auf engstem Raum, jeden Tag zusammen, das kann eine Freundschaft auch strapazieren – eigentlich. „Wir waren in all der Zeit nur eine Nacht getrennt, weil wir in unterschiedlichen Haushalten übernachten durften. Da haben wir uns abends richtig verabschiedet und morgens wieder begrüßt, als hätten wir uns ewig nicht gesehen”, erzählt David Finscher und lacht. Ihre Freundschaft hat die Reise gut überstanden: „Es stand immer das Projekt im Vordergrund, für uns beide. Persönliche Befindlichkeiten mussten dahinter zurückstehen, das war immer klar.” Die beiden sind ein echtes Team, nicht nur im Zirkus, sondern auch, wenn Finscher etwa in Istanbul seinem Kumpel die Haare schneidet oder ihn im Iran zum Zahnarzt bringt.

 

Ein Pinzgauer mit Eigenleben

Und auch, als der geparkte Pinzgauer sich eines Abends selbstständig machte und in der Türkei einen Hang hinunterrauschte, um schließlich frontal in einer Kuhle einzuschlagen und auf die Seite zu kippen – nicht einmal das brachte die beiden aus der Ruhe. Die nach Stunden vorbeischauende Polizei empfahl zwar, nicht in der unsicheren, einsamen Gegend zu bleiben, aber die beiden wollten ihr gesamtes Hab und Gut, das sich im Pinzgauer befand, nicht zurücklassen – und blieben über Nacht dort.

Am nächsten Tag kontaktierten sie über einheimische Schäfer in der Gegend einen Bauern, der tatsächlich mit seinem Traktor anrückte. Gemeinsam schafften sie das Unmögliche: Der Motor lief noch und so konnte der Pinzgauer den Traktor beim Herauswühlen unterstützen. Fast alles andere jedoch war kaputt: „Die Türen gingen nicht mehr zu, die Frontscheibe war eingeschlagen, der Dachgepäckträger war verbogen und kaputt. Nur unser selbst gezimmerter Aufbau war heil geblieben, erinnert sich Jan Stoll. Sie schafften es in eine Werkstatt in einem nahe gelegenen ­Industriegebiet. Dort ließen sie den Rahmen richten, neue Scheiben einbauen und den Pinzgauer neu lackieren. Den Dachgepäckträger durften sie selbst reparieren. Und dann ging es wieder weiter.

 

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Bei den Menschen zu Hause

Angst, etwa vor Kriminalität oder auch Terrorismus, hatten die beiden in der ganzen Zeit nie: „Es gab zwei Einbrüche, da haben sie uns mal die Scheiben eingeschlagen und die Kamera und unsere Solarlichter geklaut. Aber das kann einem hier ja genauso passieren, sagt Jan Stoll. Ansonsten komme es eben darauf an, Situationen realistisch einschätzen zu können.

„Mit unserer Art zu reisen kann man sehr schnell Freundschaften schließen”

Ihre Ziele suchten sie danach aus, wo es Interesse am Zirkusprojekt gab. Ihre Aufführungen und Workshops waren für alle Teilnehmer kostenlos, finanziert haben Stoll und Finscher die Reise über Spenden und Sponsoren sowie durch Crowdfunding. Unterwegs berichteten sie auf Youtube und auf ihrem Blog über das, was sie erlebt haben. Kulturelle Unterschiede merkten sie auch an den stärkeren Reaktionen, je weiter sie von Deutschland entfernt waren: „Im Iran haben die Kinder mitunter schon gelacht, obwohl wir noch gar nicht viel gemacht hatten, sagt Finscher. Für jene, die nur selten – oder im Fall der Kinder vielleicht noch nie – einen Europäer gesehen haben, „war die Attraktion allein schon, dass wir überhaupt da waren.

Ihr Programm passten Stoll und Finscher immer der jeweiligen Altersklasse und auch der Gruppengröße an. Manchmal waren sie nur einen Tag an ­einem Ort, manchmal blieben sie eine Woche. „Beim Zirkus ist es so, dass man sehr schnell Fortschritte sieht, erzählt Stoll. „Das macht den Kiddies viel Spaß und motiviert sie auch.

 

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„Da haben wir zum ersten Mal gecheckt: Offroad ist ja gar nicht so übel”

 

In Georgien etwa wurden so aus einer geplanten Woche gleich drei: Sie gaben einen Workshop zum Zirkus-Grund­training an einer Waldorfschule in Tiflis und traten mit den Kindern beim Weihnachtsbasar der Schule auf. Die Lehrer ­baten sie daraufhin, noch zu bleiben und auch mit anderen Jahrgangsstufen Zirkus zu machen. Eine Lehrerin nahm sie bei sich im Plattenbau auf, abends gaben sie Zusatz­kurse für die Oberstufenschüler. Und die wiederum bedankten sich mit abendlichen Stadtführungen durch Tiflis und ließen sie an ihrer Jugendkultur teilhaben.

„Bei unserer Art zu reisen, sagt Finscher, „kann man besonders schnell und innig Freundschaften schließen: Durch den Zirkus hat man gemeinsam etwas vor und man lernt sich richtig gut kennen.Deshalb lautet auch ihr Mastertipp für all diejenigen, die ebenfalls eine solche Reise unternehmen wollen: „Man sollte überlegen, ob man irgendwas hat, das man den Leuten zurückgeben kann: Musik machen, malen oder eben Zirkus, ganz egal. Dann ist man nicht nur Tourist, sondern wirklich bei den Menschen zu Hause.  

 

Go Happy ist ein soziales Projekt, unterstützt von KuKuk Kultur e. V., mit dem Jan Stoll und David Finscher Zirkuskultur in die Welt tragen wollen. Ihr Ziel ist es, durch die Zirkuspädagogik Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen auf der ganzen Welt eine Freude zu bereiten und sie glücklich zu machen. Mit Workshops und Auftritten begeistern sie die Menschen vor Ort mit ihrer Zirkuskunst und geben ihnen etwas auf ihren weiteren Lebensweg mit.

In seinem Pinzgauer fährt das Duo über Europa und den Nahen Osten bis nach Asien und wieder zurück.

gohappy-circus.com