Mit der Ente durch Afrika: Portrait von Uwe Schmitz und seinem roten Citroen 2CV

Wüste statt Teich – die Afrika-Ente von Uwe Schmitz erlebte mehr als viele Geländewagen. Einblick in das abenteuerliche Leben eines 2CV

Uwe Schmitz und seine rote Ente in Afrika
Reif fürs Museum? Der rote Citroën fühlt sich auf dem Gelände des Hafenmuseums in Hamburg sichtlich wohl

Namibia. Eine Ente steht am Hafen von Walvis Bay, eine leichte Brise weht ihr um das rote Blechkleid. Es war schön, wieder hier gewesen zu sein! Vier Jahre habe ich nun in meiner zweiten Heimat, Afrika, verbracht. Zuvor lebte sie zurückgezogen und mit ein paar Gebrechen in einer Scheune in Deutschland. Dort hat ihr Besitzer sie gepflegt und sich darum gekümmert, dass sie eines Tages wieder in den Süden ziehen kann. Dass er das schaffen wird, daran habe ich nie gezweifelt. So haben wir es doch die letzten drei Jahrzehnte auch schon gemacht! Alle paar Jahre geht es nach einem großen Abenteuer heim. Entenpfleger Uwe Schmitz muss dann wieder arbeiten, in der Zeit kann sich der 2CV für die nächste Tour erholen.

 

Uwe Schmitz und seine rote Ente in Afrika

 

Aufbruch in die Ferne

Ich kann mich noch genau daran erinnern, als Uwe mich 1987 bei sich aufgenommen hat. Damals war ich noch jung und voller Energie. Dass wir nur ein Jahr später nach Afrika aufbrechen würden, davon habe ich zu dem Zeitpunkt noch nichts geahnt. Doch meine Vorfreude war groß, schließlich hatte er mir schon viel von diesem aufregenden Kontinent erzählt: „Während der Bundeswehrzeit hat mich jeden Morgen ein Kollege mit dem Auto abgeholt. Ich fand das total witzig, wie wir mit seiner Ente zur Kaserne gefahren sind und hab mir gedacht: So ein Auto möchte ich auch haben. Nach einem zweiwöchigen Urlaub mit einem Mietwagen habe ich mir 1981 während des Studiums mit dem ersten Geld eine ziemlich alte Ente gekauft. Ein Semester lang bin ich dann mit diesem rostigen Auto und zwei Freunden mit Motorrädern nach Israel und Ägypten gefahren.” Das war der Einstieg in eine Enten-Reise- Leidenschaft, die bis heute angehalten hat. In Afrika angekommen, fragten sich die drei Freunde, wie es südlich von Ägypten wohl weitergehen könne. Für das Trio war mit Ägypten der für normale Europäer erreichbare Bereich zu Ende. Und obwohl noch während der Reise der Rahmen des alten Citroën bricht, ist für Uwe Schmitz klar, dass er sich mit der ersten Anstellung einen Neuwagen kaufen würde. Eine, nein: DIE rote Ente.

 

Uwe Schmitz und seine rote Ente in Afrika
Ankunft in Hamburg. Zum ersten Mal nach vier Jahren erreicht die Afrika-Ente im Juni 2020 wieder ihre Heimat. Die letzten drei Monate verbrachte sie mit einem anderen Reisemobil im Container.

 

Unsere erste gemeinsame Tour ging nach Tunesien. Aber auf das, was danach kam, war ich nicht vorbereitet: Auf einmal wollte Uwe ganz Afrika durchqueren! Von Tunesien in die Sahara, nach Westafrika, Kongo und noch weiter – das war ganz schön anstrengend. In den Kongo möchten wir beide nicht mehr reisen. Da sind wir uns einig, auch wenn es wohl die Erfahrung unseres Lebens war. Mir waren die Strecken zu anspruchsvoll und Uwe litt sehr unter der knappen Versorgung, anstrengenden Menschen und unerträglicher Hitze – selbst in der Nacht. Beide brauchten danach eine Pause. Und der Citroën 2CV einen neuen Rahmen. 1981 kaufte ich im Studium meine erste Ente. Seitdem bin ich Entenfahrer.

In den Folgejahren durchquerte das Team Afrika über die Ostroute. Mehrmals zog es sie in die Sahara und den Nahen Osten. Doch 2010 war mit den großen Abenteuern erst mal Schluss. Das Berufsleben erlaubte Schmitz nur noch Kurzurlaube und die Ente wartete in der Halle auf eine unbestimmte Zukunft.

 

Uwe Schmitz und seine rote Ente in Afrika
Den Kabelbaum hat Uwe Schmitz komplett selbst gebaut und ist bei Problemen fortan auf sich allein gestellt. Elektriker würden einen Originalkabelbaum bevorzugen.

Aufbruch ins Ungewisse

Sechs Jahre später, der rote Wagen ist inzwischen 29 Jahre alt: Der Sommer neigte sich dem Ende zu und allmählich wurde es frischer in der Halle bei Frankfurt. Da öffnete sich die Scheunentür und Uwe stand dort mit einem hellen Bezug in der Hand. Ich wusste sofort, was das bedeutet, schließlich habe ich so ein Stück Stoff schon häufiger gesehen. Ein neues Verdeck, eine neue Reise – endlich zieht es auch Uwe wieder in den Süden! Die nächsten vier Jahre lebte die rote Ente hauptsächlich in der Nähe von Windhoek. Einmal im Jahr holten Uwe Schmitz und seine Frau Angelika sie aus der Scheune, um mit ihr für ein bis drei Monate zu einem Abenteuer östlich und südlich von Namibia aufzubrechen. Wohin sie reisten, das hing vom Wetter und der Jahreszeit ab. Abenteuerlich ist so eine Tour in jedem Fall. Aber dieser 2CV würde nicht Afrika-Ente heißen, wenn er für die anspruchsvollen Strecken nicht gewappnet wäre. Nach einigen Jahren in Deutschland musste ich mich erst einmal wieder daran gewöhnen, dass es in Afrika nur wenige Asphalt-Strecken gibt, denn viele Verbindungen zwischen den kleineren Orten sind bloß Staubpisten. Oft waren die Pfade ganz schön schmal und immer wieder gab es ausgewaschene Furten! Aber so etwas kann mich nicht mehr erschrecken.

 

previous arrow
next arrow
Full screenExit full screen
previous arrownext arrow
Slider

 

Pfiffig wie das Gespann ist, fährt es mit einem Reifen in der Spur und mit der anderen Seite auf deren Rand. Offroad fahren ist also kein Problem – schließlich ist Uwe Schmitz inzwischen erfahren und seine Ente damit aufgewachsen. An ihrem Unterboden ist nichts, woran sie hängenbleiben könnte. Der Auspuff liegt seitlich neben dem Rahmen, unter dem großen 80-Liter- Tank ist eine Schutzplatte angebracht. Das erlaubt ihr, an heiklen Stellen mit Schwung durchzuschlüpfen, wo andere in die Reduktion schalten würden. Bei Sanddurchfahrten sinkt die mutige Abenteurerin nur fünf bis zehn Zentimeter ein, dann ist sie auch schon am Ende ihrer Kräfte. Der Motor ist zu schlapp, als dass sie sich tiefer eingraben könnte. Aber ich habe ja zwei fleißige Helfer an Bord, die mich geschwind wieder ausgraben können – und zur Not sind auf meinem Dach zwei Sandbleche griffbereit. Falls es matschig werden sollte, hat die betagte Dame von der Reise durch den Kongo noch einen kleinen Handseilzug dabei. Aber Matsch, Schlamm und Nässe mag sie gar nicht – genauso wenig wie ihre Besitzer. Deshalb zieht es das Trio dorthin, wo es warm und sonnig ist.

 

Mitten im Abenteuer

Technische Probleme gibt es mit dem französischen Kleinwagen nur selten, da Uwe Schmitz alles vor jeder Tour sehr sorgfältig überprüft. Was dagegen häufig vorkommt, sind platte Füße. Da es keine passenden Geländereifen gibt, musste die Ente auf Winterreifen mit einem groben Profil von Vrede­stein zurückgreifen, doch sind Winterreifen bekanntlich nicht für Touren im 40 Grad heißen Afrika geeignet. Also rubbelten die Reifen ihr Profil schnell auf null Millimeter ab und nahmen dafür jeden Akaziendorn mit, den sie zu fassen bekamen. Wir haben uns in Afrika gefragt: Wie geht es nach Ägypten weiter?

Dass sich Schmitz mit dem Citroën 2CV inzwischen genauestens auskennt, ist ein Grund, warum seine Frau und er so gern mit diesem Fahrzeug reisen. Der andere Grund: Ente fahren ist billig. Die Ersatzteile sind preiswert und verfügbar, der Unterhalt ist erschwinglich und im Vergleich zu anderen Offroadern ist sie nicht sonderlich durstig. Doch es sind nicht nur die Kosten, sondern auch die Begeisterung für den 2CV, deshalb besitzt Familie Schmitz auch gleich drei. „Ich bin bis heute fasziniert, in einer Ente zu sitzen und morgens ganz beschwingt zur Arbeit zu fahren. Hätte ich darin Platz für einen Kühlschrank oder ein festes Bett, würde ich auch  weiterhin damit reisen. Aber das Optimum ist mit der Afrika-Ente erreicht.”

 

Uwe Schmitz und seine rote Ente in Afrika
Offroad fahren ist mit der Afrika-Ente kein Problem. Uwe Schmitz muss mit ihr nur etwas vorsichtiger unterwegs sein als andere mit ihrem Geländewagen. Fährt sie sich einmal fest, ist die leichte Ente dafür im Handumdrehen wieder freigebuddelt.

 

Mit den Jahren wuchs die Fotoausrüstung, dafür fehlte es an Platz für eine Kühlbox. Möchten die Afrika-­Fans also ein erfrischendes Getränk, stecken sie zwei Dosen in ein feuchtes Frotteesäckchen und hängen es in den Fahrtwind an den Außenspiegel – bei 30 Grad ­Außentemperatur bringt das immerhin bis zu 15 Grad Abkühlung. Während die Abenteurer anfangs noch draußen auf Alukisten saßen, verlangte der Rücken ­irgendwann nach Klappstühlen und einem Tisch. Diese Alukisten dienen – beklebt mit einer dünnen Isomatte – gleichzeitig als Bett. Gemeinsam mit den umgeklappten Fahrersitzen entsteht eine 2 x 1,40 Meter große Liege­fläche im Fahrzeuginneren. Wenn für mehrere Tage das Camp an einem Ort aufgeschlagen wird oder die Umgebung sicher scheint, wird stattdessen ein Zelt aufgebaut Das bietet mehr Komfort und auch die Staukisten sind deutlich besser erreichbar.

 

Ankunft in der Unendlichkeit

Obwohl ich nicht mehr die Jüngste bin, lege ich großen Wert auf meine Pflege. Nur mein rotes Blechkleid, das gebe ich nicht her! Achsen und Federung spendete eine größere „Kastenente”, das schafft, zusammen mit ­einem neuen Rahmen, eine höhere Zuladung. „Citroën wagte einen einzigen Versuch mit einem Vierzylinder, den nannten sie Ami Super. An sich war er nicht besonders gut, aber dessen Rahmen hat eine Tragfähigkeit von 1.300 Kilo”, erklärt Uwe Schmitz, das sind immerhin 400 Kilogramm mehr als im Original.

Auch die Bodenfreiheit macht keine Probleme, denn die lässt sich über die verstellbare Zugstrebe der Federung variabel einstellen. ­Einen kräftigeren Motor erbte der kleine Wagen von einem Citroën Visa. Zwar ist die Leistung kaum gestiegen, dafür macht sich das deutlich höhere Drehmoment bei Vollbeladung positiv bemerkbar. Normalerweise muss ein 2CV mit einem simplen 4-Gang-Getriebe auskommen – nicht aber die Afrika-Ente. Vor zwanzig Jahren entwickelte ein Schweizer Tüftler ein 5-Gang-Getriebe. Das ist variabel, sodass man entweder mit einem verlängerten fünften Gang nach oben mehr Bandbreite hat. Oder man macht es wie bei der Afrika-Ente und nutzt den verkürzten ersten Gang für Geländefahrten, wenn man beispielsweise in den Bergen Afrikas über grobe Steine klettern möchte.

 

previous arrow
next arrow
Full screenExit full screen
previous arrownext arrow
Slider

 

Bei all diesen Optimierungen erwartet man, dass Uwe Schmitz ein Profi im Kfz-Bereich ist. Doch dem ist nicht so. „All das habe ich nach und nach während der Reisen gelernt. Es war ja immer das gleiche Auto. Bei der ersten Tour wusste ich nicht einmal, wie das hintere Rad aus dem Kotflügel kommt. Als ich in Ägypten meine erste Panne hatte, musste ich das Auto so hoch aufbocken, bis das Rad endlich frei in der Luft hing.” Er lernte viel. Uwe stand mir bei, als ich nach der Trans­afrika-Tour auf dem OP-Tisch lag und einen neuen Rahmen bekam. Mit anderen Mitgliedern vom Entenclub-­Stammtisch zerlegte er schrottreife Fahrzeuge und legte wichtige Ersatzteile beiseite.

Manche Firmen fertigen für den kleinen Kultkreis von Entenfahrern sogar Ersatzteile, teilweise haben diese eine bessere Qualität als damals, als Citroën sie noch selbst herstellte. Früher lag die Lebenserwartung eines 2CV bei acht Jahren, schätzt Uwe Schmitz. „Wenn ein Auto älter wird und man alle Teile nacheinander austauscht, fragt man sich irgendwann: Lohnt sich das noch? Wenn man bei einer Ente über diesen Punkt hinweg ist, muss man sich keine Gedanken mehr machen, dass es irgend­wann zu Ende geht. Wenn der Motor kaputtgeht, besorge ich einen General­überholten und dann geht es weiter. Die Afrika-Ente ist ein unendliches Auto für mich geworden.”

 

Ankunft in der Heimat

Hamburg. Die Containertür öffnet sich. Zum Vorschein kommt eine kleine rote Ente. Ihr Lack hat unter der glühenden Afrika-Sonne bereits an Farbe verloren, eine dünne Staubschicht liegt auf Haube, Dach und Radläufen. Überhaupt scheint sie ihre Glanzzeiten schon länger hinter sich gelassen zu haben. Kein Wunder – inzwischen ist sie 33 Jahre alt, nach 366.000 Kilometern ist sie müde, ein Radlager ist kaputt, die Bremse träge. Wenn der Motor kaputtgeht, besorge ich einen neuen. Es ist ein unendliches Auto geworden. Und doch ist Uwe Schmitz erleichtert. Drei Monate zuvor hatte er sie am Hafen von Walvis Bay zurück­gelassen, nun hat das Frachtschiff sie mit Umwegen sicher in den Hamburger Hafen gebracht. Es ist an der Zeit, die alte Dame nach Hause zu bringen. Was diese Ente bereits erlebt hat, davon können ihre beiden Artgenossen in der Scheune zu Hause nur träumen. Mit einem zufriedenen Knattern verschwinden die Wüsten­vögel in der Ferne, die Fahrertür zieren arabische Lettern:„afriqia, sa‘arak maratan ukhraa“.