Interrail 2.0 – Roadtrip durch Europa

Karin Pfeifer und Daniel Hodulik reisten ein Jahr lang durch ­Europa. In ihrem jungen Alter verwirklichten sie sich einen Wunsch, von dem andere Jahrzehnte länger träumen. Ihre Devise: einfach losfahren!

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Auf ihrer Reise lernten Karin Pfeifer und Daniel Hodulik die facettenreichen Landschaften Europas kennen, erlebten auf dem einjährigen Trip Polarlichter in Skandinavien und die Mittelmeer-Region im Sommer

Mit dem besten Freund aus Grundschultagen im Erwachsenenalter gemeinsam auf Reisen gehen – das klingt nach einem Stück heile Welt. Rosamunde Pilcher hätte es nicht besser aufschreiben können. Karin Pfeifer und Daniel Hodulik kennen sich, seit sie zehn Jahre alt sind und entdeckten früh das gemeinsame Reisen für sich: angefangen bei einer viertägigen Fahrradtour, dann mit dem Interrail-Ticket durch Italien und im Auto aus ihrer gemeinsamen Heimat Wien bis nach Norwegen. Damals luden sie noch ein normales Zelt und zwei weitere Freunde in einen kleinen Pkw und fuhren zu viert gen Norden. Zeitlimit: vier Wochen. An vielen Orten wären sie gern länger geblieben, doch die Zeit drängte. So wuchs der Wunsch, ganz ohne Begrenzung reisen zu können. Also wurde kurzerhand das anstehende Studium vertagt, das Traumauto gekauft und das Jahr nach dem Abitur eisern Geld verdient und gespart. Ihr Ziel: Alle Länder Europas im Uhrzeigersinn zu erkunden, den Sommer im Norden und den Winter im Süden zu verbringen – nur dieses Mal nicht mehr nur als beste Freunde, sondern als Paar.

„Wir sehen viele Länder zum ersten mal, alles ist neu“

Heute sind Karin Pfeifer und Daniel Hodulik gerade einmal 21 und 22 Jahre jung – und kennen sich schon ihr halbes Leben. Eine lange Zeit, und von Vorteil, wenn die Beziehung auf den nur vier Quadratmetern Wohnraum eines Land Rover Defenders mit Dachzelt beginnt. Während andere junge Erwachsene in diesem Alter noch durch ihre Findungsphase taumeln, scheinen diese beiden genau zu wissen, was sie wollen. Sie haben sehr klare Vorstellungen für die Zukunft – egal, ob in Bezug auf anstehende Reiseziele oder das derzeit aufgeschobene Studium – und leben dennoch im Hier und Jetzt.

 

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Im Landy durch Europa Karin Pfeifer und Daniel Hodulik reisen mit einem Land Rover Defender 110, Baujahr 2003. Der Wagen ist weitgehend im Serienzustand, nur ein Dachträger, ein Dachzelt samt Heizung und ein Wassertank wurden montiert, der Innenausbau besteht aus Kisten.

 

Hört man nur zu, ist es kaum zu glauben, dass die beiden Nachwuchs-Globetrotter so jung sind. Stehen manch Gleichaltrige fremden Menschen noch schüchtern, fast verklemmt, gegenüber, ist den Österreichern dieser Kontakt sehr wichtig und sie haben anscheinend keine Scheu, offen auf alles Unbekannte zuzugehen. Statt an einem Ort einfach möglichst unbemerkt zu übernachten, fragen sie lieber Anwohner und Bauern, ob es so in Ordnung ist. Dabei lernte gerade die empathische Karin Pfeifer schnell, dass man selbst in einem Land, dessen Sprache man nicht mächtig ist, auch mit Händen und Füßen gut erklären kann, was man möchte. Dadurch entwickelte sich auch das Gefühl, zu erkennen, wie die Leute zu ihnen stehen. Die Zuversicht und Entspanntheit, dass sie positiv reagieren, sobald man freundlich auf sie zugeht.

Der Respekt, mit dem sie anderen begegnen, findet sich auch im Umgang untereinander wieder. Im Gespräch achten sie sehr darauf, den anderen ausreden zu lassen und geben sich beim Reisen den nötigen Freiraum. Auf Kreta trennten sie sich für drei Tage räumlich, auch, weil Pfeifer die Erfahrung machen wollte, wie es wäre, ganz allein zu reisen – „man wird viel häufiger angesprochen!“

Es ist nicht zu übersehen, das junge Paar brennt darauf, die Welt mit eigenen Augen zu entdecken, die Europa-Rundreise war nur eine erste Generalprobe. Hier konnten sie innerhalb weniger Tage nach Hause zu ihren Familien fahren, das gab eine gewisse Sicherheit. Allerdings nahmen die Österreicher keine Stelle in Europa als besorgniserregend wahr oder fühlten sich irgendwo unwohl. „Angst ist immer relativ“, ist Daniel Hodulik überzeugt. „Das Dachzelt ist eine sehr verletzliche Art zu reisen. Es ist ja nicht so, dass wir an einem Ort unsere Festung aufstellen. Beim Zelt und dadurch, dass die Scheiben des Defenders nicht verdunkelt sind, kann ein Einheimischer aber auch gleich erkennen, dass dort nichts Gefährliches wartet“, ergänzt Hodulik. Tatsächlich wurden sie nur einmal von ihrem Platz verwiesen – in dem Fall müsse man kooperativ sein und sich vor Augen führen, dass man der Gast ist. Angst hätten sie aber bislang zu keiner Zeit gehabt.

 

Offenheit & Zuversicht

Hinzu kommt, dass sich beide mit einem eigenen Videokanal auch aktiv in der Öffentlichkeit zeigen, jedermann also Route und ungefähren Standort recht einfach herausfinden könnte. YouTube-Kanäle zählen mittlerweile zu den gängigen Medien, um Freunde und Familie auf dem Laufenden zu halten, doch auch immer mehr fremde Zuschauer interessieren sich mit Verlauf der Rundtour für ihre Erlebnisse. „Viele schreiben uns, dass sie es gut finden, was wir machen, oder dass sie selbst viel gereist sind. Wir sind auch noch recht jung, wahrscheinlich jünger als die meisten, die eine solche Reise machen. Deswegen haben wir anscheinend einen Bonus – die Leute sehen, dass wir uns über Kleinigkeiten freuen, über die andere vielleicht hinwegsehen würden und nehmen mit daran teil. Wir sehen viele Länder zum ersten Mal, für uns ist alles neu und aufregend.“

 

Defender around europe
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Dass sie Vieles zum ersten Mal erleben, war vielleicht auch der Grund dafür, dass ihr Plan nicht ganz aufging, den Sommer im Norden und den Winter im Süden Europas zu verbringen. Im September war es in Finnland bereits so kalt, dass das junge Paar direkt hinunter in die Türkei fuhr, schließlich gab es zunächst noch keine Heizung im Dachzelt. So wurde ein Großteil der östlichen Staaten Europas nur transit durchquert, statt sie zu erkunden – auf der kommenden Tour wird hier mehr Zeit eingeplant.

 

Vernünftig & Unerfahren

„Einfach losfahren“, das war die Devise im Frühling 2017 – nicht drei Jahre warten, bis der Ausbau des Fahrzeuges in jedem Detail perfekt ist. Deshalb hielten die beiden den Innenraum des 110ers so simpel wie möglich: Statt ein Aufstelldach zu montieren, blieb es beim Dachzelt, der Innenausbau besteht nur aus Euroboxen. Auf eine Kühlbox verzichten sie sogar komplett – erst aus Budget-Gründen, mittlerweile aus Überzeugung. „Natürlich ist es ein schöner Komfort, doch aktuell stimmt für uns das Verhältnis noch nicht, wie viel Platz eine Kühlbox einnehmen und wie viel Strom sie verbrauchen würde im Vergleich dazu, wie viel Nutzen sie uns bringt“, erklärt Hodulik.

Ursprünglich war ein Kastenwagen im Gespräch, doch die Idee des gerade in dieser Generation wieder angesagten typischen #vanlife-Fahrzeuges verflog schnell – Karin Pfeifer hatte sich zu sehr  in den Gedanken verliebt, im Defender mit Dachzelt zu reisen – einen Geländewagen würde man wahrscheinlich wohl nie aus rationalen Gründen kaufen. Aber braucht man überhaupt Allradantrieb in Europa? „Nein“, sind sie sich nach der Reise einig. „Für 98 Prozent der Schlafplätze hätten wir kein Allrad gebraucht. Und wenn, dann standen wir am Strand, und die anderen vor dem Strand.“ Entscheidend für sie war das Gefühl von Sicherheit, das der Geländewagen mit sich bringt. Wenn auf dem Untergrund vor ihnen schon Fahrspuren sind, würden sie im Notfall selbst wieder herausfahren können, komme was wolle.

 

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Festgefahren haben sie sich dennoch: In Schottland stellte sich ein vermeintlich fester Abschnitt als weiche Torflandschaft heraus, der Defender sank bis zu den Türen ein. Selbst in dieser heiklen Situation verloren sie ihren Humor und auch die Hoffnung nicht, dass ein anderes Fahrzeug sie aus der ungünstigen Lage befreien könne. Nach einigen Misserfolgen konnte ein Land Rover Discovery den Defender aus dem Schlamm ziehen, der die Sandbleche bereits tief unter sich begraben hatte.

Schottland war auch die Region, die ihnen durch besondere Momente in Erinnerung blieb und dafür einen eigenen Aufkleber auf der Hecktür erhalten hat. Dort brachte das Paar nämlich für jedes bereiste Land die Landesflagge als Aufkleber an. Das Ritual vollzog es für 41 Länder – plus Schottland.

Welche Länder besonders überrascht haben? Montenegro und die Ukraine. Über beide Länder wussten sie zuvor nichts und waren einerseits beeindruckt von der Landschaft, andererseits bestürzt über die Armut – das Gefühl bekamen sie in mehreren Ländern Osteuropas. „In der Weihnachtszeit sind wir vom Kosovo nach Österreich zu unseren Familien geflogen. Am Morgen wacht man noch in einem Haus im Kosovo auf, das bitterkalt, weder verputzt noch isoliert ist und nur einen beheizten Raum hat. Sobald man in Wien ankommt, ist man dann plötzlich in diesem Weihnachtsüberfluss. Der Kontrast wird noch einmal stärker, weil beide Länder eigentlich so nah beieinander liegen und doch so unterschiedlich sind.“

 

Mehr Bett & mehr Wasser

Solche Erfahrungen prägen, gerade in jungen Jahren. „Durch die Reise haben wir sehr zu schätzen gelernt, was wir in Wien haben – generell, wie gut es uns in Mitteleuropa geht“, erklärt Hodulik. Sie hätten gelernt, mit wenig auszukommen und sähen alles aus einer neuen Perspektive. „Wenn man leben kann, ohne sich Gedanken zu machen, wo man Wasser herbekommt, wo man übernachten kann und ob es warm genug sein wird, dann merkt man, wie einfach es ist, in einer Wohnung zu leben“, bemerkt Pfeifer.

Ein festes Dach über dem Kopf und fließend Wasser – diesen Luxus sollten die beiden in Kroatien genießen, denn dort war für den vergangenen Sommer ein Arbeitsaufenthalt eingeplant. Doch schnell wurde klar, dass die Arbeitspause ein Widerspruch zum ursprünglichen Wunsch war: unbegrenzt Reisen zu können. So entstand der neue Plan, nach der Zeit in Kroatien ein weiteres Mal aufzubrechen.

 

Ausgaben & Neuanfang

Wie kann man sich eine solche Endlos-Reise als junger Mensch finanzieren? Es überrascht kaum, dass das Paar auch hier abgeklärt erscheint: Beim Kauf des Defenders bekamen sie Unterstützung von der Familie, der Rest sei durch klassische Jobs junger Erwachsener auf das Konto geflossen: Babysitten, Nachhilfe geben, der Sold vom Zivildienst. „Während der Reise geben wir sehr wenig aus, eigentlich nur für Kraftstoff, Essen und die Fähren. Auf der nächsten Reise wollen wir uns mehr Zeit für ein Land nehmen und weniger fahren, das spart natürlich wieder viel Kraftstoff“, so lautet der Kostenplan.

„Ein Jahr für eine Reise durch Europa ist zu wenig“

Um im kommenden April wieder starten zu können, wurde der Defender während der letzten Wintermonate renoviert. Rostschutz, Getriebereparatur, mehr Wohnkomfort: Künftig verfügt der 110er über eine drastisch höhere Wasser- und Batteriekapazität, sodass man vier Tage an einem Ort bleiben kann. Das Wasser soll weder beim Abwasch noch beim Duschen der limitierende Faktor sein, weshalb sie künftig 120 Liter Frischwasser zur Verfügung haben werden: „Das ist unser Luxus.“ Und weil das Budget knapp ist, wird alles, was geht, auch selbst repariert, gebaut, montiert.

Neu hinzu kommen auch zwei bequeme Schlafplätze im Innenraum. Die sollen als Alternative zum Dachzelt zur Verfügung stehen, falls es zu sehr stürmen oder regnen sollte, was am Ziel -ihrer nächsten großen Reise – der Mongolei – durchaus der Fall sein wird. Auf größere Umbauten, die den Defender nachhaltig verändern würden, wollen sie jedoch verzichten. Den Gedanken, den Wagen zum Studienbeginn wieder verkaufen zu müssen, haben sie immer im Hinterkopf.

Auch auf eine Kühlbox werden sie weiterhin verzichten. Da es in Europa genügend Einkaufsmöglichkeiten gibt, konnten sie sich auf der zurückliegenden Tour fast täglich frisches Essen kaufen. Später kam Daniel Hodulik auf die Idee, Tiefkühlkost zu kaufen, die den restlichen Vorrat ein wenig kühlt, und dann am selben Abend noch zubereitet wurde – in der Mongolei werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach auf andere Umstände treffen. Aber eigene Erfahrungen sammeln, das ist ja der Grund, aufzubrechen. Wie bei der ersten Reise, will das Paar sich nicht allzu lang mit dem Ausbau aufhalten, sondern in dem Moment schon lieber die Welt erkunden. 

Ein ausführliches Interview ist hier zu finden.