Globetrotter-Hotspot: Zu Besuch beim Eiskönig von Teheran

Am Eiscafé von Hassan Taavighi in Teheran treffen sich Overlander aus aller Welt. Nicht nur, weil es ihnen dort so gut schmeckt. Sondern auch, weil kaum jemand die Gegend um die Hauptstadt des Iran so gut kennt, wie der Overlander-Pionier

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Vor 14 Jahren zogen Hassan Taavighi und seine Frau Lidia von Berlin nach Teheran. Für ein Familientreffen kamen sie vorübergehend  zurück.

Teheran hat als Reiseziel einiges zu bieten: Museen, altehrwürdige Bauten, Kulturstätten … hier steht der eindrucksvoll farbenprächtige Golestanpalast und der Azadi Tower erhebt sich als Wahrzeichen des modernen Teheran auf 45 Meter Höhe. Auf dem Teheraner Basar, dem größten seiner Art, lassen sich bei rund 10.000 Händlern Gewürze, Tee, Schmuck und Stoffe einkaufen. Es gibt unzählige Restaurants und Imbisse. Für Globetrotter gibt es jedoch einen ganz anderen Pflichttermin, wenn sie mit ihrem Gefährt in der Millionen-­Metropole Halt machen: das San ­Marco, die Eisdiele von Hassan Taavighi und seiner Frau Lidia.

 

Ihre Eisdiele in Teheran ist beliebt – nicht nur bei Overlandern

 

Vor 14 Jahren haben sich der gebürtige Perser und die Deutsch-Polin entschlossen, von Berlin nach Teheran zu gehen, vor zwölf Jahren eröffneten sie ihre italienische Eisdiele. „Zuerst haben sie uns ausgelacht und darüber gespottet, dass wir ,Eis aus Joghurt‘ verkaufen wollen“, erinnert sich Lidia. Damals gab es im Iran nämlich nur Wassereis. Die beiden entdeckten eine Marktlücke. Auch aus der Not heraus, denn die Zutaten für ein Speisen-Restaurant zu importieren, wie sie es eigentlich vorgehabt hatten, wäre ungleich schwieriger gewesen, als für ihr Eis einfach die Früchte und Kerne zu verwenden, die es im Iran ohnehin schon gibt. „Wir brauchen keine einzige Paste, wie sie in europäischen Eisdielen verwendet wird“, ist Hassan stolz. Die Zutaten seien im Iran von Natur aus so süß und geschmackvoll, dass sie ohne die cremigen Geschmackskonzen­trate auskommen. Vor allem für die Sorten Pistazie und Mojito, mit frischer Limette und Pfefferminze, stehen die Leute Schlange. Und regelmäßig schauen auch Overlander vorbei. Sei es, um an der Eisdiele im nordöstlichen Stadtteil Qeytarieh, direkt am gleich­namigen Park, zu campieren. Oder aber, um mit dem umgebungskundigen Eismacher eine Runde durchs Gelände außerhalb der Stadtgrenzen zu drehen.

 

Für jedes Problem eine Lösung

Zwar bietet Hassan Taavighi keine offiziellen Touren an, mit Freunden aus dem In- und Ausland nimmt er aber gerne einmal die Umgebung Teherans unter die Räder. Vor allem die Pfade der bis zu 5.600 Meter hohen Berge im Norden der Stadt haben es ihm angetan: „Dort ist es auch dann schön kühl, wenn in der Stadt 40 Grad herrschen.“ Aber auch die Sandwüste Lut mit ihren riesigen Dünen im Südosten des Landes hat er schon ausgiebig und in unterschiedlichen Konstellationen erkundet. Im Iran habe sich eine lebendige Overlander-Szene entwickelt, sagt Hassan. Er und seine Frau Lidia waren Pioniere, als sie anfingen, angeregt durch Overlander-Freunde aus Berlin, das Land mit dem Auto zu „erfahren“. Damals, vor 14 Jahren, waren sie damit in Teheran Exoten, sogar das Fernsehen kam, um über sie zu berichten.

 

 

Heute sind die beiden und ihr San Marco Anlaufstelle für alte und neue Freunde – und sie fungieren gerne auch mal als Problemlöser für verschiedene Overlander-Belange: Sei es der verlorengegangene Hund einer deutschen Familie, für dessen Suche der Polizeipräsident dank Hassans Einsatzes überall in der Stadt Plakate aufhängen ließ, woraufhin das Tier nach nur wenigen Stunden wieder auftauchte. Sei es der kaputte Dieselmotor eines Autoreisenden, für den es im Iran offiziell keinen Ersatz gab (Privatpersonen dürfen dort keine Diesel fahren), und Hassan doch einen Bekannten ausfindig machte, der kurzerhand den Diesel aus seinem Fahrzeug ausbaute und den Touristen überließ – „gegen einen guten Preis“, schmunzelt Hassan. Er hilft gern, mag es, unter Leuten zu sein. Herumsitzen ist nichts für ihn. Außer an einem Lagerfeuer, mitten im Nirgendwo, mit einem Lied auf den Lippen und einem leckeren Essen über den Flammen.

Damals, vor 14 Jahren, gehörten sie in Teheran zu den Exoten, als sie begannen, das Land mit dem Auto zu erkunden

Es zieht ihn und Lidia regelmäßig raus. Raus aus der Stadt, weg von der Eisdiele. „Man sollte mehr in die Breite reisen, nicht immer nur in die Länge“, sagt er und meint damit, dass viele kleine Touren besser sind als wenige große. Denn, so ist er überzeugt: „Wenn man immer nur an seinem einen Standort bleibt, sterben die Sinne ab. Wenn man rausgeht, werden sie wieder wach. Man sieht ,Da ist ein Baum. Da ist ein Berg. Da ist ein See.‘ Und wenn man nach zwei, drei Wochen zurückkommt, ist man ein anderer Mensch.“ Dieser Drang zu reisen, zu entdecken, die Sensoren wach zu halten, ist Hassan in die Wiege gelegt worden. Sein Vater, damals Chef der Nationalbank, reiste viel und nahm die Kinder auch mit in die Wüste. „Heute bewegen wir uns meistens in irgendeiner sicheren Umgebung, in der wir alles kennen“, glaubt der Eisdielen­besitzer. Das langweilt ihn. Für Hassan ist das Overlanding der Kick, den sich andere beim Bungeejumping holen. Nur eben, dass seiner nicht vier Sekunden, sondern bis zu vier Wochen dauert. Länger waren Lidia und er noch nie weg von ihrer Eisdiele. Bis zum 13. Juli 2019. Da gingen sie – mit nur einer Woche Vorbereitung – auf große Fahrt von Teheran nach Berlin, wo am 1. August ein Familientreffen stattfinden sollte.

 

Kurzentschlossen weit gereist

Hassan Taavighi waren Flüge und Mietwagen zu teuer, also baute er kurzerhand seinen Toyota Land Cruiser um, ein ehemaliges UNO-Fahrzeug aus dem Jahr 2002, den Schatten des Aufklebers der Organisation kann man heute noch auf der Motorhaube erkennen, wenn das Licht entsprechend steht. „Wir wollten auch drinnen schlafen können, wenn es mal regnet. Auf so einer langen Reise kann das ja durchaus mal sein“, erzählt Lidia. Deshalb versetzte Hassan unter anderem den Kühlschrank nach vorn, um eine glatte Liegefläche im hinteren Wagenbereich zu schaffen. Zwei Nächte schuftete er durch, dann war der Land Cruiser bereit für seine bisher längste Fahrt: 7.000 Kilometer legte das Paar zurück – wobei es die vom ADAC vorgeschlagene Route („Da fährt man ja nur Autobahn und sieht nichts“) geflissentlich ignorierte und sich einfach treiben ließ. Bevorzugt und wenn möglich an der Küste entlang: Türkei, Griechenland, Albanien, Mazedonien, Kroatien … nie blieben sie länger als zwei bis drei Tage in einem Land. Aber immer lernten sie Menschen kennen, die freundlich waren und sie auch mal in ihrem Wohnmobil unterschlüpfen ließen, wenn es draußen zu sehr schüttete. Vor allem aber lernten sie Menschen kennen wegen ihres iranischen Nummernschildes. „Es konnte keiner glauben, dass wir wirklich aus dem Iran gekommen sind – mit dem Auto. Sogar aus dem fahrenden Wagen sind wir fotografiert worden“, grinst Hassan, der am liebsten noch viel länger mit seinem Land Cruiser Europa erkunden würde. Portugal fehlt noch auf der Liste, Schweden, die Niederlande …

 

Zu teuer waren Flüge und Mietwagen von Teheran nach Berlin – eine Alternative musste her. So baute Hassan Taavighi spontan seinen Toyota Land Cruiser zum Fernreisefahrzeug um

 

Zeit statt Geld

Doch obwohl Lidia und er jeden Tag mehrmals Kontakt zur heimischen Eisdiele haben, um die sich in ihrer Abwesenheit Hassans Bruder kümmert, müssen sie doch nach nun gut zwei Monaten wieder zurück, um mal nach dem Rechten zu sehen. Es gilt, Ware zu ordern und die Produktion zu beaufsichtigen, damit sich keine Schludereien und keine kleinen Fehler einschleichen. Denn das Rezept für ihr Eis haben sie zwar inzwischen nach eigenem Gusto verfeinert. Aber nichtsdestotrotz bleibt es ein altes italienisches Familienrezept, das es zu bewahren und zu respektieren gilt. Ein Freund aus Berlin hat es ihnen verraten, aber nur, weil sie hoch und heilig versprochen haben, das Eis nur im Iran – oder zumindest nicht in Berlin – zu verkaufen.

„Wenn man immer nur an einem Standort bleibt, sterben die Sinne ab. Wenn man rausgeht, werden sie wieder wach.“

Um dorthin zu expandieren, hätten die beiden auch gar keine Zeit. Zumindest würden sie sich diese nicht nehmen, denn sie wissen, dass Zeit wertvoller sein kann als Geld: „Als wir noch in Berlin lebten und ein eigenes Restaurant hatten, konnten wir nie länger als drei Tage wegfahren, und das auch nur getrennt“, erinnert sich Lidia und Hassan fügt hinzu: „Damals hatten wir viel Geld, aber waren zu eingespannt zum Reisen.“ Er hat am eigenen Leib erfahren, was das alte persische Sprichwort bedeutet: „Wen Gott bestrafen will, den bindet er an sein Geld.“

 

Hassans Frau Lidia geht nicht nur entspannt mit der Reiselust ihres Mannes um, sie genießt es, unterwegs zu sein. Am liebsten dort, „wo es warm ist“

 

Selbiges war auf ihrer Reise vom Iran nach Deutschland zwar wichtig, aber lediglich vor dem Hintergrund, dass sie die günstigen Tankgelegenheiten nicht verpassten, um mit den errechneten 39 Millionen Toman (knapp 3.000 Euro) Benzingeld auszukommen. Nun, nach seiner Rückkehr nach Teheran, will sich das Paar erst einmal wieder der Erkundung der vielseitigen Landschaft um ihre Heimatstadt widmen, den Oman bereisen und durch den Iran fahren. Doch bald wird ihr Sohn, der in Deutschland lebt, heiraten. Dann möchten sich die beiden wieder mehr Richtung Europa orientieren: „Am besten wäre es, wir hätten einen Lkw mit eingebauter Eistheke. Dann könnten wir reisen und gleichzeitig Eis verkaufen“, träumt Hassan. Und wenn man ihn so anschaut, hält man es für gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass er diese Idee irgendwann umsetzt.