Die prächtige Fauna entlang der Panamericana

Wer entlang der Panamericana reist, den erwarten traumhafte Landschaften. Besonders wird die Route aber vor allem auch durch die vielfältige Tierwelt Südamerikas.

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Die Panamericana einmal zu bereisen, ist für viele ein Traum, den sich wahrscheinlich nur ein Bruchteil der Träumenden wirklich erfüllt. Jeder mag unterschiedliche Gründe für seine große Reise haben: Ausbrechen aus dem gewohnten Alltag, das Abenteuer Roadtrip leben oder einfach nur etwas Neues ent­decken. Für Tierliebhaber und Fotografen, zu denen auch ich mich zähle, steht sicherlich die vielfältige Fauna ebenfalls im Vordergrund, die man in dieser Form in unseren Gefilden nicht beobachten kann. Nicht nur die Landschaften, auch die Tierwelt ist in Lateinamerika einzigartig und verdient eine genauere ­Betrachtung. Wer tierbegeistert ist, kann sich auf der Panamericana wirklich austoben, allerdings muss man sich ein ­wenig informieren und planen, denn richtiges Timing ist bei der Tierbeobachtung der goldene Schlüssel zum Erfolg. So ist die Halbinsel Valdés weltbekannt als einer der besten Hotspots, um den Südlichen Glattwal in Aktion zu sehen. Wer allerdings beispielsweise im Januar anreist, wird bitter enttäuscht sein, denn dann gibt es von den Walen keine Spur. 

Die Panamerica ist ein Traumziel für Tierbeobachter

Fährt man von Buenos Aires Richtung Feuerland, folgt man der Ruta 3 durch die Pampa, der Hauptverbindung Richtung Süden. Diese Strecke lebt von den Abstechern an die wenig bewohnte Küste. Manchem Reisenden mag diese Strecke langweilig erscheinen, ich hingegen genieße die endlose Weite, das Reduzierte, die schnurgerade Straße, die sich in der Ferne im Flimmern des Horizonts verliert. Musik rein, etwas Fahrtwind um die Nase und seinen Gedanken nachhängen, herrlich! Etwa 1.000 Kilometer südlich von Buenos Aires befindet sich El Cóndor, ein kleiner Badeort, der von Ende Dezember bis Mitte Februar, wenn die Argentinier Ferien haben, plötzlich aus allen Nähten platzt, um kurz danach wieder in seinen Dornröschenschlaf zu fallen. Hinter dem ältesten Leuchtturm des südamerikanischen Festlandes aus dem Jahre 1887, erwartet den Besucher ein lautstarkes Spektakel. Im Sandstein der Steilküste nisten etwa 35.000 Paare Felsensittiche und bilden die größte ­Papageienkolonie der Welt. Sie pflanzen sich zwischen Weihnachten und Ende Januar fort, sind aber das ganze Jahr über anzutreffen.

Fährt man die Küstenstraße 1 weiter, gelangt man nach Punta Bermeja, wo man deutlich mehr Seelöwen bestaunen kann als auf der Peninsula Valdés. Die Ruta 1 ist eine Piste, für die man sicherheitshalber ein Allradfahrzeug haben sollte, zumindest wenn es regnet oder kürzlich geregnet hat. Vor San Antonio Oeste mündet die Piste dann wieder in die Hauptstraße.

 

Im Reich der Pinguine

Etwa 800 Kilometer südlich von El Cóndor, bei Camarones, lohnt sich die Fahrt in das Naturreservat Cabo Dos Bahías. Die dortige Magellanpinguin-­Kolonie ist deutlich weniger bekannt als die weltweit größte Magellanpinguin-­Brutstätte in Punta Tombo, in der Nähe von Trelew. Cabo Dos Bahías ist nicht so überlaufen wie der größere Bruder. Die Pinguine erreichen ihre Brutplätze im September, beginnen sogleich mit der Paarung, um dann Anfang Oktober die Eier zu legen. Pinguine bauen übrigens keine Nester, sondern nutzen Kuhlen und Höhlen. Jedes Pinguinpaar kehrt im Folgejahr in das exakt gleiche Loch ­zurück! Nach etwa 40 Tagen schlüpfen zwei Pinguinbabys, um deren Aufzucht sich die Eltern zu gleichen Teilen kümmern. Macht man sich also ab Mitte ­November auf den Weg zu den putzigen Tierchen im Frack, kann man den plüschigen Nachwuchs bewundern. 

 

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Den Felsenpinguin kann man in Südamerika nur auf der Isla Pingüino in Argentinien und auf den Falklandinseln bewundern.

 

Knapp 600 Kilometer weiter südlich liegt Puerto Deseado. Der recht unscheinbare Ort ist Ausgangspunkt für eine Bootstour zur unbewohnten Isla Pingüino. Mit Schlauchbooten fährt man etwa 20 Kilometer aufs offene Meer hinaus. Nicht selten geht es auf dem Rückweg sehr spritzig zu, denn in diesen Breitengraden Patagoniens ist der Wind ständiger Begleiter. Doch dieses Risiko lohnt sich. Kaum landet man auf dem kleinen Eiland, begegnen einem die ersten Magellanpinguine. Seelöwen sonnen sich am Strand, und nicht selten muss man sich gegen die Riesensturmvögel verteidigen, die Angriffe auf die Besucher fliegen, wenn sie ihren Eiern zu nahe kommen.

Der unangefochtene Star auf dieser Insel ist jedoch der Felsenpinguin. ­Penacho amarillo nennt man ihn auf Spanisch, wegen seiner gelben Striche über den Augen, die in gelben, abstehenden Federn münden und seinen feuerroten Augen ­einen Rahmen geben. Diesen Schopfpinguin kann man in Südamerika nur auf der Isla Pingüino in Argentinien – und ansonsten auf den Falkland­inseln – bewundern. Die Insel ist noch frei von jeglichen Absperrungen oder Zäunen, dennoch sollte man den Tieren natürlich mit Respekt begegnen und ­einen gewissen Abstand einhalten.

 

Vogel der Superlative

Denkt man an die Anden, kommt einem sicher auch schnell der Kondor in den Sinn. El Cóndor Pasa mit etwas Panflöten­musik, das Klischee schlechthin. Den Andenkondor findet man im kompletten Andenraum, von Feuerland bis Kolumbien. Ein bekannter Spot, um ihn relativ nah zu erleben, ist der auch landschaftlich lohnenswerte Colca Canyon nahe des Örtchens Chivay im Süden Perus.

Der Canyon ist etwa doppelt so tief wie der Grand Canyon in den USA und lockt den Touristen mit den von den ­Inka angelegten Terrassen sowie den größten Vögeln der Welt. Der Kondor ist ein Vogel der Superlative. Ein ausgewachsenes Männchen kann eine Flügelspannweite von über drei ­Metern erreichen und stolze 15 Kilogramm wiegen. Damit sich so ein schwerer Brocken in die Höhe schrauben kann, bedarf es einer gewissen Thermik. Diese Aufwinde sind im Colca Canyon nahezu ideal für den Geier, der ja streng genommen keine schöne Erscheinung ist. Zumindest nicht, wenn man ihm sehr nahe kommt. Ein wulstiger Kamm bedeckt den Kopf oberhalb ihres Schnabels und wirkt fast wie ein Geschwür. Sieht man sie jedoch am Himmel ihre Kreise ziehen, wirken sie mit ihrer weißen Halskrause und den schwarzen Flügeln, die am Ende meiste in „fünf Finger” münden, sehr erhaben.

In Chile kann man die Kondore sehr gut im Torres-del-Paine-Nationalpark beobachten. Am Campingplatz am Lago Pehoé startet ein Wanderweg hinauf zum Mirador El Cóndor, den man schon nach etwa 40 Minuten erreicht. In der Felswand nisten seit Jahren Kondore, die meist vormittags ihr Nest verlassen und über den See schweben. Der türkisfarbene Gletschersee Pehoé, dahinter das Bergmassiv Cuernos del Paine und davor ein kreisender Kondor. Patago­nien zeigt sich hier von seiner Schokoladen­seite! In der Mythologie der Inka repräsentiert der Kondor die höhere Welt der Götter. Noch heute ist er für die Indígenas ein heiliges Tier. Seine Gewichtung zeigt sich auch darin, dass der Kondor zahl­reiche Nationalwappen und Länder­flaggen ziert, beispielsweise die von Ecuador und Bolivien. Der große Vogel steht für Freiheit, Macht, Stärke und Mut.

 

Einzigartige Tierwelt

Südamerika hat natürlich noch weitere, sehr viele bekannte und weniger bekannte Tierbeobachtungspunkte zu bieten. Der Artikel erhebt auf keinen Fall den Anspruch auf Vollständigkeit! Einzig­artig sind natürlich die Galapagosinseln mit den Blaufußtölpeln, Fregattvögeln, Schildkröten, Leguanen und vielem mehr. Wer einmal die Möglichkeit hat, Galapagos zu bereisen, sollte es tun. Ich kenne niemanden, der diesen Trip bereut hat! Nicht vergessen darf man auch das Pantanal (EXPLORER 05-2019) sowie das riesige Amazonasbecken mit seiner ­unglaublichen tropischen Tierwelt. 

Rotäugige Frösche als Werbeikonen, farbenprächtige Vögel als Gottheiten – die Länder entlang der Panamericana beheimaten eine vielfältige Tierwelt.

Auf den ersten Blick sehen viele Overlander den mittelamerikanischen Teil der Panamericana als weniger spektakulär an als den südamerikanischen. Doch Zentral­amerika muss sich in keinster Weise hinter dem großen Bruder verstecken, ganz im Gegenteil. Vor allem, was die Tierwelt betrifft, wird tierisch viel geboten!

Mancherorts gibt es Tiere, die man nirgendwo sonst auf der Welt antrifft. So ist beispielsweise Panama die Heimat des „goldenen Frosches”, der mit korrektem Namen als Panama-Stummelfußfrosch bezeichnet wird. Dieser extrem seltene Froschlurch ist endemisch in den niederschlagsreichen Regionen Campana und El Valle de Anton in Zentral­panama. Der Frosch wäre fast ausgestorben. Die ­Rodung der Wälder, illegaler Tierhandel und zuletzt ein Pilz töteten allein in den letzten zehn Jahren über 80 Prozent des Bestandes. Zum Glück nahm sich die Non-Profit-Organisation „El Valle Amphibian Conserva­tion ­Center” (EVACC) des Schicksals der gelb-orangen, schwarz gefleckten ­Frösche an. Der beschauliche Ort El ­Valle de Anton liegt auf 600 Metern ­Höhe im Krater eines erloschenen Vul­kans und ist nicht nur wegen der Frösche eine Reise wert. Man kann in dem Gebiet herrliche Wanderungen abseits vom Massentourismus unternehmen, Orchideen bestaunen, in Thermal­quellen oder an frischen Wasserfällen baden, ­leckeren Kaffee aus der Region genießen und ­vieles mehr.

Im EVACC kann der Besucher unter anderem die gerade einmal vier Zentimeter großen „golden frogs” bestaunen. Aber aufgepasst! Um sich vor Feinden zu schützen, sondert ihre glatte Haut das Nervengift Tetrodotoxin ab. Das erhalten die Kröten, indem sie giftige Tiere wie Termiten verspeisen und deren Gift speichern. 2011 haben Forscher in den Wäldern Panamas eine bis dato unbekannte Froschart entdeckt. Der wenige Zentimeter große Frosch hat eine leuchtend gelbe Farbe und das Kuriose daran: Bei Berührung sondert er diese Farbe ab. Er wurde daher Gelbfärber-Regenfrosch ­getauft. Giftig ist das Tier nicht, und ­warum der Frosch seine Farbe verliert, ist bis heute nicht bekannt. 

 

Ein Frosch als Werbeikone

Fotogener als die gelben Frösche Panamas sind die Rotaugenlaubfrösche, die so gut wie jede Werbebroschüre Costa Ricas zieren. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Yucatán in Mexiko bis nach Panama, wobei die Frösche in Costa ­Rica am häufigsten zu sehen sind. Mit ihren stechend roten Augen, dem grünen Oberkörper, den grün-blauen Gliedmaßen sowie den orangefarbenen Saugfüßen, sind sie für mich die schönsten Frösche überhaupt! Die nachtaktiven Frösche sind tagsüber in freier Natur nur schwer zu entdecken, da sie sich dann meist zum Schlafen auf der Unterseite eines Blattes zusammenkauern. In Ruhe­phasen legen sie ihre Beine ganz nah an den Rumpf, sodass alle Signalfarben versteckt werden. In all den Jahren habe ich den Frosch immerhin zweimal in freier Wildbahn erspäht. Viele Ticos, so nennt man die Einwohner Costa Ricas, haben noch nie einen dieser bunten Frösche gesehen! Wer die Begegnung nicht dem Zufall überlassen möchte, dem empfehle ich den Besuch einer touristischen Einrichtung wie dem Ecocentro Danaus oder der Butterfly Conservatory, beide in der näheren Umgebung von La Fortuna am Arenalsee. 

 

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Der Rotaugenlaubfrosch ziert diverse Werbebroschüren in Costa Rica. In dem Land in Zentralamerika ist er auch am häufigsten zu sehen

 

Kunterbunte Vogelwelt

Der Quetzal ist – wie der Rotaugenlaubfrosch unter den Fröschen – der Star der mittelamerikanischen Vogelwelt. Das Verbreitungsgebiet dieses äußerst emblematischen Vogels erstreckt sich von Südmexiko bis Panama. Vor allem die Männchen sind für Ornithologen fast zu schön, um wahr zu sein. Deren tiefrote Brust wird eingerahmt von grün und blau schimmernden Federn. Der kurze gelbe Schnabel steht im Kontrast zu den bis zu 80 Zentimeter langen Schwanz­federn. Diese wurden dem Vogel früher zum Verhängnis, denn bereits unter den Tolteken und Azteken benutzten die Priester die Federn als Kopfschmuck. Der Quetzal wurde als Gottheit verehrt. Damals fing man den Vogel, raubte ihm die Federn, ließ ihn aber am Leben. Wer beim Töten eines Quetzals erwischt wurde, wurde mit dem Tod bestraft. Der Legende nach tötet sich der Quetzal in Gefangenschaft selbst. Daher gilt er als Symbol der Freiheit, ziert das Wappen Guatemalas und hat der Währung Guatemalas sogar ihren Namen verliehen. Der seltene Vogel lebt in den Nebelwäldern Guatema­las. Nach meiner Erfahrung hat man in Costa Rica jedoch deutlich bessere Chancen, den majestätischen Vogel zu Gesicht zu bekommen, und zwar nahe dem höchsten Punkt der Panamericana, am Bergpass Cerro de la Muerte. Hier, im Nebelwald, wachsen die wilden Avocado-­Bäume, deren Früchte die Lieblingsspeise des Quetzals sind. Dort wurde der Parque Nacional Los Quetzales geschaffen, dessen Zufahrt man nur mit Allrad bewerkstelligen kann. Geht man die beiden Wanderwege ohne Guide, muss man schon ein sehr geschultes Auge und eine gehörige Portion Glück haben, damit es mit der Quetzal-Begegnung klappt. Als „Wiege des Quetzals” wird San Gerardo de Dota bezeichnet. Eine steile, kurvenreiche Stichstraße führt zu dem kleinen Ort am Río Savegre. 

Der bunte Vogel Quetzal gilt als Symbol der Freiheit

Naturschutz wird in Costa Rica großgeschrieben, was jedes Jahr zahlreiche Tier- und Pflanzenliebhaber anzieht. ­Sierpe in der Südpazifikregion ist Ausgangspunkt, um einen Teil der riesigen Terraba Sierpe National Wetlands per Boot zu erkunden. Es handelt sich dabei um das größte Mangroven-Reservat Mittel­amerikas und ist dennoch relativ unbekannt. Selten habe ich auf einer nur wenige Stunden dauernden Boots­tour mehr Tiere gesehen als hier! Gleich vier Affenarten turnen in den Bäumen: Kapuzineraffen, Totenkopfäffchen, Spinnen­affen sowie die lautstarken Brüllaffen. Wunderschöne rote Aras fliegen durch die Luft, Tukane krächzen, blaue Wasserhühner hüpfen und Silberreiher staksen durch die violetten Wasserhyazinthen. Die schiere Artenvielfalt an Vögeln lässt das Herz eines jeden Hobbyornithologen höherschlagen! Die größte Population hellroter Aras findet man in Costa Rica im Corcovado-Nationalpark. Nirgendwo sonst konnte ich die schönen Krachmacher so gut beobachten wie dort.

 

Schildkröten auf Wanderschaft

An den Stränden Costa Ricas kann man fünf der insgesamt sieben existierenden Meeresschildkröten beobachten. Im Parque Nacional Tortuguero an der Karibikküste kommen die grünen Meeresschildkröten sowie die seltenen Lederschildkröten zwischen Juli und Oktober zur Eiablage an Land. Die Lederschildkröte zählt mit bis zu 2,5 Metern Länge und ­einem Gewicht von etwa 700 Kilogramm zu den größten Reptilien der Welt. Die Schildkrötenmütter buddeln Löcher, in die sie bis zu 100 Eier legen. Nach etwa zwei Monaten graben sich die Babys selbst aus dem Sand aus und krabbeln so schnell sie können Richtung Meer. Ihre kurzen Flossen dienen ihnen dabei als Schaufel. Da sich der Sand tagsüber stark aufheizt, schlüpfen die Babys eher in den frühen Morgen- oder Abendstunden sowie in der Dunkelheit. Viele fallen auf diesen beschwerlichen Metern bis zum Wasser Krebsen oder Vögeln zum Opfer. Auch im Wasser warten weitere Fressfeinde. Mittlerweile wird leider auch der zunehmende Plastikmüll immer mehr ausgewachsenen Schildkröten zum Verhängnis. Erst nach etwa 20 Jahren kehren sie an exakt den Strand zurück, an dem sie geboren wurden, um ebenfalls dort ihre Eier abzulegen. Die Eiablage und das Schlüpfen der Kleinen zu beobachten, sind eindrückliche Erlebnisse. Übrigens sieht man die Tiere natürlich nicht nur an den bekannten Hotspots, sondern oft auch ganz unerwartet auf der Fahrt oder bei einer Wanderung. Ich wünsche allen Overlandern viele tierisch gute ­Begegnungen!