Andrew St. Pierre White – Ein Portrait

Andrew St. Pierre White ist in der Overlanding-Gemeinschaft bekannt , wenn auch nicht immer beliebt. Manche bezeichnen ihn als den „David Attenborough des 4Wheel-Drive“, andere als Entdecker, Social-Media-Star, Schriftsteller oder Filmemacher. Er selbst nennt sich Geschichtenerzähler

Seit 1996 begeistertAndrew St. Pierre White auf der ganzen Welt Overlander mit seinen Büchern und Filmen rund ums Thema Offroadreisen

„Ich bin zur Hälfte 4×4-Enthusiast, zur Hälfte Filmemacher“

In einem Text über den Abenteurer und Wahl-Australier könnte man wunderbar mit Zahlen um sich werfen – denn die sprechen für sich: Andrew St. Pierre White hat 18 Bücher geschrieben, 16 Allrad-Fahrzeuge besessen und mit ihnen 1,3 Millionen Kilometer in 20 Ländern auf fünf Kontinenten zurückgelegt.

Sein Youtube-Kanal 4xoverland, der knapp 500 Videos zum Thema Allradfahrzeuge, Expeditionen und Reisegeschichten listet, erreicht zwischen 700.000 und eine Million Klicks jeden Monat, hat aktuell 264.000 Abonnenten und über 57 Millionen Views.

Auf Patreon, einer der bekanntesten Plattformen zur Förderung von Künstlern und Kreativen durch Privatpersonen, unterstützen ihn rund 1.100 Personen. In diesem Jahr feiert seine Website 25-jähriges Jubiläum.

 

Vom Offroad-Fieber angesteckt: Andrew St. Pierre White und seine Frau Gwynn reisten bereits vor über 30 Jahren gemeinsam und feierten ihre Hochzeit sogar abgelegen im Busch

 

Wie alles begann

Damit wäre der Form eigentlich Genüge getan. Doch über den, der von sich selbst sagt, er sei „halb 4×4-Enthusiast, halb Filmemacher“, gibt es noch so viel mehr zu erzählen. Andrews Geschichte beginnt in England, im Jahr 1974, das den „offiziellen Startpunkt einer Besessenheit markiert“. Es ist das Jahr, in dem der Vater des 14-jährigen Andrew einen neuen Range Rover Classic kauft.

Kurz darauf emigriert die Familie nach Südafrika und eine weitere Leidenschaft wird geboren: Die Leidenschaft für Expeditionen ins Unbekannte. Ein Faible, das er mit dem berühmten britischen Dokumentarfilmer Sir David Attenborough teilt, mit dem ihn seine Anhänger gern vergleichen.

„Mir macht es nichts aus, der David Attenborough des Allradantriebs genannt zu werden. Aber ich glaube, das hat mehr mit meinem Alter und meiner Haarfarbe zu tun“, scherzt er. „Ich mache oft technische Videos, das ist mein täglich Brot, denn es interessiert viele Zuschauer. Aber mir selbst bereitet es am meisten Freude, eine Geschichte darüber zu machen, was ich gesehen oder erlebt habe.“ Die Fahrzeugtechnik sei dabei nur mehr Mittel zum Zweck, die Story dagegen das Endprodukt.

Und damit versorgt Andrew seine Fangemeinde in regelmäßigen Abständen. Nicht jedes seiner Videos zeigt spektakuläre Landschaftsbilder, häufig steht oder sitzt der inzwischen grauhaarige Brite vor der Kamera und erzählt. Gibt es eine Geschichte, die er bisher noch nicht geteilt hat? Da muss der Filmemacher kurz überlegen.

Dann erzählt er: „Als ich noch jung war, nahm mein Vater meinen Bruder und mich mit ins Okavango-Delta. Wir sind mit einem alten Triumph 2000 gefahren. Als wir ankamen, war der Boden des Fahrzeuges hochgebogen von den Steinen, über die wir gefahren waren. Meine Knie hingen in der Luft. Das war bereits sehr abenteuerlich.

 

Landschaftsaufnahmen gehören zu den Favoriten des Fotografen und Filmemachers. Die Technikvideos seien dagegen eher ein Mittel zum Zweck

 

Dann stiegen wir in ein Boot und reisten 14 Stunden durch das Delta zu unserem kleinen Camp. Die Guides vor Ort kochten für uns Dosenessen – und das machte uns alle unglaublich krank. Anstatt die Natur zu genießen, waren wir alle fast schon komatös vom ständigen Sichübergeben­müssen. Furchtbar!“ Trotzdem habe ihn dieser Trip angefixt.

Auf einer wilden Fahrt durch den Busch wird der jugendliche Andrew vom Beifahrersitz in den hinteren Teil des Fahrzeuges katapultiert, und wie er dort auf dem Ersatzrad landete, habe er gedacht: „Das ist es. Das ist das wahre Leben.“ Das Okavango-Delta und der Busch sollten ihn ab diesem Moment nicht mehr loslassen.

Im Jahr 1990 kehrt er zusammen mit seiner Frau Gwynn zurück, um auf einer einsamen und kaum zugänglichen Insel im Delta ein Gästehaus zu leiten. Ein Abenteuer, das beide an ihre Grenzen bringt und Gegenstand seines ersten autobiografischen Romans ist. Auch ihre Hochzeit feiern die beiden abgelegen im Busch – eine Zumutung für die Gäste, aber ein großer Spaß für das Brautpaar, festgehalten auf Super 8 und für jeden zugänglich auf Youtube.

 

Bücher, Filme, Fernsehserien – was auf seinen Touren nicht fehlen darf, ist stets seine Kamera. Andrew St. Pierre White schrieb 18 Bücher, drehte unzählige Videos über Offroad-Fahrzeuge, Technik, seine bereisten Länder und gibt Tipps für Geländefahrten. Seit 1996 begeistert er damit die Offroad-Gemeinde. Was als launiges Abenteuer begann, ist für ihn zum täglich Brot geworden. Reisen und Arbeit gehen für ihn seitdem Hand in Hand

 

Fluch & Segen als Social-Media-Star

Rund 31 Jahre später kann Andrew reisen, offroaden und arbeiten kaum mehr voneinander trennen. „Wenn ich auf Expedition gehe, ist es Arbeit“, sagt er. „Ich habe immer eine Kamera dabei, es ist wie ein Zwang.“ Wie auch nicht, fügt er hinzu und verrät, dass eines seiner nächsten Ziele Island sein soll. „Ich könnte aber niemals nach Island fahren und nicht darüber berichten: die Geräusche der Flüsse aufnehmen, die Landschaft fotografieren. Ich muss das tun.“

Ein Ende ist für den Briten, der auf Fotos selten lächelt, trotzdem aber einen feinen Sinn für Humor beweist, noch lange nicht in Sicht. „In dem Moment, in dem ich nicht mehr auf dem Fahrersitz Platz nehmen und eine Schotterstraße entlangfahren kann, gehe ich in Rente“, lacht er.

 

 

Manch einer kann diesen Moment vielleicht gar nicht erwarten. Denn Andrew St. Pierre White hat nicht nur Fans in der Overlanding-Szene. Er polarisiert, manche halten ihn für eingebildet und abgehoben. Das führte vor einiger Zeit dazu, dass er sich von seinen Facebook- und Youtube-Anhängern zurückzog, um die vielen Hasspostings nicht an sich heranzulassen.

Mittlerweile ist er zwar zurückgekehrt, Kommentare liest er jedoch keine mehr. „Das ist eine Bedrohung für meine geistige Gesundheit“, konstatiert Andrew. Austausch findet daher nur noch auf seinem exklusiven und kostenpflichtigen Patreon-Account statt. „Und selbst dahin hat sich ein Hater verirrt“, berichtet er kopfschüttelnd. Jemand habe sechs Dollar bezahlt, nur um ihn exklusiv auf Patreon beschimpfen zu können. „Erstaunlich“, bemerkt er trocken.

Doch alles in allem hat Andrew St. Pierre White eine große Fangemeinde. Viele eifern ihm nach, Youtube-Kanäle wie seinen gibt es mittlerweile wie Sand am Meer. Ob ihn das stört? Nicht im Geringsten, versichert er. „Das größte Kompliment ist doch, wenn man kopiert wird.“ Er wolle jeden ermutigen, sagt er, und fügt hinzu: „Aber ihr müsst lernen, mit den Hatern umzugehen.“

Sein zweiter Tipp für Einsteiger: „Macht euch nicht so viele Gedanken um die Ausrüstung. Setzt euch ins Auto, nehmt ein Zelt mit, achtet auf gute Reifen und fahrt einfach los.“ Nach ein paar Trips wisse man häufig viel besser, was man wirklich brauche und was nicht, verspricht er. Schließlich gehe es hauptsächlich darum, abseits der bekannten Pfade unterwegs zu sein – und dabei etwas zu erleben.

 

Nicht immer läuft alles rund auf den Reisen. Auch solche Momente hält er mit der Kamera fest

 

Die Liebe zum Offroaden

Das 25-jährige Jubiläum feiert Andrew allerdings zu Hause. Aufgrund des nach wie vor geltenden Lockdowns kann er derzeit noch nicht einmal seinen Bundesstaat im Westen Australiens verlassen. Glücklicherweise hat er kurz vorher noch dafür gesorgt, dass ihm nicht so schnell langweilig wird. Denn die Liebe zum ersten Range Rover von 1974 ist noch keinesfalls abgekühlt, und so hat er kürzlich einen 45 Jahre alten Range Rover Classic erworben und quer durch Australien zu sich nach Hause gefahren.

Die Tour hat Gefährt wie Fahrer einiges abverlangt, aber Andrew schwärmt von seinem neuen alten Auto. Vor allem von den Sitzen. „Manche Autositze sind einfach nicht für Menschen gemacht. Aber im Range Rover konnte ich elf Stunden nonstop fahren, ohne Probleme.“ Eine Eigenschaft, die er zukünftig sicherlich noch mehr schätzen wird, denn sobald es wieder möglich ist, plant er einen „epischen Roadtrip durch Westaustralien, mit einem Range Rover im Original-zustand.“ Das werde das Auto an seine Grenzen bringen, verrät er und die Vorfreude auf diese Geschichte ist ihm deutlich anzumerken.

Doch welche Storys begeistern den Geschichten­erzähler selbst? Er schmunzelt. „Ein Freund sagte mal zu mir: ‚Es gibt zwei Dinge, die ein Mensch ununterbrochen und völlig fasziniert betrachten kann: Feuer und Wasser.‘ Und ich sagte: ‚Stimmt. Das und Das Damengambit auf Netflix.‘“

 

Nach seinen Reisen in aller Welt – vor allem auch in Afrika – zog Andrew St. Pierre White im Jahr 2017 mit seiner Familie nach Australien