Roadbook Island: Im Land der Elfen und Trolle

Eva Michalak und Stefan Schwermer bereisen seit drei Jahren gemeinsam die Länder Europas, beispielsweise Frankreich, Portugal und Polen. Während Eva Michalak zuvor schon in Norwegen und Finnland unterwegs war, zog es Stefan Schwermer in der Vergangenheit eher nach Griechenland und Ungarn. Seit einem Jahr ist das Paar mit seinem Reise­mobil unterwegs

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Landmannalaugar ist ein Gebiet im Südwesten Islands

Kommt schnell, sie warten auf euch!” Diese Nachricht, gefolgt von einem Bild mit einigen Papageitauchern, beflügelt uns, den Marsch zum fünf Kilometer entfernten Brutfelsen dieser seltsamen Vögel auf uns zu nehmen. Frühmorgens sind wir mit der Fähre in Seyðisfjörður angekommen und sofort zum Einkaufen diverser Lebens­mittel nach Egilsstaðir weitergefahren.

Nach einem ausgiebigen Frühstück und mit gefüllten Vorratsschränken sind wir bereit für Island und setzen unseren Weg auf der geschotterten Straße bei strömendem Regen und dichtem Nebel in nordöstlicher Richtung bis ­Bakkagerði fort. Der Campingplatz liegt außer­ordentlich schön. Direkt am Fuße des Felsens Álfaborg, dem Sitz der Elfen­königin Borghildur und ihrem Gefolge. Der ­Regen lässt nach und wir schauen uns gerade im Ort um, als uns die besagte Nachricht erreicht.

Hanne und Gerd, die wir beim Warten auf die Fähre kennengelernt hatten, waren etwas schneller hier und bereits zum Brutfelsen der ­Papageitaucher gewandert. Wir schnappen unsere Kameras, die Regensachen und marschieren los. Man kann auch fahren, aber das wollen wir heute nicht mehr. Wir brauchen Bewegung.

Erste Erkenntnis: In Island kann es Ende Juli empfindlich kalt sein. Feuchtkalte Luft dringt in jede Kleiderritze. Am Brutfelsen angekommen, trauen wir ­unseren Augen kaum. Zu Hunderten bevölkern diese seltsamen Vögel den Hügel. Was für ein Tumult! Wir foto­grafieren, bis die Finger wegen der Kälte klamm sind.

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Stefan Schwermer & Eva Michalak

Alter: 54 & 61 Jahre

Wohnort: Schluchsee und Kadelburg

Reiseregionen: Dänemark, Färöer Inseln, Island

Reisedauer: vier Wochen

Reisestrecke: 6.600 Kilometer (davon 3.700 Kilometer Island)

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Ford Ranger Burow Oman

Baujahr: 2019

Motor: 2,2 Liter Turbodiesel, 160 PS

Verbrauch: 12,5 Liter / 100 Kilometer

Aufbau: GFK-Sandwich

Leergewicht: 3.050 Kilogramm

Schlafplätze: 2

Glück für die Reise

Am nächsten Tag wandern wir zur Elfenkirche. Die Landschaft mit dem bunten Rhyolith-Gestein hat wirklich etwas Mystisches an sich. Wir genießen die Einsamkeit und die atemberaubende Bergwelt. Leider sagt der Wetterbericht weiterhin Regen in Nordisland voraus. Schweren Herzens ändern wir unsere Reisepläne und fahren Richtung Südwesten. Zurück nach Egilsstaðir und weiter nach Höfn, wo ich mir in einem kleinen Handarbeitsladen einen Islandpulli kaufe. Damit das Outfit komplett ist, muss es auch noch eine Mütze mit Ohrenklappen sein. Den vierbeinigen Lieferanten der Wolle begegnet man ständig auf Island. Deren Fell ist besonders dicht, lang und mollig warm. Wichtig bei den Wetterverhältnissen hier.

Wir folgen der gut ausgebauten Ringstraße zum Gletschersee Jökulsárlón und dem Diamond Beach mit seinen in der Sonne glitzernden Eisstücken auf schwarzem Sand. Auch der Svartifoss mit seinen dunklen Basaltsäulen liegt an dieser Strecke. Auf dem Weg durch die riesige Schotterfläche des Mýrdalssandur treffen wir auf eine kleine Besonderheit: An einer Stelle erhebt sich der Lava­hügel Laufskálavarða, nach dem Großgut Laufskógar benannt. Dieses wurde beim Ausbruch des Vulkans Katla im Jahr 894 zerstört.

„Ein ungewöhnlicher Ort. Hier könnten wir ewig verweilen.“

Die Tradition verlangte, dass jeder, der hier zum ersten Mal vorbeikommt, eine Steinwarte errichten sollte, um sich Glück auf der Reise zu sichern. Das staatliche Straßenbauamt ermöglicht es den Reisenden auch heute noch, diese Tradition zu erhalten, indem es Gestein zur Verfügung stellt. Natürlich errichten wir „unsere” Steinwarte. Weiter geht es über Vík mit seiner malerischen Holzkirche, und vorbei am kuriosen Bra Fence. Wie es dazu kam, dass an dieses Stück Zaun unzählige Büstenhalter gehängt wurden und noch immer gehängt werden, ist uns nicht bekannt.

Unsere Route führt nun an den Wasserfall Gullfoss und den Geysir Strokkur. Bei Letzterem könnten wir ewig verweilen. Alle fünf bis zehn Minuten schießt seine Wasserfontäne in die Höhe. Überall dampft und blubbert es. Ein bunter und ungewöhnlicher Ort.

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Die dunklen Basaltsäulen umgeben den Svartifoss und erinnern an Orgelpfeifen. Sie waren namensgebend für den „schwarzen Wasserfall”

Erstes Offroad-Abenteuer

Nun wollen wir mehr Abenteuer, mehr Kribbeln, mehr Adrenalin. Wir wollen Hochland mit den einsamen Pisten und Wasserdurchfahrten. Landmannalaugar bietet all dies. Da wir noch nicht hochlanderfahren sind, wählen wir die, laut unserem Roadbook, einfache Zufahrt über die F225. Voller Vorfreude stehen wir an der Abzweigung, an der die F225 beginnt, und studieren die vielen Warn- und Hinweistafeln. Die Piste führt über Lavagestein, teilweise gemischt mit Bimsstein. Südlich sehen wir den mächtigen Vulkan Hekla. Von dort stammt all dieses Gestein. Die Hekla gehört zu den drei aktivsten Vulkanen auf Island. Wir fahren und staunen. Eine bizarre Welt tut sich vor uns auf. Überall ahnen wir Trolle in den Gesteinsformationen.

„Dann ist es so weit. Unsere erste Furt liegt vor uns.“

Während wir noch überlegen, überholt uns ein Jeep mit mächtigen Reifen. ­Wasser spritzt auf, und durch ist er. Uns Anfängern scheint das zu forsch und wir legen erst einmal den Wähl­hebel für die Getriebe auf 4L. So fahren wir vorsichtig durch die Furt. Es rauscht, der Motor brummt, die Karosserie ächzt … und wir grinsen. Geschafft! Unsere erste richtige Furt. Diese Hürde hat jetzt ein wenig ­ihren Schrecken verloren.

Direkt vor Landmannalaugar gibt es kurz hintereinander zwei Furten. Sollte man sich vorher ansehen, heißt es. Für die Ängstlichen und für weniger taugliche Fahrzeuge gibt es einen Parkplatz davor. Wir fahren langsam an den vielen parkenden Fahrzeugen vorbei. Plötzlich ist die Furt da. Oha, hinten hängt schon wieder einer und drängelt. Wo kommt der plötzlich her? Kein Platz zum Ausweichen. Also rein ins Vergnügen. Mein Hals wird trocken, als ich im Rückspiegel sehe, dass dem Fahrzeug hinter uns, einem Buschtaxi, das Wasser bis zu den Lichtern reicht. Souverän ziehen wir unsere Bahn. Ja, als Anfänger freut man sich auch über so einfache Passagen.

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Dem Gletscher so nahe: der Fláajökull, ein Ausläufer des gigantischen Vatnajökull

Felgen, Schotter und eine Tasse Kaffee

Im Camp finden wir schnell einen schönen Platz und wandern los. Für die nächsten Tage ist Regen angesagt. Wir möchten im Restlicht des beginnenden Abends noch möglichst viel von den bunten Bergen sehen. Es ist ja lange hell, und so kommt es, dass wir selbst um 22:30 Uhr noch schöne Bilder von den Fumarolen und dem Lavafeld ­Laugahraun machen können. Unser Ausflug endet in den frühen Morgenstunden des nächsten Tages. Egal, wir nutzen das fiese Wetter für einen Indoor-Tag, planen die weitere Route und beobachten aus dem gemütlich geheizten Wohnmobil, wie starker Wind den Regen zeitweise waagrecht vorbeifliegen lässt.

Das stabile Regenwetter veranlasst uns zum Weiterfahren. Ursprünglich wollten wir die Hochlandpiste Sprengisandur in nördlicher Richtung nach Akureyri fahren. Jedoch ist uns der Wasserstand der Flüsse zu ungewiss. Die Alternativstrecke wurde wegen eines Erdrutsches gesperrt, so bleibt uns nur die einfachere Kjölur, um in den Norden fahren sehen und Carola fragt an, ob wir auf eine Tasse Kaffee zurückkommen möchten? Wir wollen natürlich. So plaudern wir über das bisher Erlebte und kommende Pläne. Leider drängt die Zeit und der Weg nach Akureyri ist noch weit.

„Die Piste ist kaum noch zu erkennen und der Allrad hat mit dem Sand zu kämpfen.“

Dort angekommen, haben Hanne und Gerd uns bereits einen Platz reserviert, und wir freuen uns über das Wieder­sehen. Den nächsten Tag gehen wir gemütlich mit einem gemeinsamen Frühstück an, bevor wir unsere Reise alleine fortsetzen. Erst geht es unweit der Ring­straße zum sehenswerten Wasser­fall Godafoss, und dann machen wir einen ­etwas weiteren, aber lohnenswerten, Abstecher zum Wasserfall Aldeyjarfoss. Noch einmal ist der Wetterbericht unser Wegweiser. Schön soll es werden, also nutzen wir die Chance und fahren über die F88 ins Hochland. 108 Kilometer Ruppelpiste und diverse Furten ­erwarten uns auf der Strecke zum Camp am Vulkan Askja. Eine verwunschene Gegend. Die Wanderung durch die Wüstenlandschaft zum Vulkankrater mit seinem ­typischen See ist die Krönung.

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Das gute Licht am Morgen am Jökulsárlón fesselt uns

Zivilisation und Schlaglöcher

Als wir auf der F910 die Vikursandur durchqueren, mutet die weite Lava­fläche seltsam dunstig in der Ferne an. Beim Näherkommen stecken wir plötzlich drin: Sandsturm! Die Piste ist kaum noch zu erkennen und man spürt, wie der Allrad mit dem Sand zu kämpfen hat. Nur Ruhe bewahren. Bloß nicht stecken bleiben, bloß nicht raus aus dem Auto müssen. Nach einer gefühlten Ewigkeit sind wir durch und die Sicht wird besser.

Geschafft! Über die einfache F905 fahren wir zurück zur Ring­straße und biegen wenig später nach Norden ab. Der mächtige Wasserfall Dettifoss und der Ort Húsavík sind die nächsten Ziele. Jetzt wird es Zeit für einen Besuch im Thermalbad am See Mývatn mit seiner herrlichen Aussicht. Die Entspannung haben wir uns verdient, und die Eintrittskarten vorab gebucht. Das reicht wieder an „Zivilisation”.

Über die 864 fahren wir gen Norden zur Halbinsel Melrakkaslétta. Neben all dem Treibholz, das über das Nordmeer aus Sibirien angeschwemmt wurde, gibt es Islands nördlichsten Leuchtturm Hraunhafnartangi und Islands größtes Freiluftkunstwerk, den Arctic Henge, zu sehen.

Danach lockt uns die Halbinsel Langanes. Diese Piste ist wohl die übelste Strecke, die wir in ganz Island gefahren sind, wenn man das Ausmaß der Schlaglöcher heranzieht. Und es ist ungewöhnlich viel Verkehr hier. Etwa wegen der Basstölpelkolonie? Nein, die Aussichtsplattform auf den Felsen Stóri Karl ist leer und wir können in Ruhe stundenlang die Vögel beobachten. Auch sonst ist es einsam genug, dass sich sogar ein Polarfuchs blicken lässt. Leider ist er schneller verschwunden als wir die ­Kameras zücken können.

Unser Urlaub neigt sich nun dem Ende zu. Der Kreis um Island ist fast geschlossen und wir haben alles gesehen, was wir unbedingt sehen wollten. ­Natürlich gibt es hier unendlich viel mehr zu erleben, und während wir für diesen Artikel über der Karte sitzen, entstehen bereits die ersten Pläne für die nächste Reise nach Island.

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Einen Fünf-Kilometer-Marsch wert: die possierlichen Papageitaucher vor die Linse zu bekommen