Perspektivwechsel – Motorradreise durch Vietnam

Wie fühlt es sich an, statt im Bulli mit dem Motorrad zu reisen? Christof Wolf hat in Vietnam das Experiment spontan gewagt

Vietnam Motorrad
Vor Wolf liegen zahlreiche Hürden. Eine Hängebrücke hatte so große Löcher, dass darin fast ein Rad verschwinden kann

Hanoi, Downtown. Der Verkehr in der Acht-Millionen-Metropole ist wild, Mopedfahrer schlängeln sich mit einem Hupen an den sich stauenden Autos vorbei durch das Chaos. Christof Wolf setzt sich auf die Enduro und fährt los. Zum ersten Mal in seinem Leben sitzt er auf einem Motorrad, hoffentlich ahnt das der Vermieter nicht! „Ich bin direkt hinter der nächsten Hausecke erst einmal wieder abgestiegen, um mich zu sortieren.“ Das ist kein Wunder, sicherlich gibt es einfachere Orte als die Hauptstadt Vietnams, um sich mit Gasgriff und Fußschaltung anzufreunden.

 

Das Kennenlernen

Christof Wolf ist Fotograf, bereiste mit seiner Kamera schon viele Teile der Welt: mit dem Geländewagen die Azoren (explorer 04-2017), im eigenen VW-Bus Schweden, oder er besuchte die Bewohner eines Dorfes in Bangladesch. Bei einem Treffen mit Freunden in Vietnam, an einem bei Touristen beliebten Strand, folgte dann die Ernüchterung: „Ich stellte fest: ,Ich muss hier raus, ich will das Land und seine Bergdörfer kennen­lernen.’ Mit dem Motorrad.“ Dass er weder Erfahrung, geschweige denn einen Führerschein besitzt, war an dieser Stelle zweitrangig.
Hinter der Hausecke, außer Sichtweite des Vermieters, musste sich der Fahranfänger erst einmal mit der Maschine vertraut machen. „Was war doch gleich die Kupplung, und wie betätigt man die Bremse? Ich war plötzlich völlig überfordert und musste das erst einmal verarbeiten.“ Gut: Wolf entschied sich für den Suzuki Jimny unter den Motorrädern, eine Honda XR150.
Die kleine Enduro ist leicht (10 Kilogramm), sehr geländegängig und in Vietnam an jeder Straßenecke zu sehen. Mietpreis? Etwas 50 US-Dollar pro Tag. Auf das Heck der Honda ist eine knapp 40 Kilogramm schwere Tasche geschnallt und am Lenker die zehn Kilo schwere Kameratasche mit Gummibändern befestigt. So unvorbereitet diese Tour ist, so spärlich fällt das Gepäck aus: Christof Wolf bricht mit wenig Gepäck auf, nimmt keine Ersatz­teile mit, alles ist ein wenig improvisiert.
Hauptsache Schlafsack, Wechselkleidung und Fotoapparat sind dabei.

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Vor allem Kameraequipment ist auf die Honda geschnallt. Viel mehr Platz bleibt da nicht

In dieser Spärlichkeit sieht Wolf den Nachteil, mit einem Motorrad zu verreisen. „Auf meinen Touren mit dem VW-Bus hatte ich mehr dieses Gefühl von Sicherheit. Dort ist alles in Kisten verstaut, ich habe ausreichend Proviant dabei und überhaupt ist ein Camper ja annähernd so bequem ausgestattet wie eine zweite Wohnung. Das Reisen ist planbar.“ Auf der Enduro ist nun gerade einmal Platz für Schlafsack und zwei Müsliriegel, nicht aber für Zelt und Isomatte. Statt im eigenen Bett schläft Wolf in Unterkünften. „Das waren meist einfache Strohhütten, in denen zehn Matratzen aufgereiht waren. Nachts habe ich meine Taschen dicht neben meinen Schlafsack gelegt.“
Die Tagesetappen muss Christof Wolf so planen, dass er spätestens am frühen Abend die nächste Unterkunft erreicht. In der Dunkelheit noch eine Bleibe finden? Unmöglich. Besonders anstrengend wird das Fahren dann, wenn ihn die Müdigkeit überkommt, schließlich erfordert das Manövrieren des bepackten Zweirads eine deutlich höhere Konzentration.

Das Annähern

In den nächsten drei Wochen werden dem Abenteurer die Vor- und Nachteile des Reisens mit dem Motorrad vor Augen geführt: „Ich musste meine Taschen immer mit mir herumtragen, weil ich sie an der Maschine nicht abschließen konnte. Sobald sie dann aber auf dem Heck befestigt waren, habe ich mir dreimal überlegt, ob ich wirklich etwas daraus benötige. Schließlich musste ich dafür zuvor die Wasserflaschen lösen, die darauf gebunden waren. Es fehlte zeitweise an Komfort und Routine. An einem Tag stand ich beispielsweise in den Bergen und habe mir Videos angeschaut, in denen erklärt wird, wie man das Motorrad wieder zum Laufen bekommt. In den Höhenlagen wollte es einfach nicht anspringen!“
Doch die Honda bringt dem Fotografen auch das, was er hier oben in den Bergdörfern sucht: die Nähe zu den Menschen. „Die Vietnamesen sind sehr zweirad­affin. Sobald sie mich sahen, kamen sie freudig auf mich zugelaufen. So viel Aufmerksamkeit hätte ich mit einem Geländewagen ganz sicher nicht bekommen, zumal die Wege für Autos oft zu schmal waren.“
Vor allem aus dem Grund fiel die Entscheidung auf die Enduro. Mit ihr können anspruchsvollere Passagen zwischen den Bergdörfern bewältigt und zeitgleich ein engerer Kontakt zu den Einheimischen aufgebaut werden. So zeigt dem Reisenden eine Dame, wie sie ihre Linsen zubereitet, oder ein 72-Jähriger fordert zu einer Partie Schach auf – bisher hatte keiner im Dorf eine Chance gegen den alten Herrn. Das Motorrad wird zum Türöffner.

Häufig fehlt es an Komfort. Im Bus wäre alles, was er braucht. Das Reisen wäre planbar

Die Krise

Als komplett unerfahrener Motorradneuling bleibt Christof Wolf – vor allem abseits der Piste – nicht vor Stürzen verschont. Bei einem Sturz in den Bergen bricht sogar der Kupplungshebel ab und es dauert fünf Tage, bis eine Werkstatt gefunden ist, die den Schaden beheben kann. Bis dahin muss ein Stück Stoff um den kaputten Griff gewickelt, reichen, um die Hand vor Verletzungen zu schützen.

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Die Route führt Christof Wolf durch Bergdörfer, die teils nur mit schmalen Pfaden verbunden sind

„Eine Situation werde ich allerdings nie vergessen: Um das nächste Ziel zu erreichen, musste ich einen Berg hinauffahren, der an die sehr steilen Teeplantagen erinnert. Also nahm ich viel Anlauf, der Weg war gerade einmal so schmal wie ein Trampelpfad. Die Kuppe war jedoch so spitz, dass ich nicht um die Kurve schauen konnte, um zu sehen, was mich erwartet. Plötzlich drehte das Hinterrad auf dem schlammigen Untergrund durch und mir blieb nur die Wahl, entweder zu der einen Seite kippen – dann ginge es knapp 80 Meter hinab in die Tiefe – oder gen Bergseite lehnen, sodass das Motorrad auf mich kippt.“ Und so liegt er am Berghang, die Bremsen angezogen, das Bein unter der Honda eingeklemmt – die dann auch noch anfängt zu rutschen. Innerhalb weniger Sekunden schafft Wolf es, den Leerlauf einzulegen und das Zweirad langsam rückwärts den ganzen Weg wieder bergab zu schieben. „Nach 30 Minuten war ich unten, klitschnass geschwitzt und völlig fertig. Spätestens da war ich froh, dass ich mich doch nur für die kleine Maschine entschieden habe.“
Wenn der Fotograf eines während dieser Reise gelernt hat, dann, dass ein Motorrad weniger verzeiht. Seine Kraft, aber auch sein Gewicht haben großen Eindruck hinterlassen und Wolf gesteht sich ein, dass man im Umgang damit doch geübter sein sollte. Trotz dieser Erfahrungen, oder vielleicht gerade deshalb, kann er sich durchaus vorstellen, noch einmal auf zwei Rädern zu verreisen. „In Vietnam war die Enduro definitiv das bessere Transportmittel. Für die kälteren Regionen nehme ich dann aber doch lieber meinen Bus.“ Und träumt dabei eigentlich von einem Toyota Land Cruiser oder einem Land Rover Defender.

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In einem Bergdorf zeigt ihm eine ältere Dame, wie sie Linsen zubereitet

 

Die Liebe

„Obwohl ich zu Beginn so unsicher war, habe ich mich mit der Zeit mit der Honda vertraut gemacht. Ich lernte, mich in die Kurven zu legen, und warum das Fahren für viele so reizvoll ist.“ Aber diese Art zu Reisen lehrte ihn auch, dass alles direkter ist, die Wahrnehmung, die Nähe zu den Menschen und die Emotionen.
Mal ist Wolf tief verzweifelt und körperlich am Ende, weil er das Motorrad eine widerspenstige, schlammige Passage bergauf schieben muss. „Dann wiederum, spürt man jede Klimaveränderung, den Wind, der am Helm zieht, den feuchten Nebel und die wärmende Sonne. Ich riss die Hand in die Höhe und hatte Freudentränen in den Augen, einfach nur, weil das Fahren auf dieser Bergpassage so viel Spaß gemacht hat. All das hätte ich mit dem Geländewagen so nicht erlebt. Es war ein großes Abenteuer mit mit selbst.“

Die Honda bringt ihm das, was er sich von der Reise erhofft: die Nähe zu den Menschen

 


Motorradfahren in Vietnam

Offiziell ist in Vietnam laut des Auswärtigen Amtes zum Fahren ein internationaler Führerschein erforderlich. Bei einem vorübergehenden Aufenthalt ist er in Verbindung mit dem nationalen deutschen Führerschein gültig. Das Fahren von Motorrädern und Mopeds über 50 cm³ Hubraum ist mit ­einem Führerschein der Klasse B nicht erlaubt, in der Praxis sieht es häufig anders aus. Wer sich vor Ort ein Motorrad kaufen möchte, sollte auf die Blue Card bestehen. Sie ist ein Nachweis dafür, dass das Motorrad rechtmäßig erworben wurde. Bei manchen Händlern gibt es die Möglichkeit, zuvor eine Rückkaufgarantie für einen festgelegten Preis zu vereinbaren. Für kleinere Touren lohnt es sich, ein Motorrad zu mieten.

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Statt an den Strand zieht es Christof Wolf in die abgelegenen Gebiete. Hier lernt er die Menschen und ihre Traditionen kennen