Leser unterwegs in Griechenland – Besuch bei den Göttern

Von ihrer Griechenland-Tour im Herbst / Winter 2019 können Eileen und Alexander sagenumwobene Geschichten aus dem Land der Götter erzählen

Griechenland-Reise

Eileen Boos & Alexander Prekas

Mit einem Defender ein Jahr lang die antike Seiden­straße bereisen – das war seit vielen Jahren der Traum von Alexander Prekas. Gemeinsam mit seiner Freundin Eileen Boos kauft er sich im Oktober 2018 einen Land Rover Defender, um ein Jahr später in Richtung Osten loszufahren.

Alter: 25 & 27 Jahre
Wohnort: bei Kassel
Reiseregion: antike Seidenstraße
Reisedauer: 5 Monate
Reisestrecke: 11.704 Kilometer
Website: fremdelaenderimdefender.de

Griechenland-Reise

Land rover Defender 110 HT George

Baujahr: 2001
Motor: TD5, 122 PS
Verbrauch: circa 11 l/100 km
Aufbau: Selbstausbau
Schlafplätze: 2
Leergewicht: 1.850 kg
Gesamtgewicht: 2.800 kg reisefertig

 

Wahnsinn!“, staunt Eileen. Ich lasse meinen Blick nach unten schweifen. Wir stehen auf 1.900 Metern Höhe im Schnee und sind völlig außer Atem, doch der Weg hat sich gelohnt. Wir blicken auf ein atemberaubendes Panorama. Unter uns finden sich verschiedenstes Gestein und eine einzigartige Flora und Fauna wieder, die 1981 von der UNESCO zum Biosphärenreservat erklärt wurde. Weiter hinauf zur Spitze – zu den Göttern – können wir jetzt, im Februar, leider nicht. Mit seinen 2.918 Metern ist der Olymp nicht nur der sagenumwobene Sitz der antiken Götter, sondern auch der höchste Berg Griechenlands. Unser Aufstieg könnte für unsere bisherige Reise stehen: es gibt einige Hindernisse, aber die Mühe lohnt sich. Eigentlich sollten wir schon längst in Georgien sein. Ende Oktober sind wir gestartet, um den Spuren der antiken Seidenstraße zu folgen. So, wie es das Schicksal will, befinden wir uns jedoch bereits drei Monate im Land der Mythologie. Aber so ist das mit dem Reisen: Es kommt immer anders als geplant! Und seien wir mal ehrlich: Wo kann man besser feststecken als im sonnigen Griechenland über die Winter­monate? Aber alles der Reihe nach!

„Der Herbst ist eine optimale Reisezeit für Griechenland“

Sagenumwobene Natur

„Ist das eine Bettwanze?“, fragt mich Eileen. Wir befinden uns auf der Fähre von Venedig nach Patras. Ich habe zuvor noch keine gesehen, doch unser Handy lüftet das Rätsel. Das, was da auf der Couch, die wir auf Deck als Nachtlager auserkoren haben, munter vor sich hinkrabbelt, ist eine Bettwanze. Beim genaueren Hinsehen entdecken wir zwei weitere. Erst werden wir von der Crew ignoriert, doch an der Rezeption wird das Problem sehr ernst genommen und die Couch wird „professionell“ mittels Absperrband abgeriegelt. Die Überfahrt haben wir uns anders vorgestellt. Doch noch liegen zwölf der 35 Stunden Überfahrt vor uns. Als wir die griechische Halbinsel Peloponnes erreichen, sind wir heilfroh, dass wir unsere Schlaf­säcke bei 60 Grad in einer Wäscherei waschen können, um zu verhindern, dass es sich die Insekten in unserem Defender George bequem machen.
Es ist Mitte November und die Sonne scheint. Erst vor vier Tagen sind wir vor dem Schnee in Österreich geflohen und können nun tatsächlich mit George direkt am Meer stehen und uns in die Sonne legen. Was uns hier auffällt und sich später immer mehr bestätigt: Der Herbst ist eine optimale Reisezeit für Griechenland. Es gibt kaum Touristen und das Wetter ist immer noch sommerlich warm. Die nächsten drei Tage verbringen wir am Strand, schwimmen im Meer, liegen in der Sonne und essen genüsslich die erste Pita von vielen.

 

Griechenland
Mitten in Griechenland ragen Sandsteinfelsen empor. Auf ihnen befinden sich die Meteora-Klöster

 

Wir folgen der Westküste Peloponnes bis zu den Polylimnio-Wasserfällen. Besonders groß sind sie nicht, aber dafür bergen sie ein tragisches Schicksal. Hier soll ein Junge namens Panagos in dem winzigen See beim Spielen ertrunken sein. Zu fast jedem Naturspektakel wissen die Griechen eine Geschichte oder Sage zu erzählen, wodurch es einzigartig und besonders wird. Die Wasserfälle sind besonders in den Sommermonaten wegen der Abkühlung sehr beliebt. Obwohl das Wasser eiskalt ist, wagen wir einen Sprung hinein. Erfrischt setzen wir unsere Reise fort.

Wildes Land

Unser Weg führt uns über einen Stellplatz am Sandstrand in Finikounda mit wunderschönem Sonnenuntergang und über die kleine Küstenstadt Kalamata, die wegen ihrer schmackhaften Oliven weltberühmt geworden ist. Tags darauf erreichen wir Sparta. Die Geschichte der Spartaner unter König Leonidas, die in den Krieg gegen die Perser zogen, ist spätestens seit dem Kinofilm 300 beinahe jedem ein Begriff. Heute sind Ruinen alles, was vom einst so reichen Kriegervolk übriggeblieben ist. Als Highlight entpuppt sich der Weg dorthin. Wir haben uns gegen die neue Umgehungs­straße entschieden, und so führen uns Serpentinen über Berge und massive Schluchten, direkt durch eine atemberaubende Natur, die uns ein ganz anderes, wilderes Griechenland präsentiert. Abseits der Straßen hat Griechenland einiges zu bieten. Während unserer Suche nach einem zurückgelassenen Zug, der sich auf einer stillgelegten Bahnstrecke befindet, sind wir froh, dass George Allradantrieb hat. Unsere Navigation schickt uns plötzlich einen steinigen, stark abfallenden Weg hinunter. Solche unbefestigten und meist kurvigen Pfade finden sich oft neben den Straßen wieder und man ist erstaunt, wenn man auf einen Olivenbauer in seinem klapprigen Pickup trifft.
Fast ganz im Nordosten Peloponnes befindet sich die Ruine einer der bedeutendsten Städte des alten Griechenlands: Mykene. Sie ist der Grundstein einer ganzen Kultur, deren Einfluss bis weit nach Afrika gereicht hat. Die Ausgrabungen der alten Hügelgräber und der Stadtmauer mit ihren großen, massiven Steinen beeindrucken uns sehr und beweisen, wie viel architektonisches Geschick zur damaligen Zeit schon vorhanden war.

 

Griechenland
Auf dem Weg nach Sparta: gut, dass der Defender die max. Höhe nicht erreicht (o.) Der Kanal von Korinth trennt die Halbinsel Peleponnes vom griechischen Festland (u.)

Griechenland

Kurz darauf erreichen wir ein Bauwerk der Neuzeit: den Kanal von Korinth. Er verkürzt den Seeweg um 325 Kilometer, seine felsigen Seitenwände sind etwa 80 Meter hoch. Viele Schiffe passieren den Kanal heutzutage nicht mehr, da er gerade einmal 24 Meter breit ist. Wir haben jedoch Glück und sehen eines der durchschnittlich 30 Schiffe, die diese Abkürzung noch täglich ­passieren.

„Abseits der Straßen hat Griechenland einiges zu bieten“

Die nächsten Tage verbringen wir bei meinen Großeltern, die ihr Haus in ­einem Stadtteil Athens haben, und lassen uns nach einem Monat Reisen mit einer warmen Mahlzeit und einer heißen Dusche ordentlich verwöhnen. Obwohl ich Athen schon öfter besucht habe, freue ich mich, Eileen die Sehenswürdigkeiten zu zeigen und mit ihr auch für mich neue Ecken zu entdecken. Nach sieben Tagen fahren wir von Piräus aus, dem Hafen von Athen, auf die kleine, idyllische Insel Ägina. Sie liegt kurz vor Athen und ist bekannt für ihre schmackhaften Pistazien. Die kleine Hauptstadt Äginas war 1828 sogar die Hauptstadt des neuen freien Griechenlands. Die Insel hat kaum Touristen, bietet eine schöne, beinahe unberührte Natur und klare Buchten. Es ist Ende November und das Thermometer zeigt 22 Grad Celsius an. Wir verbringen acht Tage hier und kommen zur Ruhe vom ständigen Fahren.

Ungeplante Pause

Mit neuer Energie wollen wir uns auf den Weg nach Delphi machen und das griechische Festland erkunden, doch George macht uns einen Strich durch die Rechnung. Wir sind gerade 20 Minuten von Athen entfernt, als die Temperaturanzeige aufleuchtet. Sie steigt in den roten Bereich, fällt jedoch direkt wieder ab, wenn ich den Fuß vom Gas nehme. Beim Blick in den Motorraum fällt auf, dass das Kühlwasser komplett aus dem Ausgleichsbehälter verschwunden ist. Wir füllen ihn erst mal mit Wasser auf und kehren kurzerhand um. Am nächsten Tag stehen wir in einer Werkstatt, die sich auf Defender spezialisiert hat. „Es kann an der Zylinderkopfdichtung liegen“, verrät uns der Besitzer in gutem Englisch. Englisch hat hier fast jeder in der Schule gelernt. „Fahrt einige Kilometer und beobachtet den Wasserstand genau.“ Also brechen wir erneut nach Delphi auf, mit dem Plan, danach wieder nach Athen, zur Werkstatt, zurückzukehren.

 

Griechenland
Der Olymp ist das höchste Gebirge Griechenlands

 

Von dem berüchtigtem Orakel von Delphi hat sicherlich schon jeder etwas gehört. Hier haben sich die Könige des alten Griechenlands Weissagungen über die Zukunft geben lassen. Wir besichtigen die alte Tempelanlage und Eileen fragt das Orakel nach dem Verlauf unserer Reise. „Das Schicksal ist besiegelt. Vertraut auf das Schicksal“, antworte ich hinter dem Stein in einer mysteriösen Stimme. Was das wohl für unsere Reise heißen mag?
Fleißig kontrollieren wir immer wieder das Kühlwasser. Nach einer Strecke von 500 Kilometern haben wir einen Verlust von einem halben Liter. Doch mit einem weiteren Test wird es vorerst nichts – es ist der 23. Dezember und die Feiertage stehen an. Also feiern wir ein schönes Weihnachtsfest und Neujahr in Athen im Kreise der Familie.
Bis zum 29. Januar harren wir aus, bis wir endlich einen Termin in der Werkstatt bekommen. Wir lassen George für mehrere Tage dort stehen, während der Zylinderblock überprüft wird. Dann folgt die schlechte Nachricht: Es liegt doch nicht an der Dichtung, sondern an einem Riss im Zylinderkopf. Ein Problem, das einige TD5-Defender mit hoher Laufleistung haben. Wenn wir unser Abenteuer fortsetzen möchten, bleibt uns nichts anderes übrig, als den Kopf mit einem Teil unseres eng bemessenen Reisebudgets wechseln zu lassen.

 

Griechenland
Das Heiligtum der Aphaia befindet sich auf der griechischen Insel Ägina

 

Ende Februar, nachdem wir ganze 80 Tage in Athen ausgeharrt haben, ist es dann endlich so weit. Mit einem „Kalo Taxidi!“, zu Deutsch „Gute Reise!“, werden wir von Oma und Opa herzlich verabschiedet und unser Weg führt uns ohne Umwege nach Meteora. Auf hohen, ausgewaschenen Felsen thronen alte Klöster. Bei Regen schweben diese inmitten eines Nebelmeers. Das Gebiet, in dem sich insgesamt 24 Klöster befinden, von denen man noch sechs besuchen kann, strahlt eine ganz eigene, fast magische Atmosphäre aus. Wir besuchen drei Klöster, verbringen zwei Tage auf einem schönen Schlafplatz in den Bergen und fahren anschließend zu unserem letzten Ziel in Griechenland, dem Olymp.
Hier stehen wir nun am Anfang des Artikels auf 1.900 Metern. Wir ahnen noch nicht, dass unsere Reise bereits in vier Wochen zu Ende sein soll. Ob das „Orakel“ uns wohl dies prophezeit hat? Hier und jetzt ist uns aber klar: Griechenland ist ein großartiges Reiseland, das viel zu bieten hat – eine sagenumwobene Geschichte, wunderschöne Natur, abenteuerliche Pisten, gastfreundliche Menschen und Platz für viele einzigartige Erlebnisse. Obwohl es anders geplant war, sind wir froh, dass wir das Land so intensiv kennenlernen durften. Sollten wir wieder in Griechenland unterwegs sein, werden wir definitiv zu einem Besuch bei den Göttern ganz nach oben auf die Spitze des Olymps klettern.