Leser unterwegs: Nord-Finnland

Martin Krapohl ist Physiotherapeut, Outdoor-Enthusiast und gerne mit der Kamera unterwegs. Im Mai 2018 brach er auf und umrundete in fünf Monaten die Ostsee. Besonders gut gefallen hat ihm dabei der Norden Finnlands.

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Der Mensch ist die Summe seiner Erlebnisse.“ Dieses Zitat des Schriftstellers Henry Jaeger geht mir durch den Kopf, als ich über die Grenze von Norwegen nach Finnland fahre. Es ist Anfang August im Norden Skandinaviens. Ich befinde mich etwas mehr als 300 Kilometer oberhalb des Polar­kreises, dunkel wird es seit ein paar Wochen schon nicht mehr. Etwas mehr als zwei Monate bin ich nun unterwegs und habe mir meinen Weg nach hier oben gebahnt. Habe Dänemark, Schweden und jetzt auch Norwegen hinter mir gelassen. Ein wunderbares Abenteuer mit unzähligen Erlebnissen und ­Begegnungen, sei es mit Menschen, Rentieren oder Orten, die mich in dieser letzten Wildnis Europas in ihren Bann gezogen haben. Und das in einem Jahrhundertsommer.

Auf der Etappe, von der ich hier berichte, bin ich nicht alleine. Etwa eine Woche zuvor holte ich meine Eltern am Flughafen Tromsø im Norden Norwegens ab, um mit ihnen einen Teil der Reise zusammen zu bestreiten. Unser Ziel ist Finnisch-Lappland. Manfred, ein Reisender, den ich vor ein paar Wochen in der Einöde von Gotland traf, legte mir diese Region besonders ans Herz: „Finnisch-Lappland ist der schönste Teil von Lappland. Da musst du unbedingt hin“, brummelte er vor sich her während er meinen Coleman- Benzinkocher, der Tage zuvor seinen Dienst quittiert hatte und mir fast um die Ohren geflogen war, reparierte.

 

Martin Krapohl

Alter: 33 Jahre

Wohnort: Frauenfeld, Schweiz

Reiseländer: Skandinavien und das Baltikum

Reisedauer: 5 Monate

Reisestrecke: circa 18.000 Kilometer

Sommer 2018, Finnland

 

Land Rover Discovery 4

Baujahr: 2011

Motor: 3,0 l, 256 PS

Verbauch: 9 l/100 km, Diesel

Aufbau: Eurokisten und Darche-Dachzelt

Schlafplätze: 2

Leergewicht: 2.557 kg

Gesamtgewicht: reisefertig ca. 2.800 kg

 

Nun also liegt dieser so hoch gelobte Landstrich vor der Motorhaube, nach 7.000 Reisekilometern geht es vom norwegischen Karasjok in Richtung ­finnische Grenze. Und seit gestern regnet es in Strömen. Das Dachzelt ist durchnässt, das Frühstück wird kurz, bei zehn Grad Außentemperatur hoffen alle auf besseres Wetter weiter östlich. Der Grenzübergang zeigt sich wenig spektakulär. Lediglich zwei Schilder, rechts und links von der Straße, begrüßen uns mit den Worten „Finnland, Suomi“. Wir fahren weiter. Ab und an zeigt sich ein vereinzeltes kleines Holzhaus in der typischen Bauweise wie man sie aus Skandinavien kennt. Definitiv ist hier die Farbe Grau mehr gefragt als das typische Ochsenblutrot.

„Tanken ist gut, denke ich mir. Wer weiß, wann sich die nächste Option bietet.“

Die Straße führt an unzähligen kleinen Seen vorbei, bald erreichen wir eine kleine Siedlung. Eine Handvoll Häuser und eine Tankstelle zeigen sich auf der rechten Seite der Straße. „Tanken ist gut“, denke ich mir. Wer weiß, wann die nächste Möglichkeit für so etwas Essentielles hier oben kommt. Wir halten neben einer der beiden Säulen. Im Hintergrund ein großer, runder Tank der aussieht, als hätte man einen Tanklader ­ohne Lkw dort abgestellt. Ich schnappe mir die Zapfpistole der roten Säule mit der Aufschrift „Diesel“. Ihr matter, teils schon abgebröckelter Lack erinnert mich daran, wie ­extrem die Witterung hier im Winter sein muss. Während der Tank des Discos sich füllt, beobachte ich die Umgebung. So viel Ruhe! So ein Unterschied zu den Tankstellen der Heimat, die mit ihren blauen und roten Leuchtreklamen die Nacht erhellen – und in ihrem Inneren mehr Supermarkt sind als Spritstation. So empfinde ich hier, in der Einsamkeit, sogar diesen eigentlich ganz alltäg­lichen Vorgang als spannende ­Reise-­Erfahrung.

Außer unserem Wagen steht nur noch ein weiteres Auto auf dem Parkplatz neben dem kleinen Kassenhaus, Menschen sehe ich keine. Ein großes Plakat hängt neben dem Eingang. Ich versuche, aus der scheinbar willkürlichen Aneinanderreihung von Worten, deren Ziel es anscheinend ist, möglichst viele Äs, Ös, Is und Üs zu vereinen, einen Sinn zu erschließen. Erfolglos! Nachdem ich auch meinen Ersatz­kanister gefüllt habe – man weiß hier oben ja nie – gehen wir zum Bezahlen.

Der kleine Laden ist ein wahres ­Erlebnis. Links neben dem Eingangsbereich steht Angel­-Equipment jeglicher Art, daneben zwei Kühlschränke, rechts finden sich gekühlte Getränke. Der linke Kühlschrank zieht meine Aufmerksamkeit auf sich: getrocknetes Rentierfleisch, hausgemachte Würste und ein paar nicht klar definierbare, eingeschweißte andere Dinge. Der Kassierer, gleichzeitig auch Koch, Automechaniker und Hotelier, trägt eine alte, braune Kochschürze über seiner Jagdkleidung in verwaschenem Camouflage. Hinter ihm an der Wand stehen einige Jagdflinten, mal in Holz-, mal in Flecktarnoptik. Wir packen etwas von dem vermutlich selbst erlegten Rentierfleisch ein, zahlen – wie im Norden üblich – mit Kreditkarte und verlassen den Laden. Kurze Verwirrung noch beim Weg vor die Tür: Neben der Kasse gibt es einen Zapfhahn. Also kommt zum Jobportfolio des Tankwarts auch noch der Kneipier dazu.

 

Bier, Gitarre, Hütte. Drei Zutaten für eine perfekte Sommernacht

 

Zurück im Auto, planen wir unser weiteres Vorgehen. Die Entscheidung fällt, der Straße 92 in Richtung der Gemeinde Inari zu folgen, um von dort aus den Lemmen­joki Nationalpark zu erkunden. Dieser hat mehr Fläche als Luxemburg und ist damit der größte Nationalpark Finnlands. Über 60 Kilometer Wanderwege gibt es dort, er ist die Heimat von Braunbären, Elchen und über 7.500 Rentieren.

Erschöpft von den beiden letzten stürmisch-regnerischen Tagen, wollen wir heute nicht zu lange fahren. Ohnehin darf man den Kilometer- und Zeitangaben des Navis hier oben nicht trauen. Meistens ist die Reise­geschwindigkeit auf den endlosen, leeren Straßen des Nordens deutlich langsamer als die in Finnland erlaubten Stundenkilometer. Außerdem wollen wir so viele Eindrücke wie möglich von der Umgebung in uns aufnehmen. Die nächsten 100 Kilometer Fahr­strecke verhält es sich genauso. Immer wieder kreuzen einzelne Rentiere und kleinere Herden, die aus den schier endlosen Wäldern rechts und links von der Straße auftauchen, unseren Weg. Die Straße wirkt wie ein nicht enden wollendes Geradeaus. Kaum ein anderes Auto ist zu sehen.

 

Bis zum Horizont geradeaus: Die Einsamkeit im Norden Finnlands wird nur hin und wieder von einem Rentier unterbrochen, Menschen leben hier nur wenige

 

Knapp vier Stunden später erreichen wir den Nationalpark. Wir verlassen die Hauptstraße und fahren einige Kilometer ­hinein ins ewig grüne Nirgendwo. Begleitet von Fichten und Birken, bringt uns die alte Schotterstraße immer tiefer in das Herz des Parks. Kaum vorstellbar, dass hier irgendwo ein Camp sein soll: In Inari leben zwar über 6.000 Menschen, die verteilen sich aber auf eine Fläche von 17.300 Quadratkilometern.  In der Unterkunft von Ahkun Tupa angekommen, entscheiden wir, da Wetter, Dachzelt und unsere Laune gerade nicht harmonieren, eine der kleinen rustikalen Holz­hütten zu mieten. Natürlich mit Sauna. Das Camp wird von einem Sami-Ehepaar geführt, sogar ein kleines Restaurant mit regionalen Speisen gibt es. Da wir mittlerweile spätestens Nachmittag oder frühen Abend haben, je nachdem wie man es in Anbetracht der ständigen Helligkeit sehen möchte, planen wir auf der Veranda unser weiteres Programm. Die dicke Wolkendecke über uns bricht immer stärker auf. Ein paar Sonnen­strahlen kämpfen sich schon durch. Während meine Eltern einen kurzen Spaziergang machen, um die neue Umgebung zu erkunden, heize ich die Sauna ein. Eine knappe Stunde später treffen wir uns im Restaurant. Nach einer hausgemachten Rentiersuppe ist ausgiebiges Saunieren angesagt, um auch die restliche Kälte der letzten Nächte zu ­vertreiben.

Der Kassierer, der wohl auch Koch, Automechaniker und Hotelier ist, trägt eine Kochschürze

Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffne, lockt der immerwährende Tag mit reichlich Sonnenschein. Aufstehen, anziehen und ab zum Auto: das Zelt zum Trocknen aufklappen. Meine  alte, braune Bialetti-Espressokanne mit dem vom letzten Lagerfeuer angeschmolzenen Griff wird rausgekramt, dazu sämtliches Frühstücks-­Equipment aus den paar Euro­kisten, die mein derzeitiges gesamtes Hab und Gut beheimaten. So kann der Tag starten!

 

Im Sommer wird es nördlich des Polarkreises nie wirklich dunkel. Da kann man auch noch in der Nacht eine Kirche besuchen gehen

 

Zwei Stunden später stehen wir mit Rucksack, Kamera und Fernglas bewaffnet am Steg des Camps. Die am Vorabend beschlossene Bootstour mit dem Chef des Camps zum größten Wasserfall des Lemmenjoens startet. Die endlose Weite der Wildnis Finnisch-Lapplands wird uns nun erst richtig bewusst. Begleitet vom Brummen des 4-Takt-Außenborders gleiten wir schweigend in unserem tiefroten Holzboot über den Fluss. Immer wieder passieren wir gleitend, mit hochgeklapptem Motor, Untiefen im Lemmenjoen. Das Wasser ist so flach, dass wir mit dem Rumpf aufsetzen. Unser Fahrer scheint jeden Zentimeter des Gewässers zu kennen und bringt uns sicher an unser Ziel. Wir wandern durch die unendlich grüne Landschaft zum Wasserfall, machen Fotos und filmen. Der Geruch von nassem  Waldboden und Holz liegt überall in der Luft. Der Geruch des Fichtenharzes und der Birkenblätter nach einem regnerischen Tag, wenn die Sonne beginnt, die Erde zu trocken. Er erinnert mich an meine ­Kindheit. Der Duft der Föhren im Sommer: Dafür alleine hat sich die Reise schon gelohnt.

Die endlose Weite Finnisch- Lapplands wird uns erst hier richtig bewusst.

Ein paar Stunden später sind wir wieder im Camp. Wir bleiben noch über Nacht in unserer Hütte. Am nächsten Morgen geht es weiter in Richtung ­Kittilä. Von dort wollen wir nach Rovaniemi, der Hauptstadt Lapplands, dann weiter zur alten Holzkirche von Tervola, bevor es für mich in ein paar Wochen noch tiefer nach Finnland geht, um mich mit einem traditionellen Puukko- Schmied zu treffen. Aber das ist eine andere Geschichte. 

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