Regelmäßig werden wir persönlich auf Veranstaltungen oder via Email auf unsere rollende Redaktion angesprochen. „Wer hat’s erfunden?“, „Wer hat’s gebaut?“, „Wie funktioniert es?“. Hier wollen wir Interessierten ein paar Antworten zu unserem Redaktions-Lkw geben, einem Steyr 12M18 Expeditionsfahrzeug mit selbstgebauter Kabine.

Das Augenfälligste zuerst. Eigentlich ist „UMa“ (Sternzeichen Großer Bär/ Großer Wagen) zwei Autos. Der Hubdach-Koffer, den der Steyr 12M18 trägt, wurde eigentlich für „HeraLT“, einen VW LT 40 4×4 konstruiert und gebaut. Mit 3,15 Meter Kabinenlänge wurde der maximal zulässige Überhang hinter dem Doppelkabinen-Fahrerhaus ausgenutzt, auf dem Lkw wirkt die Box jetzt ein ganzes Stück filigraner.

Die Kabine.

Für den Aufbau des LT im Frühjahr 2013 gab es einige wenige, aber doch zwingende Vorgaben. So sollte das gesamte Fahrzeug, reisefertig gepackt, maximal 4 Tonnen wiegen. Zeitgleich musste der Wohnraum aber über ein festes Doppelbett, eine feste Sitzgruppe für vier, Nasszelle und Pantryblock verfügen – auf 3,1 Meter Grundlänge innen nicht ohne weiteres umsetzbar. So wurde übereinandergestapelt, das Bett wanderte über WC-Raum und Küche, ist über gestuft montierte, als Leiter nutzbare Möbel erreichbar. Das Hubdach hebt sich um 80 Zentimeter an und verdeckt während der Fahrt alle Fenster– als Wohnmobil ist das Fahrzeug jetzt nur noch auf dem zweiten Blick auszumachen.

Um möglichst stabil und leicht zu bauen, wurden die Wände in Eigenarbeit laminiert, statt vorgefertigte Platten zu kaufen. Ein Sandwich aus Glasgelegen und Epoxid in den Außenlagen und einem Kern aus PVC-Schaum wurde unter Vakuum laminiert – Technik aus dem Bootsbau. So konnte trotz 50mm Wandstärke ein Flächen-Gewicht von unter 6 Kilogramm pro Quadratmeter umgesetzt werden, bei gleichzeitig höherer Festigkeit.

Das Hubdach.

Das Schuhkarton-Prinzip wird von Expeditionsmobil-Herstellern immer wieder gern genutzt, um im Obergeschoss eine große Schlaffläche zu generieren. Das ist auch bei „UMa“ der einzige Zweck, bei abgesenktem Dach ist das Erdgeschoss voll nutzbar – die Sitzgruppe stünde dann als Schlafplatz für zwei zur Verfügung.

Angehoben wird das etwa 110 Kilogramm schwere Dach-Element von einem hydraulischen Linearantrieb, der gleichzeitig vier Zylinder mit derselben Menge Öl versorgt. Ein elektrischer Motor bewegt den Antrieb stufenlos, in 20 Sekunden ist das Dach ausgefahren. Sollte der Elektromotor ausfallen, lässt sich das System per Handkurbel bedienen. Auch im hochgefahrenen Zustand ist das Dach voll begehbar, um zum Beispiel das Solarmodul aufzustellen oder das auf dem Dach fixierte Surfmaterial abzuladen. Die Abdichtung des konstruktionell notwendigen Spalts zwischen Deckel und Kabinenwand erfolgt mittels einer Bürstendichtung. Zusammen mit einer 20 Zentimeter hohen Überlappung beider Teile im maximal ausgefahrenen Zustand ist erst bei Starkwind ein leichter Luftaustausch spürbar. Abgesenkt, liegt das Dach auf einem Gummistreifen auf und dichtet damit hermetisch ab.

Der Innenraum.

Wie die Außenhaut besteht auch der Innenraum komplett aus Sandwichmaterial. Eine einseitige mattweiße Gelcoat-Oberfläche erlaubt eine leichte Reinigung und sorgt für ein helles Erscheinungsbild. Die Möbelklappen und der Esstisch haben stattdessen ein Furnier aus Olivenholz und eine matte Lackierung erhalten. Der Stauraum ist für eine Drei-Meter-Kabine entsprechend knapp, die Nasszelle gegenüber der Eingangstür dient gleichzeitig als Kleiderschrank – eine Duschmöglichkeit im Innenraum war anfangs vorgesehen, ist aber mittlerweile einem festen Schrankeinbau gewichen.

Die Technik.

Nahezu alle Einbauten haben sich auf mittlerweile 70.000 Reisekilometern bewährt, nur das Kochfeld wurde ersetzt und die Batteriekapazität dank neuer Zulademöglichkeiten erweitert. Die Stromversorgung ist auf 12 Volt ausgelegt – der Volkswagen war hier die Referenz für den Aufbau, heute wäre für den Steyr 12M18 eine 24-Volt-Technik sinnvoller. Im Rahmen des Lkw sitzt ein 260 Amperestunden starker AGM-Akku, der bei guter Witterung ausschließlich über ein aufstellbares 130-Watt-Solarmodul geladen wird. Bei schlechtem Wetter oder hohem Verbrauch kann ein 24-12-Volt-Wandler, der das Fahrerhaus mit 12 Volt für Radio und Kleinverbaucher versorgt, als Ladegerät mit bis zu 20 Ampere Ladestrom zugeschaltet werden. Die Beleuchtung basiert auf LED (Philippi-Leselampen, Rest Baumarkt), größter Dauer-Verbraucher ist der 85 Liter große Kompressorkühlschrank. Für längere Reisen wird die Kühlkapazität mit einer kleinen Box im Fahrerhaus ergänzt. 230 Volt werden über einen 1200 Watt starken Sinus-Inverter bereitgestellt. Gekocht und geheizt wird mit Gas (Kombi-Therme), ein Flaschenkasten am Fahrzeugrahmen nimmt drei Flaschen auf.

Die Basis.

Nach 35.000 Kilometern zwischen Argentinien und Peru hat sich der VW LT 40 4×4 als zwar extrem geländetaugliches, aber technisch unzuverlässiges und anfälliges Auto erwiesen – 4,2 Tonnen Reisegewicht mit Crew und Proviant schienen für das Transporter-Chassis zu viel. So fiel die Suche nach einem Ersatz im Frühsommer 2013 auf den Steyr 12M18. Der Grund dafür war eine Übereinstimmung mit den meisten aufgestellten Suchkriterien: Turbomotor, permanenter Allrad, drei Achssperren, großes Fahrerhaus, kurzer Radstand, Einzelbereifung. Der Wunsch nach einem sorgenfreien Betrieb mit weniger als 7,5 Tonnen Gesamtgewicht verbot die Wahl eines Fahrzeuges mit Rotzler-Hydraulik-Winde, dafür wurde im Heck an selber Position eine elektrische Winsch installiert. Der Hilfsrahmen des LT wurde auf den Steyr 12M18 übernommen und nur angepasst, eine einfache Federlagerung erfüllt ihren Zweck bislang ausreichend. Durch die kurze Box können Ersatzräder, Fahrräder oder Motorrad direkt auf dem Hauptrahmen stehen, das Fahrzeug endet ohne nennenswerten Überhang direkt hinter den Befestigungen der Hinterachs-Parabelfedern. Reisefertig aufgefüllt und mit zwei kompletten Ersatzrädern bestückt, wiegt „UMa“ nun sieben Tonnen. Der Dachträger über dem Fahrerhaus besteht aus Aluminium.

Das leistungsfähige Fahrgestell des Steyr 12M18 Expeditionsfahrzeug und die leichte, kompakte Kabine haben ein Fahrzeug ergeben, dass unserem persönlichen Ideal eines Fernreise-Lkw sehr nahe kommt. Nur sechs Meter kurz, nicht zu schwer, im Gelände schwer zu überfordern. Als Problemstelle hat sich bislang nur die nach innen öffnende Tür erwiesen. Sie war einfacher umzusetzen als eine zweiteilige Konstruktion, die nach außen öffnet, bei Starkregen kann nun aber zwischen die Dichtung laufendes Regenwasser in den Wohnraum eindringen. Dass Windkraft in der Lage ist, das Hubdach-Element anzuheben, war nicht zu erwarten, eine Seilsicherung schützt nun davor, obdachlos zu werden. Und wie an jedem Selbstbau üblich, ist die Liste an kleinen Verbesserungen noch lang…

EXPLORER - Herbst 2015
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