Die Berliner Autohaus-Besitzerin, Rallyepilotin und Weltreisende gehörte zu den außergewöhnlichsten Persönlichkeiten der Szene. Nun ist sie im Alter von 81 Jahren in ihrer Heimat Berlin verstorben

Ungebremst leben – das war nicht nur der Titel ihres Buches, sondern auch ganz offensichtliches Lebensmotto von Heidi Hetzer. Nach einem Leben mit und für ihr Berliner Opel-Autohaus entdeckte die gebürtige Berlinerin erst spät, dass man mit einem Auto auch noch mehr machen kann, als erfolgreich Rallyes zu absolvieren. Ihrem Vorbild Clärenore Stillens folgend, setzte sich Hetzer noch im Alter  von 77 Jahren hinter das Steuer eines Hudson Great Eight und fuhr mit “Hudo” um die Welt. Doch damit nicht genug: erst im vergangenen Dezember startete die mittlerweile 80-jährige zu einer neuen Tour, diesmal sollte es im Buschtaxi durch Afrika gehen – Anfang April erreichte Hetzer hinter dem Steuer ihres pinken Land Cruiser nach knapp sechs Reisemonaten Kapstadt über die Ostafrika-Route.

Und Sie schien Feuer gefangen zu haben: bereits für den kommende Herbst gab es konkrete neue Reisepläne. Doch die “Pink Lady” wird vergeblich in Kapstadt auf Ihre Besitzerin warten, vermutlich am Ostersonntag ging Heidi Hetzer mit 81 Jahren aus ihrer Berliner Wohnung auf eine letzte Reise. Gute Fahrt, Heidi.

 

Im Herbst 2018 traf unsere Autorin Carola Felchner zusammen mit Fotograf Sönke Heinrichs Heidi Hetzer zum Interview in der Hauptstadt. Beide kamen schwer beeindruckt vom Termin zurück, erlebten eine sehr besondere, offenherzige Person. Das Interview drucken wir im folgenden ab.

Eine Weltreise machen die meisten nach dem Studium. Wenn überhaupt. Heidi Hetzer brach mit 77 Jahren auf, um die Erde zu umrunden. Auf den Spuren ihres Vorbilds Clärenore ­Stinnes und mit Hudo, einem US-Oldtimer, entdeckte die Rallyefahrerin und ehemalige Autowerkstatt-­Besitzerin rund zweieinhalb Jahre lang die Welt. Sie hat ein Buch darüber geschrieben – und will gleich wieder los. Diesmal in einem neueren Wagen. Warum? Das verrät sie im Interview mit dem EXPLORER.

Frau Hetzer, was bedeutet Reisen für Sie?

Heidi Hetzer: Dass man weg ist und wegbleibt. Zwischendurch nach Hause zurückkommen, um sich zu erholen und Wäsche zu wechseln, das ist für mich kein Reisen. 

Sie waren rund zweieinhalb Jahre unterwegs. An was sollte man auf oder vor einer solchen Reise denken?

Das kann man pauschal nicht sagen. Denn auch, wenn man alles noch so gut plant, weiß man nie, was dann tatsächlich passiert. Visa, Dokumente – das hat meistens nicht so geklappt wie geplant. Und obwohl ich mich gegen nichts habe impfen lassen, bin ich nie krank geworden. Der Ansatz war vielleicht etwas naiv, aber ich denke, man sollte entspannt bleiben und die Dinge passieren lassen.

Sind Sie schon mit dem Vorhaben auf Weltreise gegangen, ein Buch aus Ihren Erfahrungen zu machen?

Gar nicht. Ich habe mich lustig gemacht über die Menschen, die eigentlich nichts zu sagen haben und gleich, wenn sie ein bisschen einen Namen haben, ein Buch schreiben und eine Platte aufnehmen. Meine Tochter hat aber immer wieder nachgehakt und gesagt, sie braucht das Buch für die Enkel, sie können sich das nicht alles merken – darum habe ich es dann doch gemacht.

Haben Ihre Kinder Sie darin bestärkt auf Reisen zu gehen?

Sie waren der Grund dafür, dass ich überhaupt auf die Idee gekommen bin. Für meinen Betrieb hatte ich keine Nachfolgeregelung. Von meinen Kindern wollte keines das Autohaus übernehmen. Als ich 75 war, habe ich die Firma verpachtet, damit meine Mitarbeiter nicht ohne Arbeitsplatz dastehen, wenn ich mal umkippe. Meine Kinder haben dann gesagt: „Mama, du stirbst, wenn du nicht mehr arbeitest, was willst du tun?“ Und weil ich ja nur Autofahren kann, kam ich auf die Idee, um die Welt zu fahren wie Clärenore Stinnes. Sie war der erste Mensch, der das gemacht hat, von 1927 bis 1929. Dass ich das möchte, habe ich öffentlich gesagt und die Presse hat daraufhin nachgehakt, wann es denn nun losgeht – ich kam aus der Nummer nicht mehr raus. So einen Druck braucht man manchmal auch, um den inneren Schweinehund zu überwinden. Es war aber genau richtig, dass ich da so reingeschlittert bin.

Mit 77 Jahren brach Heidi Hetzer auf, um die Erde zu umrunden. Zwei Jahre und sieben Monate, von ­August 2014 bis März 2017, ist sie unterwegs. Rund 84.000 Kilometer legt sie in dieser Zeit zurück. Mit ­Hudo, einem Hudson Great Eight Coach aus dem Jahr 1930. Ihre Oldtimer-Tour führte sie von Europa nach Asien, Australien, Neuseeland, Nord- und Südamerika, das südliche Afrika und wieder zurück nach Europa. Teils reiste sie in Begleitung. Meistens aber allein.

Inwiefern war es für Sie richtig, auf diese Reise zu gehen?

Es hat mir viel gebracht, ich bin ein bisschen ein anderer Mensch geworden: anspruchsloser. Diesen ganzen Luxus, den braucht man nicht, er macht nicht glücklich. Er ist schön zu haben, aber auch eine Belastung. Durch die Reise bin ich innerlich größer geworden.

Wie äußert sich das?

Ich bin gestärkt, nicht mehr so unsicher. Ich bin erleichtert, dass ich nicht mehr davon abhängig bin, was die Leute von mir denken und über mich sagen. Ich lebe nicht mehr für die anderen. Natürlich freue ich mich trotzdem darüber, wenn die Leute nett sind. Und auch ich kann versuchen, auf andere gut zu wirken und zu vermitteln: „Es geht leichter, besser, wenn du freundlich bist. Auch, wenn du dich eigentlich ärgerst.“

Gab es unterwegs Situationen, in denen Sie gemerkt haben, dass Sie mit Freundlichkeit besser vorankommen?

Natürlich. Ständig. Überall. An der Grenze zum Beispiel. Das hat teilweise sehr lange gedauert, aber ich war freundlich. Vermutlich deshalb musste ich nie mein Auto ausräumen, hatte nie einen Strafzettel. Im Gegenteil: ich habe der Polizei meine Autogrammkarte gegeben und sie wollten alles über Hudo wissen. Alle waren freundlich, jeder hat mich eingeladen. Zu über 50 Prozent habe ich bei den Leuten privat geschlafen. Natürlich war das Auto der Türöffner. Aber wenn man nett ist, möchten die Menschen mehr von einem wissen. So war ich ein Berlin-Botschafter, ob ich wollte oder nicht. Das hat Spaß gemacht und mich zufrieden.

Heidi Hetzers Mobiltelefon klingelt. Es ist Heiko Glander, ihr Begleiter für die nächste große Tour, die noch im November startet und durch Afrika gehen soll. Sie sind in einer halben Stunde verabredet, um sich bei der Botschaft das Visum für den Sudan zu holen. Heidi Hetzer wirkt routiniert, sie fragt: „Heiko, hast du deine Passbilder? Du kannst ja schon reingehen. Aber du musst bei ,Konsulat‘ klingeln, nicht bei ,Botschaft‘.“ Immer wieder winkt sie während des Gesprächs
Menschen zu, die durch den Speise­saal des Hotels in Berlin Moabit gehen, wo sie am Vortag ihr Buch vorgestellt hat: 1.500 Besucher waren da, sagt sie.

Sie haben anscheinend viele Fans hier – warum möchten Sie trotzdem wieder weg?

Weil mir das Wetter nach meiner Rückkehr letztes Jahr hier zu schlecht war. Das Wetter spielt eine große Rolle. Die Menschen sind freundlicher, wenn die Sonne scheint, wie es dieses Jahr der Fall war.

Ein interessanter Grund. Deshalb die Route durch Afrika?

Nein, ich wollte da nochmal hin, weil ich auf der Weltreise nur in Südafrika und Namibia war. Das ist ja nicht Afrika, Kapstadt ist moderner als manche Stadt hier. Ich habe von dem Kontinent noch nicht genug gesehen. All die Tiere, das finde ich interessant. 

Wie haben Sie die Route geplant?

Das hat mein Begleiter übernommen. Heiko ­Glander reist schon sein Leben lang um die Welt und kennt sich aus. Ich habe nur gesagt, ich möchte nach Afrika. Ganz Afrika. Wir wollen zuerst nach Ägypten, dann weiter in den Sudan, nach Eritrea, Äthiopien … Allerdings hat er eine Frau – und die möchte natürlich, dass er ab und zu mal nach Hause kommt. Darum will er mich nur bis nach Kenia begleiten. Ich weiß noch nicht, was ich dann mache. Einen Monat könnte ich warten, zwei Monate sind mir aber zu viel. Da fahre ich wohl lieber alleine weiter.

Alleine zu fahren sind Sie ja schon gewohnt …

Eben. Nur diesmal wird es etwas mehr ans Ein­gemachte gehen. Ich möchte ins Inland, was ich das letzte Mal nicht konnte, weil ich keinen Geländewagen hatte. Jetzt habe ich einen. Beim Toyota wird auch keiner gucken. Das ist einer wie 100 andere. Ich habe ihn pink bekleben lassen, damit ich ihn wiederfinde – und damit ihn ­keiner klaut, weil er so hässlich ist.

Wie lange soll die Reise gehen?

Ein halbes Jahr. Das hängt aber auch vom Wetter ab. Im Winter bin ich weg und im Sommer wieder hier. Man könnte die Tour sicher auch schneller schaffen, in einem Vierteljahr vielleicht. Aber ich möchte ja auch noch ein bisschen in Kapstadt bleiben. Dort lagere ich mein Auto ein, fliege über den Sommer nach Hause, fahre noch eine Rallye in Amerika und dann geht es im Herbst, wenn es hier schlecht wird, zurück und ich fahre an der Westküste weiter. Das wird ein bisschen schwieriger. Zum einen, weil ich allein bin. Zum anderen, weil man an die Elfenbeinküste kommt, wo man nicht überall durchkann. Aber geht nicht, gibt’s nicht. Das ist einer meiner Sprüche neben: „Siege, wenn du kannst, verliere, wenn du musst, aber kapituliere nie.“

Hatten Sie auf der zurückliegenden Weltreise schon mal eine Situa­tion, in der Sie fast hätten kapitulieren müssen?

Mehrere. Andauernd war der Motor richtig ­kaputt und ich bin zwei, drei Monate festgestanden. Deswegen ist die Reise sieben Monate länger ­geworden, als geplant. Zweimal musste ich den Motor gegen den Reservemotor austauschen lassen. Einmal in Adelaide in Australien, einmal in Kapstadt in Südafrika. Das möchte ich eigentlich nicht wieder erleben – und das wird mir mit dem Toyota mit dem neuen Motor ohne Elektronik auch sicher nicht passieren.

Heidi Hetzer ist eine durchsetzungsstarke Persönlichkeit. Das bekamen durchaus auch ihre verschiedenen Weltreisebegleiter zu spüren. 1937 als Tochter ­eines Unternehmers im Bereich Fahrzeughandel geboren, lernte sie 1954 den Beruf der Kfz-Mechanikerin, verbrachte ein Austauschjahr in den USA, machte sich mit einer Autovermietung selbständig und übernahm 1969 den elterlichen Betrieb, den sie bis 2012 leitete. Neben ihrem Hauptjob machte sie sich einen Namen als Rallyefahrerin, fuhr unter anderem die Mille Miglia, die Rallye Monte Carlo, die Panama-Alaska zusammen mit ihrem Sohn, Düsseldorf-Shanghai, die Carrera Panamericana und neunmal ihre Lieblings-Rallye, die Tour d’Europe. Vom Gas gehen? Kann man sich bei Heidi Hetzer schwer vorstellen.

Werden Ihnen der Rummel und das Reisen manchmal zu viel?

Natürlich. Aber die Welt ist so schön und die Leute so nett, dass ich doch immer wieder Lust bekomme. Man muss es eben auch wollen. Wenn ich etwas will, dann führe ich das auch zu Ende. Auf der Welt­reise gab es keinen Grund, der für mich groß genug war, um abzubrechen. Das einzige Mal, wo ich abgebrochen habe, war, als ich für eine Krebsoperation zurück nach Deutschland musste, weil das in Lima nicht möglich war und ich mich nicht verständigen konnte. Ich bin dann aber nicht nach Berlin, sondern nach Essen in die Universitätsklinik. Weil ich gesagt habe, ich komme nur zurück nach Berlin mit meinem Hudo und von Westen. Nach einem Monat war ich zurück auf Reise.

Welche Rolle spielt bei solchen Unternehmungen das Auto für Sie? Ist das lediglich Mittel zum Zweck?

Hudo ist mein Mann. Ich habe ihn geheiratet, am 13. September hatten wir fünfjährigen Hochzeitstag. Er ist sieben Jahre älter als ich und so einen alten Mann muss man pflegen. Ich musste mit ihm dauernd in die Klinik und morgens lange warmlaufen lassen. Das ist wie bei einem alten Menschen. Wenn der morgens aufsteht, kann er auch nicht gleich losrennen. Für mich hat Hudo eine Seele. Ich habe mit ihm gesprochen, wir haben zusammengehalten.

Wird Ihnen das bei Ihrem neuen Auto fehlen?

Bestimmt. Da muss sich erst die Liebe aufbauen. Diesmal ist es übrigens eine „Sie“, die Pink Lady. Das hat zwei Gründe: zum einen sind in Afrika alle Autos Frauen, sie werden mit „she“ betitelt. Und außerdem muss Hudo dann nicht eifersüchtig sein, weil ich mit einem Jüngeren unterwegs bin. Diese Fahrt durch ganz Afrika wird eine komplett andere Tour. Ich habe Glück, dass ich Malte Asmus von Maltec kennengelernt habe, der ständig selbst in der Wüste unterwegs ist. Er hat mir die Pink Lady zusammengestellt, auch wenn er erst entsetzt über meine Farbwahl war. Inzwischen hat er sich aber auch in meine Pink Lady verliebt. Sie hat Allrad, einen Motor ohne Elektronik und Tanks für rund 300 Liter Diesel. Das ist eine schöne Reichweite. Ich habe ein Hubdach, aus dem ich morgens den ­Giraffen in die Augen gucken kann, einen kleinen Kühlschrank und eine Heizung, ich kann kochen, abwaschen und habe eine Außendusche. Und ich kann das Auto auch gut verschließen und meine Wertgegenstände verstecken. Kompletter Luxus im Vergleich zu Hudo. Ich habe ja auch ein bisschen dazugelernt.

Wie war es, nach der Weltreise in den Alltag zurückzukehren?

Schlimm. Ich war unglücklich, das Wetter schlecht. Ich habe das Auto nie ganz ausgepackt und bin nie wirklich angekommen. Und habe gleich Pläne geschmiedet, wieder abzuhauen. Solange es mir gut geht, möchte ich etwas erleben.

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