Mit “Expedition Happiness” ist am 4. Mai ein neues Roadmovie in den deutschen Kinos angelaufen. Wir haben uns eine Premieren-Vorstellung angesehen und fragen uns: hat der Film Kinoformat? Ein Kommentar

(msk) Gestern Abend war ich zu Gast bei Freunden. Ich kenne Felix Starck und seine Freundin Selima Taibi nur per email, aber gestern bin ich mit ihnen auf Reise gegangen. Bin aus dem Lübecker Dauerregen direkt in ihren sensationell hübschen, umgebauten Schulbus gestiegen, hab mich mit ihrem Hund “Rudi” auf die Rückbank gesetzt und bin von Kanada bis Mexiko gereist. Hab mit ihnen die Landschaften Alaskas besucht, Sonnenuntergänge am Pazifik bestaunt und in Mexiko den einen oder anderen Flecken wiederentdeckt, an dem ich im vergangenen Jahr auch meine Füße in den Karibiksand steckte. Und nach 90 Minuten war der verlängerte April vor der Kinotür gar nicht mehr so schlimm.

Auf dem Rückweg spülte der Regen das aufkommende Fernweh ab (ja, es ist mal wieder definitiv Zeit für eine längere Tour!) und ich begann, mich auch auf andere Aspekte des Films zu besinnen. Schon, als ich davon las, dass am 4.Mai Premiere sei, war ich überrascht. Ging nicht Ende November erst der letzte Video-Blog online, mitten aus Mexiko? Und sechs Monate später nun der fertige Film? Da muss eine sehr heiße Nadel am Werk gewesen sein. Eine Befürchtung, die sich schon in den ersten Filmminuten bestätigte. Weder in die Aufarbeitung des Tons, noch in die der Bilder wurde Arbeit investiert, Sequenzen oft wahllos aneinander gestellt. Technisch gesehen ist “Expedition Happiness” unprofessionell – was bei der Vorführung auf einem Globetrotter-Treffen für Begeisterung sorgen würde, fällt im Kinosaal durch. Ein überraschend geringer Anspruch für  einen “Filmemacher”, die Berufsbezeichnung Starcks. Dem 27-jährigen, der den Film gemeinsam mit seiner Freundin in Eigenregie produziert hat, gebührt dafür auf der einen Seite großes Lob, überhaupt eine Dokumentation dieses Formates erstellt zu haben. Auf der anderen Seite wäre er gut beraten gewesen, sich für den Schritt in den Kinosaal von Profis unterstützen zu lassen. Denn es ist nicht so, dass die Reise-Dokumentation ein Zufallsprodukt ist, entstanden aus dem privat gefilmten Archiv zweier sympathisch erscheinender, lebenslustiger junger Menschen. Nein. Selbst im Film berichtet das Paar davon aufzubrechen, um einen “neuen Film zu machen”. Mit seinem ersten Film “Pedal the World” reüssierte Starck 2015 im Kino – mit ambivalenter Kritik.

Dia-Schau statt Kinoabend

Und mit diesem Gedanken stoße ich während der Rückfahrt auf des Pudels Kern. Nämlich die Frage: “was wollte der Film eigentlich bewirken?” Im Kinosaal noch dachte ich: es war schön, einen Einblick in die Tour der beiden bekommen zu haben. Es war ein Dia-Abend in XXL. Selima, Felix und Rudi beim Wandern in Alaska. Selima, Felix und Rudi beim Toben am Strand. Selima und Felix beim Tauchen in der Karibik. Und ganz viel Rudi. Das ist nett. Und hat mich emotional, als reisesüchtigen Overlander, schon in dem Moment erreicht, als die ersten Sitze aus dem Schulbus fliegen, der vor Beginn der Tour natürlich noch zum Wohnmobil umgebaut werden muss. Eigentlich wäre ich am liebsten aus dem Vortragszelt gegangen, hätte mich rüber zu den dreien an ihren Bus gesetzt und über Sinn und Unsinn von Topes in Mexiko philosophiert, die ihrem Innenausbau so nachhaltig zugesetzt haben. Aber ich sitze im Kinosaal. Der Bus ist verkauft, das Projekt Happiness beendet.

Und deshalb hätte ich von einem Kinofilm mehr erwartet. Mehr Tiefgang, mehr Choreographie, mehr Handlung. Wenn jemand, der sich “Filmemacher” nennt, mit dem Anspruch aufbricht, eine Reise-Doku zu produzieren, will ich mehr sehen, als  – mal mehr, mal wenige inszenierte – Aufsager vor einer Kamera im Selfie-Modus und unter einer – mal mehr, mal weniger legal eingesetzten – Drohne vorbeirauschende Landschaft. Da will ich die Erkenntnis, ein 12-Meter-Schulbus sei in der Stadt völlig unmöglich zu manövrieren, gerne auch im Bild sehen. Aber die Städte rauschen – aus dem Grund – nur am Seitenfenster vorbei. Seattle, Las Vegas, San Francisco, Mexico City und viele mehr. Die immer wieder eingeblendete Landkarte springt um tausende Kilometer von Punkt zu Punkt, dazwischen vierteln sich die Aufnahmen in Landschaftsschwenks, Aufsager (“krass”, “wunderschön”), Einstellungen aus Actioncams und der einen oder anderen echten dokumentarischen Szene. Es scheint, das beste Material war im Trailer schon verschossen. Das ist, für 12 Euro Eintritt, schwach.

Ich bin erst, wenn ich reise

Aber es ist auch sinnbildlich. “Ich reise, also bin ich”, reicht nicht mehr. Heute muss die Welt davon erfahren, das ich gereist bin. Kein Globetrotter bricht mehr auf eine noch so kleine Reise auf, ohne zuvor in seinem Blog sich, sein Auto, seine Beweggründe dargelegt zu haben. Postet Bilder, Geschichten, Videos, beginnt Vorträge zu halten. Und wenn das Geld nicht reicht, wird die Gemeinschaft per Crowdfunding zum spenden animiert, bestenfalls gleich für die ganze noch anstehende Reise – über die man dann anschließend berichtet. Ich bin erst, wenn ich reise. Und auch ich sitze in diesem Glashaus, hab über meine Tour Artikel und eine DVD produziert, leite ein Magazin und eine Website, die das Fernweh auch noch befeuern soll, verdiene damit mein Geld. Warum also sollte ich mich daran stören?
Weil der Film einen schalen Beigeschmack hinterlässt, zumindest für jemanden, der diese Art zu reisen lebt. Ich liebe Reiseerzählungen, weil jeder Mensch ein Land anders wahrnimmt. Es für ihn etwas besonderes ist. Ich mag die Begeisterung der Erzählung, das Leuchten in den Augen, das Schwelgen in Erinnerungen. All das finde ich in “Expedition Happiness” nur in wenigen Momenten, da kann mir auch die hervorragende Musik, gesungen von Selima Taibi (“Mogli”) nicht drüberweghelfen. Stattdessen beginne ich festzustellen, dass verdächtig häufig ein und dieselbe Modemarke in der Kamera zu sehen ist, bis hin zur Unterhose des Vaters in der Abschlussszene des Filmes. Und solche Gedanken machen nicht happy. Sondern führen zu der Erkenntnis, das “Vanlife” für viele zur Zeit einfach nur eine Mode ist, die man mal ausprobiert, mit ein paar oberflächlichen Erlebnissen kommentiert und dann wieder ablegt. Das ist in Ordnung.

Aber für eine Vorführung im Kino reicht (mir) das nicht.