ON TOUR. OFF ROAD: REISEN. AUTOS. TECHNIK.

ON TOUR. OFF ROAD: REISEN. AUTOS. TECHNIK.

Tannenbaumparade

In den USA wurde im Jahr 2025 der wohl bislang teuerste Allrad-Sprinter verkauft – greift die dortige Entwicklung dem europäischen Markt vor?

Die Weihnachtszeit ist da, der ideale Zeitpunkt, um über eine ganz spezielle Fahrzeuggattung zu sprechen. Nein, nicht die Christmas-Trucks des Coca-Cola-Konzerns – allerdings ist der Beleuchtungs- und Bling-Faktor durchaus vergleichbar: Es ist in der westlichen Welt zu einem großen Spiel geworden, Vans der Sprinterklasse so über alle Maßen zu modifizieren, dass weder in der Geldbörse Budget für Reisen übrig ist, noch dieses Fahrzeug überhaupt für eben jenen Zweck geeignet bleibt. Der US-amerikanische Hersteller Rogue Vans hat dahingehend in diesem Jahr eine Schallmauer durchbrochen, sie haben einen pompös aufgerüschten Kastenwagen für die irrwitzige Summe von 750.000 US-Dollar auf dem Markt angeboten. Und verkauft. In europäische Werte umgerechnet sind das aktuell 646.000 Euro – dafür gibt es hier so gut wie freie Auswahl bei jedem Premium-Hersteller von Fernreise-Lkw. Oder ein großes Einfamilienhaus. Oder für sieben Jahre ein Zimmer im Hamburger Atlantic Hotel, Alsterblick und Frühstück mit Udo Lindenberg inklusive.

Kastenwagen für mehr als eine halbe Million Euro

In Anbetracht dieser Absurdität drängt sich gleich ein ganzer Stapel an Fragen auf, aber – typisch deutsch – zuerst die wichtigste: WARUM? Wenn schon ein so großer Stapel Geld vorhanden ist (genau genommen ist er, in Zehn-Euro-Scheinen gerechnet, exakt doppelt so hoch wie der Wagen, der zum Verkauf stand), warum wird diese Summe nicht in etwas wirklich Passendes investiert? Den verrückten Gedanken vorausgesetzt, dieses Allrad-Reisemobil soll seine Bestimmung erfüllen (für Reisen genutzt werden), gibt es für das gleiche Geld so viele bessere Konzepte, als in einer schmalen, langen und überladenen Blechhülle zu hausen. „Was?“ werden nun die Van-Fans denken, „es gibt bessere Konzepte als den Van?“

Es ist noch keine 15 Jahre her, da war der Campingbus noch der Inbegriff des preisbewussten, preiswerten Campingvergnügens. Einfach in der Konstruktion, günstig in der Anschaffung, simpel für Laien in einen Camper verwandelbar. Mit anderen Worten, der große Campingbus war das wichtige und sinnvolle tragende Fundament einer ganzen Branche. Aber wenn möglich, hat man sich aus der Transporterhülle auch irgendwann in ein anderes Segment vorgearbeitet, um den systemrelevanten Nachteilen (schlecht zu dämmen, geringes Platzangebot im Verhältnis zur Grundfläche, vorgegebene Öffnungen, hohes Leergewicht, potentiell rostproblematisch, um nur einige zu nennen), irgendwann zu entgehen.

Heute aber passiert das, was Ende der 1990er Jahre als „Pimp my ride“ automobile Fernsehgeschichte geschrieben hat: Suboptimalen Allerweltskarossen wird ein schillerndes Leben eingehaucht, für das sie nie geboren wurden. Nur dass das, was damals meist mit einem laut lachenden und einem kräftig zwinkernden Auge zusammengepflastert wurde, heute mit größter Ernsthaftigkeit entsteht. „Was? Wir brauchen KEINEN 5-kW-Wechselrichter?“

Das Märchen von „YOLO“-Vans

Wieder einmal sind die Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika die Trendsetter. Hier, wo Reisen und Leben im Campingbus seinen offiziellen, Instagram-kompatiblen „Vanlife“-Stempel erhielt und auch im Jahr 2025 alles eine Nummer größer sein muss als anderswo auf der Welt, sind große Allrad-Sprinter seit Jahren der letzte Schrei. So sehr, dass sich sogar die an sich traditionell Geländewagen- und Pickup-orientierten 4×4-Magazine zunehmend mit der Materie befassen. Um aber in der dortigen Szene Sichtbarkeit zu erlangen, MUSS es groß sein. Nicht großartig. Groß genügt. Der Sechs-Meter-Transporter, in Europa das meistverkaufte Modell, ist in den USA deutlich unbeliebter. Dort setzt man lieber auf die Variante mit 4,025 Meter Radstand  (170 Zoll) und 7,3 Meter (290 Zoll) Karosserielänge. Hier passt einfach mehr ran, rein und rauf. Dass dann an Fahreigenschaften abseits von Teerstraßen genauso wenig übrig bleibt wie dringend benötigte Zuladung, liegt eigentlich auf der Hand, wird aber in Übersee konsequent ignoriert. So sehr, dass es ein Hersteller tatsächlich für eine gute Idee hielt, ein Video online zu stellen, das zeigte, wie ein Fahrzeug der Marke bei hohem Tempo beinahe vollständig außer Kontrolle geriet, zeitweise auf zwei Rädern fuhr und drohte umzustürzen. Das aber wurde nicht veröffentlicht, um Kunden darauf hinzuweisen, sachte mit der rollenden Monstrosität umzugehen, sondern es sollte als Beleg dafür herhalten, wie belastbar und ausentwickelt dieses Fahrzeug doch sei. Ein beim Ausweichen auf die Seite kippendes Auto – das ist schon einmal keine sehr gute Werbung gewesen.

Die Modifikationen dieser Fahrzeuge sind oftmals extrem umfangreich, viele sind bis weit über technische und geschmackliche Grenzen hinweg ausstaffiert. Vor allem bei der Bereifung gibt es mitunter bemerkenswerte Umbauten, die ohne Anpassungen kaum mit den angebotenen Getrieben harmonieren können. Kommt das Neungang-Getriebe des Sprinters schon ab sechs Prozent mehr Abrollumfang im Vergleich zur Serie ins Schwimmen und lässt den neunten Gang meist links liegen, fällt es schwer, sich auszumalen, wie sich ein Viereinhalbtonner fährt, dessen Räder auf Größen wie 285/75 R17 oder gar ein 35 Zoll großes Modell aufgerüstet wurden – das entspräche einem Plus von weit über 15 Prozent Abrollumfang. Dazu kommen im Exterieur Stahlstoßstangen vorn und hinten, Bodylift-Kits, veränderte Federn und Dämpfer, Seilwinden und vieles mehr. Weil so viel Zeug am Heck montiert ist, und die Dachterrasse nicht mehr über die ursprünglich dort montierte Leiter erreichbar ist (weil dort jetzt zwei Schrankkoffer und drei Fahrräder im Weg hängen), kommt diese nun an die Seite des Fahrzeuges – für Fußgänger, Radfahrer und Tiere eine lebensgefährliche Idee.

Außerhalb der Vereinigten Staaten sieht man Fahrzeuge dieser Hersteller bislang noch selten, erst ein einziges Mal begegnete ich (in Argentinien) einem Fahrzeug, aufgebaut von der Marke Yolo-Vans. Mit durchgehender Dachplattform, Heckstauboxen und daran angebrachtem Fahrradträger, seitlich hängenden Surf- und Sandboardracks plus drei Dachboxen muss schon das Exterieur (konservativ geschätzt) über 400 Kilogramm auf die Waage gebracht haben. Das zudem noch maximal schwerpunkt-ungünstig weit hinten und weit oben. YOLO, you only live once – entsprechend war ein ganzer Hausstand mit dabei, zwei Kinder und eine Surfstation inklusive. Dagegen ist nichts einzuwenden, weder gegen die Lebenseinstellung noch gegen das Gepäck, schließlich steht mein eigenes YOLO-Auto in der Sekunde, in der das Foto entsteht, direkt gegenüber, nicht weniger ausgestattet mit Faltboot, Surfausrüstung, Fahrrad. Was aber auf der anderen Straßenseite parkte, war nicht 6,5 Meter lang auf 3,5 Meter Radstand, sondern ein nun gut acht Meter langes, der Zwillingsbereifung nach zu urteilen über fünf Tonnen schweres Schiff, das nicht einmal in der Lage war, auf einer vierspurigen Straße in einem Zug zu wenden. Gut, dass es von Kanada bis nach Südamerika offenbar immer nur geradeaus ging, dem Lichtkegel der acht Zusatzscheinwerfer folgend.

YOLO-Van
YOLO-Van in Argentinien. Alles dran, was geht.

Ist es denn relevant, was in den USA passiert?

Sollen die US-Amerikaner doch bauen, was sie wollen, es ist ja nichts Neues, dass die Autos in Übersee schon immer etwas größer waren als hierzulande. Eine Hoffnung, die zu Recht bestand, sich aber leider nicht bestätigt. Seit jeher lassen wir uns in der Alten Welt gern von den Ideen aus den USA inspirieren, vor allem die gesamte Vanlife- und 4×4-Szene ist hierfür besonders anfällig. Und so ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass sich Trends des US-Marktes auch in Europa ausbreiten. Bei den extremen Offroadern ist das durch mangelnde Verfügbarkeit der Basisfahrzeuge etwas eingeschränkter, aber beim Mercedes Sprinter ist das nun ein Punkt, der sofort wegfällt. Mit entsprechend unmittelbaren Folgen. Noch nie waren auf dem Caravan Salon Düsseldorf so viele Marken vertreten, die große Van-Umbauten im US-Stil anboten. Noch nie war das Angebot in diesem Segment qualitativ so zweifelhaft, dass sich Branchenkenner ob der vielen nicht legalen Bauteile verwundert die Augen reiben mussten. Zahlreiche Fahrzeuge waren mit Preisschildern von weit über 200.000 Euro dekoriert  – das Interesse an Wagen dieser Art ist aber trotz zweifelhaftem Preis-Leistungs-Verhältnis groß. Wie kann das sein? Schaltet beim Anblick von Dachplattformen, Heckträgern, Scheinwerferbatterien und Seilwindenstoßstangen der Verstand so schnell aus, dass eine rationale Betrachtung dieser Fahrzeuggattung nicht mehr möglich ist? Es muss ja nicht einmal so weit gehen, dass die Konformität mit der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung hinterfragt werden muss (aber sollte). Schon die Erkenntnis, dass bei einem Vier- oder Fünf-Tonnen-Sprinter mit vier Meter Radstand die durch reichlich Zierrat und das dezente 4×4-Logo suggerierte Offroad-Tauglichkeit nichts weiter ist als eine Illusion, wäre hilfreich. Denn bereits in seiner kleinsten und leichtesten Variante ist ein Allrad-Transporter nicht das Offroad-Tier, das die Accessoires versprechen – und das kann deshalb durch mehr Länge, mehr Höhe, mehr Gewicht und mehr Ausstattung  auch nicht mehr besser werden. Gleichwohl gäbe es Wege – die haben nur alle keine Hülle aus Blech. Und sie wären nicht so teuer.

Wie ist die Lage in Europa?

Was in diesem Segment derzeit passiert, ist die Entkopplung eines Marktangebotes von echten Bedürfnissen reiseinteressierter Kunden. Hier entstehen überteuerte Blender, denen es an Funktionalität fehlt. Mag ein acht Meter langer 250.000-Dollar-Van mit dicken Reifen und Seilwinde in den USA noch als lustiges Familienspielzeug durchgehen, mit dem es am Wochenende in den nächsten Provincial Park geht, um ein bisschen auf dem Mountainbike umherzucruisen, entbehren Fahrzeuge dieser Art in Europa – und auf ernsthafter Langfahrt – jeglichem Sinn. Sie mögen in der Messehalle und in den sozialen Medien noch eine Verlockung sein, in der Realität sind sie es nicht. Weil das Längen-Breiten-Verhältnis (zu viele) Kompromisse bei Grundrissen erfordert, erst Recht, sollen vier Personen mitreisen. Weil die vorgegebenen Türöffnungen das Beladen mit großvolumigem Staugut erschweren. Weil die Struktur des Transporters bei so großer Fahrzeuglänge durch seine Torsion im Gelände leidet. Weil das Überfrachten von Heck und Dach die Fahreigenschaften massiv negativ beeinflusst. Gibt es einen Vorteil der Transporterhülle in diesem Größensegment? Nein. Jede Kabine, die zwei Meter Innenbreite bietet, kann auf geringerer Fahrzeuglänge bessere Grundrisse beherbergen, mit besserer Verteilung der Gewichte und effizienter nutzbaren Ladeflächen.

Das zu erkennen, braucht einen Schritt zurück: Auf den ersten Blick erscheint es stimmig, beim Aufstieg in eine nächsthöhere Fahrzeugklasse bei dem zu bleiben, was man gewohnt ist. Aber wer etwa bei dieser Roomtour des YOLO-Vans einmal genau hinschaut und hinhört (die Firmengründer fahren mit ihrer Baunummer eins aktuell durch Südamerika), erkennt, wie viele Improvisationen, Workarounds, Kompromisse und Zugeständnisse nötig sind, damit eine Familie auf Langfahrt in einem Van Platz findet. Und trotz der endlosen Gedankenarbeit nur ein suboptimales Fahrzeug bewegt. Aber solange für jedes Familienmitglied ein eigenes Paar Fernscheinwerfer an der Front hängt, tröstet das über alles andere hinweg.

Dass eine halbe Million Euro für einen Van auch in Deutschland gar nicht mehr so extrem weit hergeholt ist, belegen die ausgehängten Preise beim zurückliegenden Caravan Salon. 35.000 Euro pro Laufmeter Allrad-Sprinter sind beinahe schon die Regel, es waren sich aber Anbieter auch nicht zu schade, diese an sich schon unanständigen Summen noch einmal zu toppen: Wer wollte, konnte für einen 7,3-Meter-Van unglaubliche 366.000 Euro auf den Tisch legen. Noch einmal zum Vergleich: Dafür gibt es eine 12 Meter lange Segelyacht, fertig für die Weltumsegelung. Inklusive vollem Kühlschrank. Was es bei einer Yacht auch gibt: die Gewissheit, dass die Arbeit von Profis gemacht wurde, denn es gibt für eine Zulassung des Schiffes klare Regeln einzuhalten. Da kommt niemand auf die Idee, mehr Lampen anzuschrauben, als der Gesetzgeber erlaubt – nur weil es gut aussieht.

Seitenleitern und Schießscharten
Made in Schweden: 36.000 Euro pro Meter
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Made in Schweden: 36.000 Euro pro Meter
Kunstwerk Türverkleidung
Mehr Scheinwerfer als die Polizei erlaubt
sorgfältiges Handwerk
liebevolle Installationen
selbstbewusste Preise
Vollholz und Fliesen
50.000 Euro pro Meter
Hauspreise für einen Van
Risiko für Passanten?
Verhaken ist möglich
fest angeschraubt - illegal?
Optik schlägt Funktion
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Und was war jetzt am 750.000-Dollar-Van so besonders?

Dass ein Hersteller, der seine Vans gern in Flugzeughangars ablichtet, keinen 08/15-Standard bietet, liegt auf der Hand. Ob die Modelle nun Palisade, Stratos oder Warrior heißen, immer ist viel Leder und Holz garantiert. Rogue Vans tut sich dabei weniger mit besonders klugen Grundrissen hervor als mit optisch atemberaubender Gestaltung. Dafür müssen Interessenten per se mindestens 225.000 US-Dollar lockermachen, dann gibt es aber wirklich nur das Nötigste (Längssitzgruppe, die sich zum Bett wandelt, Dusche mit Vorhangtür, Mikrowelle). Ab 260.000 Dollar gibt es ein WC im Schrank (Modell Land Yacht), für 400.000 Dollar kommt das Hubbett von der Decke (Rogue Warrior). Und für 750.000 Dollar, dem nach eigenen Angaben höchsten je bezahlten Preis für einen Van? Da steckt vor allem viel Show drin. Ein Badezimmer mit Glastüren etwa, ein Weinkühler und ein Spirituosenregal. Arbeitsplatten aus Massivholz, kombiniert mit Deko-Epoxy, gleich zwei Leitern, um auf das Dach steigen zu können, sowie, natürlich, richtig fette Reifen. Damit die in die Radhäuser passten, wurde per Bodylift die Karosserie angehoben, auf die beim Sprinter ohnehin chronisch zu schwere Vorderachse wurde noch eine Windenstoßstange gepflanzt.
Aus der Erfahrung heraus, dass schon klug gebaute Sieben-Meter-Sprinter selten leichter sind als 3,8 Tonnen, sollte hier vermutlich der Spirituosenvorrat vor der Abreise geleert werden, damit der 4,1-Tonner nicht vollständig überladen herumfährt.

Alles dran was geht: Rogue SC1
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Alles dran was geht: Rogue SC1
Ersatzrad, Transportbox, E-Moped: 150 Kilogramm +
Massivholz, teils mehrere Zentimeter dick
Eine Nasszelle mit Glastüren
Elektrik hinter Plexiglas, gelederte Hecktüren
Wenige Stauraum, aber ein Monitor anstatt Fenster
Sichtbare Schrauben, improvisiertes E-Panel, dickes Sperrholz
Lautsprecher und Monitor – ein Arbeitsplatz?
Damit die großen Räder Platz finden: Bodylift mit Klötzen
4,1 Tonnen Gesamtgewicht – was wohl an Zuladung bleibt?
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