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Probefahrt: Lorinser Puch – Platz ist in der kleinsten Kommandohütte

Dass sich ein deutscher Edeltuner einen robusten Armeewagen aussucht, um daraus seinen ersten Camper zu bauen, hätte wohl keiner erwartet. Hier ist das Ergebnis

Lorinser. Wer auch nur einen ­Funken Ahnung von Autos hat, wird wissen: Die Worte „tief”, „schnell” und „nobel” sind mit diesem Betrieb aus Winnenden so eng ­verwoben wie die Stickerei auf dem ­Ledersitz. Was also wollen die Schwaben mit einem Kommandowagen der ­Schweizer Armee? Nicht tieferzulegen, nicht schneller zu machen, ganz sicher bar ­jeder Noblesse. Nicht einmal ein Mercedes-Stern prangt auf der Haube! Zeit und Gelegenheit, sich zu wundern.

 

Bewährte Klassiksparte, neue Idee

Die Frage, was so ein Fachbetrieb für Hochpreisiges mit gebrauchten Puchs in Olivgrün am Hut hat, ist jedoch überraschend einfach zu beantworten: Schon seit vielen Jahren hat Lorinser eine sehr erfolgreiche Abteilung für klassische Daimler – und dort hat man vor einiger Zeit für den Kauf eines Postens alter Kommando­wagen geboten. Mal etwas ­Frisches ausprobieren, abseits von SL und Pagode. Aber was machen mit den knubbeligen Wagen? Mit Baujahren aus den frühen 1990er-Jahren sind sie für ein aufpoliertes Dasein als Klassiker noch zu jung, als Alltagsauto aber auch irgendwie zu unförmig und unelegant.

Als Offroad-­Camper aber ist der 4,21 Meter kurze 230 GE eine perfekte Basis. Perfekt auch deshalb, weil der Puch mit seinem 115 PS starken Benzinmotor nicht zum Rasen animiert, aber bei ­gemütlichem Reisetempo nötige Reserven bei ruhigem Lauf bereithält. Vier Gänge, Zuschalt-Allrad, Untersetzungsgetriebe und eine Differentialsperre an der Hinterachse sind ebenfalls an Bord, zusammen mit den knackig-kurzen Überhängen und einem lächerlich kurzen Radstand von 2,4 Metern, fühlt sich der Wagen vor allem in engem Terrain richtig wohl. Dass der Aufbau dabei 2,38 Meter in die Höhe ragt, erscheint auf den ersten Blick zwar optisch gewöhnungsbedürftig, eine Einschränkung ist dieses Maß aber nicht. Dafür gibt es hinter den Fahrer­sitzen üppig Platz – und so etwas, das man mit viel Liebe Stehhöhe nennen kann. 

 

Gut gepflegt, top restauriert

Vom Schweizer Militär schon in einem genutzten, aber soliden Zustand ausgemustert – der Testwagen aus 1993 hatte 88.000 Kilometer auf dem Tacho – zeigten die Mitarbeiter der Lorinser-Classic­sparte erst einmal ihr Können. Gestrahlter und neu beschichteter Unterboden, frische Lackierung in mattem Grüngrau, aufgepolsterte und neu bezogene Original­sitze, LED-Scheinwerfer und neue Stahlfelgen mit 16-Zoll-AT-­Bereifung lassen den Veteranen dastehen als käme er direkt aus der Fabrik. Und das nicht nur aus drei Metern ­Betrachtungsabstand, sondern auch dann, wenn der Kopf unter der Motorhaube verschwindet. So wünscht man sich einen Gebrauchtwagen! Ergänzt wird die saubere Arbeit mit stilistisch passenden Anbauteilen und Details. Dass in den Sitzen und auf der Ersatzradhülle das Firmenlogo eingestickt ist, spiegelt die Art des Hauses wider, doch im Gegensatz zu den tiefergelegten Benzen im Obergeschoss des Unternehmens strahlt der G eine so bodenständige Sympathie aus, dass man sofort einsteigen und losfahren möchte.

 

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Gleichzeitig weiß man: Wenn in einigen Jahren ein H-Kennzeichen möglich wäre, wird der Gutachter dies aufgrund der originalen Anmutung gern vergeben. Treckert man sich dann vom Hof des Autohauses, fällt zunächst auf, dass man auch in einem Geländewagen sitzend nicht zwangsläufig zu den dicksten ­Fischen an der Ampel gehören muss. Und das fühlt sich gut an! Das gilt nicht unbedingt für die Sitzposition hinter dem Volant (eng!), die Kraftentfaltung beim Überholmanöver (zäh!) oder die Freude an der Tanksäule (durstig!), aber das Wissen, auf dem vergleichbaren Radstand und der Grundfläche eines VW Golf 3 ein vollständig geländetaugliches Wohnmobil spazieren zu fahren, lässt einen grinsen. Das wird natürlich abseits der Straße noch breiter. Böschungs­winkel von 37 Grad vorn und 32 Grad unter der Hecktür sind ordentlich, die 265/70 R16 BF Goodrich AT ein perfektes Update der beim W460 original vorgesehenen 205/80 R16: Etwas mehr Breite und Höhe, ohne deplatziert zu wirken. Die Dotz Dakar ist als zeitlose Stahlfelge eine gute Ergänzung. Geschmacksache: die großen Nachrüst-­Bügelspiegel an dem sonst eher ­zierlichen Auto.

 

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Der Eingang zum Wohnraum: die große Hecktür

Lorinser Puch Camper

Basis: Puch G 230 GE

Motor: 2,3-l-Benzin, 115 PS

Kabine: GFK-Hardtop

Bodenfläche: 172 x 140 cm

Außenmaß: 421 x 174 x 238 cm

Leerg. Testw.: 2.500 kg

Preis: 69.900 Euro

Hersteller: lorinser.com

 

 

Der Deckel macht den Unterschied

Dass ein G im Gelände eine gute Figur macht, der kleine noch mehr als der große Fünftürer, ist weder Geheimnis noch Überraschung – sonst hätten nicht die Armeen von Österreich und der Schweiz so zahlreich bei Daimler Steyr Puch in Graz geordert. Den eigentlichen Vogel schießt das Hardtop aus GFK ab, von Lorinser stilsicher mit den Grafiken einer historischen Landkarte foliert. Das macht aus der Pritsche ein Wohn- und Schlafzimmer für eine oder zwei Personen. Damit das gelingt, müssen die 1,72 Meter Bodenlänge und 1,4 Meter Breite optimal genutzt werden – und Lorinser hat hier keine Spielereien versucht. Eine Sitzbank, die sich zum Bett erweitern lässt, gibt es zur Linken, eine Möbelzeile mit Spüle und viel Stauraum füllt die Beifahrerseite auf. Dazwischen ein Gang mit guten 50 Zentimetern Breite. So weit, so funktional.

Den Ausbau verantwortet ein Wohnmobil-Tischler aus der Region, alles ist solide und sauber gebaut. Den Charme, den der Wagen außen versprüht, kann das Mobiliar aber nicht aufgreifen. Vielleicht gerade, weil ein Reisemobilprofi hier verantwortlich zeichnet, und auf etablierte Standards zurückgriff. Einzige Überraschung ist der ­Alkoven oberhalb des Fahrerhauses. Statt dessen großes Volumen für ein Kleider­fach zu nutzen, stecken dort eine Mikrowelle (Ja. Eine Mikrowelle.) und die Bedienteile für Heizung und Elektrokomponenten. Das sieht zwar aufgeräumt aus, ist aber die größte Platzverschwendung im gesamten Auto – zumal die Mikrowelle die wohl unpassendste Ausstattung ist, die man sich denken kann. Überhaupt, ein Wort zur Elektrik.

Die verwendeten Komponenten einfacher Bauart und Qualität sind nicht allzu liebevoll verdrahtet und teilen sich den Montageort mit dem Wassertank. Das geht deutlich besser – passend zur restlichen Bauqualität. Einen guten Camper zeichnet eben nicht nur ein schönes Äußeres aus, sondern auch ein durchdachtes Inneres. Hier ist auch ein Blick auf das Preisschild wichtig, um zu sehen, wie groß die Erwartungen sein dürfen: 69.900 Euro soll der Vorführwagen kosten, das ist viel und wenig Geld zugleich. Viel, vergleicht man Preis und Raumangebot mit dem Pössl von Seite 72. Wenig, hält man sich vor Augen, was schon ein unrestaurierter 230 GE kostet, unter 20 .000 Euro geht da meist nicht viel. Und das, was Lorinser hier auf die Beine gestellt hat, ist von einer rustikalen Nutzfahrzeug-­Sanierung meilenweit entfernt.

 

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Alles drin für lange Touren

Gemessen an seiner Länge, ist der nutzbare Innenraum spektakulär. Auch mit zwei Personen wird es nicht eng, das Stauvolumen in den Schränken ist üppig und sinnvoll unterteilt, der Tisch groß, Wasser- und Stromreserven mehr als ausreichend. Mehr Komfort kann man sich auf 4,2 Metern Länge kaum vorstellen. In diesem Format schläft man üblicherweise im Dachzelt oder einem ultrakurzen Aufstelldach und kann nicht aus drei Glasfenstern und einer Dachluke nach draußen schauen, während es Bindfäden regnet und die Standheizung einem die Füße wärmt. Die wichtigste Frage aber ist: Wie lässt sich auf 1,7 Metern Aufbaulänge ein ernstzunehmendes Bett unterbringen? Dafür muss im Lorinser kurz umgebaut werden: Fahrer- und Beifahrersitz nach vorn schieben, Rückenlehne nach vorn neigen und die Erweiterungs­fläche des Bettes in die Horizontale kippen. Lässig: Die Scharniere rasten auch bei etwas mehr als 90 Grad ein, damit ist der Kopfbereich bei Interesse etwas höher eingestellt – wie im Luxusbett daheim.

Dann noch den Truhendeckel und das Sitzpolster ausklappen (es bleiben fünf Zentimeter Matratzenstärke), schon steht ein Bett mit 2 x 1,1 Metern Größe zur Verfügung. Wer allein reist, gibt sich der Einfachheit halber mit der schmalen Bank zufrieden (55 Zentimeter), das spart fünf Minuten Betten­bauen am Abend. Moskitonetze und Rollos an den Schiebefenstern sind guter Reisemobil­standard, genauso wie die große Dachluke und die Pushlock-Möbel­verschlüsse. Die HPL-Oberfläche der Möbel (insgesamt über 400 Liter Stau­volumen) ist sehr robust, die Stofftaschen auf der Fahrerseite funktionieren – mit Bekleidung vollgepackt – auch als Rückenlehne.

Was fehlt, ist eine Kühlmöglichkeit. Weder Schrank noch Box noch überhaupt ein Platz zum Abstellen ist eingeplant, auch wer ein portables WC unterbringen möchte, wird nicht fündig. Gut hingegen: Der Anschluss für eine Außendusche liegt direkt an der Hecktür und auf dem Dach schafft ein großes Solarmodul Nachschub in die 24-Volt-Batteriebank. So ausgestattet, bringt der Lorinser-Puch ziemlich exakt 2,5 Tonnen auf die Waage, viel leichter kann ein 4×4-Camper kaum sein. Ein Offroad-Wohnmobil vom Edeltuner, das hätte auch ganz anders enden können. Auch wenn der Puch von Lorinser noch etwas Optimierungspotential im Innenraum besitzt (Mikrowelle raus, Kochstelle, Kühlbox, Klo rein) hat man in Winnenden eine ziemlich gute Premiere hingelegt.

 

Nicht schlecht,  fürs erste Mal

Der kleine Wagen punktet mit seinen kompakten Maßen und der Reduktion auf das, was eben auf Reisen nötig ist: ein Bett in trockenen vier Wänden, zwei Sitzplätze, etwas Stauraum, Kochmöglichkeit und fließend Wasser. Alles verpackt in einer sorgfältig renovierten Hülle. Dass unter der Haube ein für Overlander unüblicher Benzinmotor steckt, sollte kein Hindernis sein – es sei denn, der Wagen soll als Alltags­mobil eingesetzt werden. Doch dazu sind Fahrzeuge dieser Preisklasse eh zu schade. Viel wichtiger: eine Anprobe. Denn eine Puppenstube auf vier Rädern passt nicht zu jedem. Auch wenn früher einmal ein Kommandant drinsaß.   

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