„Ivan“, der Schreckliche

Mit einem russischen Oldtimer will Remó Kirsch in die Mongolei reisen. Bis der GAZ 66 reisefertig war, vergingen 16 aufregende Monate

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Noch einmal an den Ort zurückkehren, an dem er einst als Kind gelebt hat – das war der Wunsch von Remó Kirsch. Und dieser Ort ist die Mongolei. Dorthin will er reisen, um Verwandte zu besuchen und herauszufinden, ob seine Erinnerung an das Land ein Traum ist oder der Wirklichkeit entspricht. Gemeinsam mit Roland Schröder, ­einem guten Freund, möchte der Potsdamer durch Russland und die Mongolei fahren, am besten in einem passenden Reisemobil. Aber welches nehmen?

Der Buhanka, ein russischer Kleintransporter, war zunächst durchaus attraktiv, aber für zwei ausgewachsene Männer einfach etwas zu klein. Bei einem ersten Besuch in der Mongolei, der schon ein paar Jahre zurücklag, gab ein Einheimischer den Tipp, sich nach einem GAZ 66 umzuschauen, einem russischen Oldie – ab da stand eine Alternative nie mehr zur Debatte.

 

Hinter dem grimmigen Grill des GAZ steckt ein ebenso grimmiger V8-Benziner, im Cockpit herrscht rustikale Schlichtheit

 

Nur ist es nicht allzu einfach, ein solches Relikt in verwendbarem Zustand zu bekommen. Fündig wurde Kirsch letztlich bei einer tschechischen Lkw-Fachwerkstatt, bei der sich alte russische Fahrzeuge auf dem Hof stapelten. Doch auch das Fahrzeug seiner Wahl – immerhin Baujahr 1976 – offenbarte zunehmend Mängel und verdankt seinem Zustand zu Beginn des Ausbaus den Namen „Ivan der Schreckliche“.

Hiebe statt Liebe

Genau wie sein Namensgeber, ­verbrachte Ivan keine schöne Jugend. Während Iwan IV., erster (selbsternannter) Zar Russlands, nach dem Tod seiner Eltern von seinen neuen Vormündern verachtet und lieblos behandelt wurde, geschah selbiges etwa 480 Jahre später in der tschechischen Fachwerkstatt. Hübsch anzusehen war der GAZ 66 beim Kauf zwar – doch mangelte es ihm bis dahin deutlich an Pflege. Eine Zulassung vom TÜV hat er trotzdem bekommen. „Technisch war erst einmal alles in Ordnung, aber dann fiel immer mehr nacheinander aus“, erinnert sich Kirsch.

Statt Bremsbeläge mit acht Millimetern Dicke zu verbauen, verpasste ihm die Werkstatt zwölf Millimeter dicke Beläge – und flexte den überschüssigen Teil einfach ab. Die unsaubere Arbeit brachte das Fahrzeug beim Bremsen zum Schreien, die Scheiben überhitzten. An fast allen Stellen fehlte es an Fett, die Radlager lagen fast trocken. Kein Wunder, dass er sich eines Tages rächen würde. So wie Iwan IV., der mangels Fürsorge und Liebe als jugendlicher Zar seinen rachsüchtigen Charakter entwickelte. Seine traumatische Kindheit nutzte er als Ausrede für Gräueltaten, die ihm seinen Namen bescherten – Folter wurde seine große Liebe.

Um mehr über das in Deutschland sehr exotische Fahrzeugmodell zu lernen, besuchten die beiden Potsdamer an Wochenenden Militärfahrzeug-Treffen und reihten sich mit ihrem Campinglaster zwischen Panzern ein. Fast jedes Mal blieb Ivan auf dem Weg dorthin aus einem anderen Grund liegen – eine wahre Qual. Doch jedes Mal lernten seine neuen Besitzer über ihren Oldtimer dazu. Kirsch, der nie zuvor an den Kauf eines Reisemobils gedacht, geschweige denn an einem Fahrzeug geschraubt hatte, fing an, das Auto nach und nach auseinanderzubauen und seine Komponenten auszutauschen. Wie ihm das gelang? „Das meiste ist selbst­erklärend. In der Mongolei muss man es schließlich auch reparieren können“, winkt er ab, sein technisches (Schweißtechnik-) Hintergrundwissen aus dem eigenen Betrieb wird seinen übrigen Beitrag geleistet haben.

 

Ewige Jugend oder fiese Intrigen?

Bis auf den 115 PS starken V8-Benziner und das Verteilergetriebe wechselte der Selbstausbauer jedes Teil – von spröden Gummidichtungen und alten Rohren über Kraftstoff- und Wasserpumpe bis hin zum mehrmaligen Austausch des Vergasers und der Überarbeitung der original verbauten Reifendruckregelanlage. Da war es gut, dass für den Ersatz meist russische Originalteile verfügbar waren – preiswert und zuverlässig. Während der GAZ in Russland mit 6,78 Tonnen zugelassen ist, muss man sich in Deutschland mit einer Tonne weniger zufrieden geben – und es reicht: Ivan wiegt mit vollen Tanks schlanke 5,5 Tonnen.

 

Im Führerhaus ist fast alles im Originalzustand. Gurte gibt es keine

 

Offen bleibt, wie viele Kilometer der Oldtimer bereits gelaufen ist. „Uns wurde erklärt, dass – aus welchen Gründen auch immer – bei jedem Ölwechsel bei 15.000 Kilometern der Tacho mitgetauscht wurde. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum auf dem Markt die meisten GAZ 66 mit dieser Laufleistung zu finden sind. „Bei Ivan waren es beim Kauf im September 2017 etwa 14.000 Kilometer“, erinnert sich Kirsch. Das wird sich schnell ändern, denn 300 Kilometer planen sie auf ihrer Reise pro Tag zurückzu­legen, nach drei Monaten wollen sie wieder zu Hause sein. Ganz schön anstrengend, wenn man die Lautstärke im Führerhaus bedenkt, der Motor sitzt zwischen Fahrer und Beifahrer. Während der Fahrt macht er sich röhrend und brummend bemerkbar, während Ivan sich langsam, aber sicher über die bucklige Piste schiebt. Der schlimmste Lärm des Motors wurde bereits nachträglich abgeschirmt, mit Alubutyl und Filz. Ein Wust aus Schaltknüppel und anderen Hebeln sitzt direkt hinter dem Motor, schon fast zu dicht an der Rückwand des Fahrerhauses. Dieses Fahrzeug kann defintiv nicht jeder handhaben.

Sollte es in der Mongolei einmal brenzlig werden, ist der 4×4 aber bestens ausgestattet: der Allrad ist zuschaltbar, die Sperren schalten automatisch ein. Große Heldentaten haben die beiden Freunde mit dem Fahrzeug jedoch nicht vor – auch, wenn es dazu durchaus in der Lage wäre, wie russische Youtube-Videos beweisen.

 

Sinnvoll genutzt

Als gebildet galt er, der schreckliche Zar von Russland. So ließ er auch die Kinder lehren und die erste russische Druckerei gründen. Die Erfindung des Druckers machten sich Schröder und Kirsch zunutze, denn sie beschrifteten Staufächer, Schubladen und Lichtschalter. Da Kirsch den Großteil des Ausbaus der Vierpunkt-­gelagerten Originalkabine vornahm, soll sein Freund so die Funktionen ebenfalls schnell erkennen können.

Der Aufbau der Kabine ist klassisch: Von der Hecktür gelangt man durch die Dusche in die Kabine. Zur Linken sind Waschbecken und Porta Potti, zur Rechten ein Schrank. Auf beiden Seiten erstrecken sich dahinter 1,8 Meter lange Arbeitsplatten aus 18 Millimeter dickem Buchenholz mit eingelassenen Steckdosen. An der Wand der linken Küchenzeile befindet sich ein schmales Staufach für Campingstühle – in diesem Fahrzeug bleibt kein Zentimeter ungenutzt. Davor kann man auf dem Zweiflammenkochfeld mit Gas kochen, alternativ ist für draußen ein Campingkocher an Bord. Hebt man die Arbeitsplatte auf der rechten Fahrzeugseite an oder öffnet die Türen der Unterschränke, kommt jede Menge Stauraum zum Vorschein. Den füllen die beiden mit Kleidung und Ersatzteilen, verpackt in Euroboxen. Eine sinnvolle Idee: als Unterkonstruk­tion kamen gewöhnliche Küchenschränke zum Einsatz, die sonst auf dem Müll gelandet wären.

 

GAZ 66
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Einiges in der Kabine blieb im Originalzustand, so auch die Decken-Beleuchtung in knappen 1,78 Metern Höhe und die vielen, zweifach verglasten Fenster – ein wahrer Hingucker. Zwölf davon bringen viel Tageslicht in die Kabine und so verzichtete das Duo auf Hochschränke, um sie nicht zu verdecken. Als eine unliebsame Aufgabe stellte sich der Ein- und Ausbau aller 24 Scheiben heraus, um sie neu abzudichten. Eine UV-Schutzfolie dient gleichzeitig als Sichtschutz.

In der Front des 3,67 Meter langen Koffers befindet sich das Doppelstockbett. Die Polster sowie die Verdunklungsrollos und die Beschichtung für die Türen im Camouflage-Look nähte die Ehefrau von Kirsch. Die Farbe wählten die Männer, um den Lkw möglichst originalgetreu wiederherzustellen. Die obere Liegefläche (2 x 0,74 Meter) kann zur Decke hochgeklappt werden, sodass die untere (2 x 1,23 Meter) zur Sitzgruppe umgebaut werden kann. Darunter befindet sich weiterer Stauraum sowie Platz für die vier 100 Amperestunden starken AGM-Batterien, die den Toaster und den handelsüblichen Kühlschrank betreiben – das Fahrzeug ist auf 230 Volt ausgelegt, auf dem Dach sind Solarpanele mit 480 Watt Leistung aufgeklebt. Da Ivan nur für diese eine Reise gebaut wurde, wählte Kirsch möglichst kostengünstige Materialien. Verzichten wollten die Reisenden dagegen nicht auf Warmwasser, ein Wärmetauscher erhitzt deshalb während der Fahrt das Wasser in einem der beiden 76-Liter-Tanks – der andere ist für das Kaltwasser. Für den Notfall ist ein wechselstrombetriebener Fünf-Liter-­Boiler dabei. Die gesamte elektrische Versorgung läuft über zwei Inverter mit drei Kilowatt Nennleistung. Für den Fall, dass einer der Wechselrichter ausfallen sollte, entschieden sich die Potsdamer für einen redundanten Doppelstromkreis.

 

GAZ 66 „Ivan“

  • Basis: GAZ 66
  • Baujahr: 1976
  • Leergewicht: 5,5 t
  • Gesamtgewicht:  5,78 t
  • Motor: 4,3l V8-Ottomotor
  • Leistung: 115 PS
  • Antrieb: Allrad zuschaltbar, Sperre automatisch
  • Außenmaße: 6,28 x 2,40 x 3,00 m
  • Innenmaße: 3,67 x 2,25 x 1,78 m
  • Schlafplätze: 2

 

Liebe statt Hiebe

Vor der Reise wollen sie noch einmal alle Öl- und Flüssigkeitsstände prüfen, sie wissen noch nicht, wie viel der GAZ 66 verbraucht. Nach dem fälligen Tausch des Bremskraftverstärkers ist er dann abfahr­bereit – in den letzten 16 Monaten hat er die Pflege bekommen, die ihm in den vorherigen 43 Jahren verwehrt wurde.

Ob die beiden schon wissen, wo es nach dieser Reise hingeht? „Vielleicht nach Kirgistan, Kasachstan oder Kaliningrad. In Russland liegen die Benzinpreise bei 50 bis 60 Cent!“, liebäugelt Roland Schröder mit den nächsten Zielen während Remó Kirsch einlenkt: „Eigentlich war Ivan als Einweg-Fahrzeug gedacht.“ Als Gefährt für diese eine Tour zurück in die Kindheit. Eigentlich sei er auch gar kein Camper, ergänzt der Globetrotter-Novize, aber für die Reise durch die Mongolei schien der GAZ 66 das beste Fortbewegungsmittel und Unterkunft zugleich zu sein. Ganz abgeneigt ist er dennoch nicht. So schrecklich ist Ivan gar nicht.

 

Bauphase

 

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